hier nie Friede werden , nie Freiheit und Gesetz hieher zurückkehren ? Der Herzog kann uns nicht herausziehen . Er will sein frommhochzeitlich Kleid nicht beflecken . Doch auch ich habe eine Rede Gottes für mich . Ich wölbe mir die Himmel – spricht der Herr – den Spielraum der Erde aber überließ ich den Menschenkindern ... Siehst du nicht , Lucretia , wie wir alle in diesen Bürgerkriegen Gebornen ein freches , schuldiges Geschlecht sind ! . . . und ein unseliges . Dort hat der Bruder den Bruder erschlagen und hier liegt trennend eine Leiche zwischen zweien , die sich lieben und angehören . Darum laß uns nicht kleiner sein als unser Los ! Ich stehe am Steuer und lenke Bündens Schifflein durch die Klippen mit schon längst blutüberströmten Händen . – Nimm ein Ruder und hilf mir ! Zweifle nur jetzt nicht an mir , hilf mir Lucretia ! « drang er in sie . » Und was willst du , daß ich tun soll ? « sagte die Bündnerin und ihre Augen begannen unternehmend zu leuchten . » Gehe nach Mailand « , fiel er rasch und freudig ein , » dort findest du den Pancraz , der dich beim Gubernatore einführen wird . Serbelloni kennt dich von früher her als die , welche du bist . Unterhandle mit ihm über die Bedingungen , die ich dir niederschreiben will . Hast du mir etwas zu berichten , so tue es durch den Pater , dessen Beistand dir in allen Fällen gewiß ist . « » Ist es dein Ernst « , fragte sie erstaunt , » wenn du mich als deine Unterhändlerin nach Italien schickst ? Wie will ich mich im Labyrinthe der Politik zurechtfinden ? « » Ich verlange nichts von dir « , ermutigte er , » als was du kannst und ich dir auch sonst zutraue : daß du mein Geheimnis bewahrest , und müßtest du es mit dem Leben schützen , und daß du in der Unterhandlung von meinen Bedingungen nicht um eine Linie abweichest . Im übrigen wird dich der brave Pancraz vortrefflich beraten . Gib mir Tinte und Feder , ich will dir die Punkte aufzeichnen , die du festzuhalten hast . « Lucretia erhob sich und schritt zu der mit astreichem Nußbaumholze bekleideten Rückwand des Turmzimmers . Dort ließ sie die Platte ihres in das Getäfel kunstreich eingefügten Schreibtisches auf die gabelförmige Eisenstütze nieder und der Oberst schrieb , während ihm das Fräulein aufmerksam über die Schulter blickte : » Donna Lucretia Planta , meine Bevollmächtigte , wird mit der Exzellenz des Herzogs Serbelloni für mich auf Grund folgender Bedingungen unterhandeln : Der Gubernatore stellt einen Heerhaufen von über zehntausend Mann bei Fort Fuentes an den Eingang des Veltlins . Er trifft das Abkommen mit dem Hofe in Innsbruck , daß ein kaiserlicher Heerhaufe von derselben Stärke gegen die bündnerische Nordgrenze bei Finstermünz und am Luziensteig vorrücke . Die Führer beider Heere gehorchen dem Obersten Jenatsch und betreten den Bündnerboden nicht ohne dieses Obersten schriftlichen Befehl . Der Oberst Jenatsch verpflichtet sich gegenüber Spanien in weniger als Jahresfrist den Abzug aller in Bünden stehenden französischen Truppen bis auf den letzten Mann zu bewirken . Dafür verspricht die Krone Spanien , die völlige Unabhängigkeit der drei Bünde in ihren alten Grenzen anzuerkennen und zu gewährleisten . « Noch einmal überschaute Jenatsch die trocknenden Federzüge , dann setzte er seinen vollen Namen unter das Schriftstück . Während er vor der ihm entgegentretenden Gestalt einer ungeheuern Tat insgeheim erbebte , wie vor einem heraufbeschworenen Dämon , der ihm helfen oder ihn verderben konnte , war das Fräulein mit ihren Blicken den seinigen über das Blatt gefolgt und hatte sich mit einem Unternehmen , dessen praktische Seite ihr einleuchtete , schneller als zu erwarten war vertraut gemacht . Es schien ihr , daß es sich um einen raschen , klar geplanten , vielleicht unblutigen Handstreich handelte , und das war ihr lieber , als wenn ihrer einfachen Natur zugemutet worden wäre , die Fäden eines verwickelten Intrigennetzes in die Hand zu nehmen und zusammenzuknüpfen . In dem Augenblicke als Jenatsch die Vollmacht zusammenfaltete und dem Fräulein übergab , zeigte sich der alte Kastellan , der seine Rückkehr möglichst beschleunigt hatte , auf der Schwelle und der Oberst befahl ihm , seinen Rappen vorzuführen . » Diesen grauen Bären vergiß mir nicht auf die Fahrt mitzunehmen , Lucretia , seine Treue ist alt und seine Tatzen sind noch gefährlich « , sagte er freundlich , sprang auf und trat mit dem Fräulein ans Fenster . Er zögerte zu scheiden . » Die Nacht ist klar geworden « , sprach er hinausblickend , » wann gedenkst du zu reisen ? « » Morgen vor Tag « , erwiderte Lucretia . » Durch Pancraz wirst du zuerst von mir hören . Jürg , du bist ein gar großer Herr geworden – wie könnt es dir fehlen , wenn Kapuziner und Frauen für dich botenlaufen ! « Und die Tränen traten ihr in die Augen . Dieses halb mutwillige , halb traurige Wort gehörte wieder ganz der Lucretia seiner Jugendtage . Sie stand neben ihm , nur größer und herrlicher , neu erblüht zu bräunlicher Gesundheit im Hauche ihrer Berge . Der Nachtwind bewegte die Löckchen an ihren Schläfen , die sich aus der Krone der dicken dunkeln Flechten gelöst hatten , und ihre leuchtenden Augen blickten ihn an mit einer lautern Kraft , wie sie unter dem ermattenden Himmel des Südens nicht gedeiht . Alte liebe Erinnerungen erwachten in ihm , er widerstand nicht und umfing sie . » Mir ist , es sei noch nicht lange her , daß wir da unten miteinander spielten « , sagte er weich und zeigte auf die im Herbstwinde leise rauschenden Bäume des Riedberger Schloßgartens nieder . Sie fuhr schaudernd zusammen – ihr Vater war vor ihr aufgestiegen – und blickte , von Jürg sich abwendend , ins Dunkel hinaus . » Was ziehn dort für Lichter auf der