, was in diesem Augenblick unentwirrt unter der gestaltenden Hand des Schicksals lag ? Saß die Tante je dort in dem heißgewünschten grünen Sommerasyl , stillbeglückt , frohen Gemüthes , wie einst im kleinen Pfarrgarten ? Wenn ihr Liebling unglücklich wurde , wenn sie ihn verlor , niemals ! Mit scheuem Blick bog Käthe um die westliche Hausecke . Der gedämpfte Schein einer Nachtlampe fiel aus den Fenstern des Krankenzimmers . Noch war der Kampf nicht zu Ende . In der einen Fensternische stand der Doktor , den Rücken dem jungen Mädchen zugewandt , ungebeugt , aber den rechten Arm gehoben , als fordere er Schweigen . Was mochte sie eben gesagt haben , die im dunklen Hintergrund stand , nicht so hoch von Gestalt , daß man mehr hätte sehen können , als die trotzig schüttelnde Bewegung der weißen Spitzenkante über dem goldblonden Schein der Stirnlöckchen – hatte sie wieder mit Impertinenz an seinen Beruf gerührt ? Käthe fühlte in nervöser Aufregung ihre Zähne zusammenschlagen , aber es kam auch ein Zorn , eine Erbitterung über sie , als müsse sie dazwischen springen und die Treulose mit Gewalt auf ihre Pflicht zurückführen . Sollte sie nicht doch hineingehen , an seine Seite treten und der wortbrüchigen Schwester die ganze Empörung , die ganze Verachtung ihres Mädchenherzens in das Gesicht schleudern ? Welch ein Gedanke ! Was würde er zu dieser Einmischung einer Dritten sagen ? Und wenn er diese Dritte nur mit einem kühlen , befremdeten Blicke maß , wenn er sie schweigend bei Seite schob , wie er neulich mit den „ aufdringlichen “ kleinen blauen Blumen gethan – in die Erde müßte sie sinken vor Beschämung . Käthe ging schleunigst weiter . Jetzt durchschüttelte Eiseskälte ihren Körper , und das starke Mädchen mit dem sonnenhellen Geiste und den kerngesunden Nerven überschlich ein wunderliches Grauen vor der Einsamkeit , in der sie wandelte , vor dem kraftlosen Licht der bleichgoldenen Sichel am Himmel und dem monoton gurgelnden Gemurmel der vorbeischießenden Flußwellen . Hinter dem Küchenfenster sah sie die Tante neben der blanken zinnernen Küchenlampe sitzen und Gemüse für den morgenden Mittagstisch putzen – ein milder Gegensatz zu der bewegten Szene im Krankenzimmer . So friedlich und beschwichtigend das Bild auch war , dahinein durfte sie sich mit der fieberhaften Spannung in Seele und Körper , mit ihrer Angst vor dem Kommenden nicht wagen ; sie hätte ihren erregten Zustand nicht verbergen können vor den klaren Augen der alten Frau . Die Hausthür stand noch offen , die der Küche aber war geschlossen . Käthe schlüpfte auf den Zehen durch den dunklen Flur und trat in das Zimmer der Tante Diakonus . Hier wollte sie versuchen , ruhiger zu werden , in diesem dunkelnden , köstlich stillen , anheimelnden Stübchen voll Blumenathem und sonst durchwärmter , reiner Luft . Sie setzte sich in den Lehnstuhl hinter dem Nähtisch . Die Lorbeerbäume wölbten sich zur Laube über und neben ihr ; die Narzissen , Veilchen und Maiblumen auf den Fenstersimsen dufteten betäubend süß , und der Kanarienvogel , der sich ’ s eben im Dämmerdunkel zur Nachtruhe bequem gemacht , hüpfte piepend und erregt in seinem Käfig von einem Stengel zum andern – es war doch Leben neben ihr , wenn auch nur das einer erschreckten Vogelseele . Aber ruhiger wurde sie nicht . Durch diese Räume war die schöne Verlassene im Witwenschleier gewandelt , und die lächelnden Genien , die noch an der Stuckdecke schwebten , hatten auf ihre Schmerzensausbrüche , ihre Todesnoth niedergesehen . Käthe wehrte sich vergebens gegen die Spukgestalt und den Gedanken , daß auch Bruck den Trennungsschmerz nicht überleben werde . Henriette hatte das gesagt ; sie hatte seine tiefe , heiße Liebe in der ersten Verlobungszeit gesehen – sie mußte es wissen . Die Tante kam herein , um , wie jeden Abend , die brennende Lampe auf den Arbeitstisch des Doktors zu stellen . Sie schloß die Läden , ließ die Rouleaux herab und schürte das Feuer im Ofen ; dann ging sie wieder hinaus , ohne das junge Mädchen in ihrer kleinen Fensterlaube bemerkt zu haben . Ihr leiser , schwebender Tritt erlosch schon hinter der Thür , gleich darauf aber hallten feste Männerschritte durch den Flur , und der Doktor trat in das Zimmer . Er blieb einen Moment an der Schwelle stehen und strich sich tief aufseufzend mit der Hand über die Stirn ; er ahnte so wenig wie die alte Frau , daß dort hinter dem dunklen Laub ein Menschenherz in tödtlicher Angst klopfe – drückte sich doch die Mädchengestalt , athemlos , wie zu Stein erstarrt , an die Fensterwand . War Alles vorüber ? Kam er verarmt , verzweifelnd , ein einsamer Mann für immer ? Rasch durchschritt er die beiden Zimmer und trat an seinen Schreibtisch . Käthe erhob sich lautlos . Mitten im Stübchen der Tante stehend , konnte sie ihn sehen . Der Lampenschein beleuchtete grell und voll sein Profil , das noch alle Symptome aufgestürmter Leidenschaft zeigte . Er war erhitzt , dunkelrot auf Stirn und Wangen , als habe er einen weiten Weg in brennender Mittagsglut gemacht ; selbst die Augenlider erschienen geröthet . Es war auch ein heißer Weg gewesen , ein Weg über Trümmer , zerstörte Illusionen und Hoffnungen – war er am Ende , am öden Ziel , wo die schöne Fata Morgana entschwebte und die ganze schreckhafte Einsamkeit kommender Zeiten ihn anstierte ? Im Stehen schrieb er ein paar Zeilen auf einen Briefbogen und steckte das Blatt in ein Kouvert . Das geschah mit hastigen Händen , in fiebernder Erregung . Auch die Adresse wurde in flüchtigen Zügen hingeworfen – wessen Name war es , den er schrieb ? Gab es in dieser Stunde , außer der furchtbaren Entscheidung , noch Etwas auf Erden , an das er denken mochte ? Der Brief konnte nur für Flora bestimmt sein – ein letztes Lebewohl , oder der zermalmende Richterspruch eines sterbenden Mannes ? Und nun goß er aus einer