einen bittenden Blick zu , sie kannte vollauf seine Abneigung gegen Tante Thekla . – Jetzt würdigte sie Seine Hoheit keines Wortes mehr , sie wandte sich zu der Herzogin und überschüttete sie mit wahrhaft unheimlichen Freundlichkeiten , die eine mitleidige Färbung hatten , wie man zu Leuten zu sprechen pflegt , die unverschuldet einen großen , großen Kummer tragen , eine Freundlichkeit , die nervöse stolze Naturen bis aufs Blut peinigen kann . Die Herzogin verstand sie nicht , aber sie litt unter all den Fragen und Ratschlägen und Erkundigungen , und als endlich Prinzeß Thekla seufzte : » Wenn ich nur ganz gewiß wüßte , ob Eurer Hoheit dieses Altenstein gut tun kann ? « ward sie ungeduldig und bat , man möge sie hinaufführen , sie fühle sich ermüdet . Das galt als Zeichen zum Aufbruch . In kurzer Zeit war der Platz unter den Eichen leer , lagen die bunten Kugeln verlassen auf den Wegen , und auf der Straße rollten die beiden Prinzessinnen nebst ihrer Begleitung Neuhaus zu . 15. Klaudine war mit dem jungen Erbprinzen dem letzten Teile des weiten Parkes zugeschritten . Sie war innerlich froh , fortzukommen aus dem Bereiche von Lothars Augen , die ihr weh taten . Die absichtliche Kränkung der kleinen Prinzeß hatte sie kaum verletzt , es erschien ihr so überaus kindisch , daß sie sich nicht die Mühe nahm , weiter darüber nachzudenken . Es hatten ja stets kleine Plänkeleien von jener Seite gegen ihre Person stattgefunden , warum die Prinzessin es aber heute , sogar unter den Augen des Herzogs und der Herzogin , wagte , ihre Abneigung in so herausfordernder Weise zu zeigen , begriff sie allerdings nicht . Die kleine Durchlaucht mußte sehr schlechter Laune gewesen sein , oder – sollte sie mit dem hellsehenden , ahnenden Geist der Liebe Klaudines Gefühle für den Mann , den sie begehrte , erkannt haben ? Aber doch nicht ! Die Prinzessin war ja ihrer Sache sicher , so sicher , daß sie sogar Beates Wirtschaftsschürze lieh und ein wenig Hausfrau spielte im künftigen Heim . Und auch Lothar mußte dieses wetterwendischen koketten kleinen Herzens gewiß sein ; sonst würde er sich kaum erlaubt haben , sie in so ironischer Weise auf ihre Unart aufmerksam zu machen . Klaudine runzelte plötzlich die Stirn und biß sich auf die Lippen . Was ging ihn das an , wenn ihr weh geschah ? Sie wußte doch wahrlich selbst , wie weit man ihr gegenüber gehen dürfte , sie wußte sich allein zu verteidigen , sie wollte keine Bevormundung , kein Mitleid , am allerwenigsten von ihm ! Sie war mit ihrem jugendlichen Begleiter in den einsamsten Teilen des Parkes angelangt , wo schon zu ihrer Kinderzeit die Büsche und Bäume wuchsen und wachsen durften , wie sie wollten . Es war eine feuchte , moosdurchduftete Wildnis , von einem kleinen Bach durchrieselt , an dem die Farnkräuter in üppigster Pracht ihre grünen Wedel enfalteten . Unter der kleinen Brücke , aus Birkenstämmchen gezimmert , gluckste und schluchzte das Wasser noch ebenso eigentümlich wie damals , als sie , ein Kind , hier umhergestreift . Dort war das halbzerfallene Mooshüttchen , das bei ihren Spielen bald als Gefängnis , bald als Ritterburg diente . Wie oft hatte sie darinnen gesessen als gefangenes Burgfräulein ! Ein wehmütiges Gefühl beschlich sie , als sie dem Prinzen davon erzählte und ihm alles zeigte . Da war auch der Grabstein , unter dem Joachims Lieblingshund lag , die kleine gelbe Dachshündin , die Lola hieß und so klug war , daß sie ihn niemals verriet , wenn die Kinder Verstecken spielten . » Wo geht es dort hinaus ? « fragte der Prinz , auf eine schmale , niedere Pforte in der Mauer deutend . » In das Dorf , Hoheit « , erwiderte Klaudine . » Die Pforte wird benutzt zum sonntäglichen Kirchgang . « Der wißbegierige Prinz zog das schöne Mädchen immer weiter an der Mauer entlang , sie mit allerhand Fragen bestürmend . Plötzlich erblickte er einen Häher in einem der hohen Bäume und vergaß seine Dame und seine Ritterpflicht , in dem er dem Vogel nachlief , der durch die Äste streifte , als wollte er den Knaben necken , bald hier , bald dort auftauchte und verschwand , immer weiter und weiter . Klaudine , die , in ihren wehmütigen Erinnerungen versunken , achtlos dahingegangen war , kam erst nach einer ganzen Weile zum Bewußtsein , daß sie allein sei . Sie holte tief Atem und wischte mit dem Tuch über die Augen . Was wollte sie denn eigentlich ? Es war doch nicht anders , als es eben war ! Mit Kopfhängen und Tränen zwingt man doch nichts verlorenes zurück , mit Weinen und Sehnen kann man nichts erringen , was einem versagt sein soll nach Gottes Ratschluß . » Es wird die Zeit kommen , wo es nicht mehr schmerzt « , tröstete sie sich , » sie muß kommen , rs wäre ja nicht möglich , zu leben mit der brennenden Wunde im Herzen ! « Sie war stehen geblieben , es hatten sich doch ein paar große Tropfen an den Wimpern gesammelt . Jetzt , wo sie allein , wollte all das Weh hervorbrechen , das sie empfand . Sie meinte in diesem Augenblick , sie würde es nicht ertragen , ihn mit lächelnder Ruhe neben jener anderen zu sehen , als das erklärte Eigentum einer oberflächlichen unartigen kleinen Frau . » Verzeihen Sie , Cousine « , klang plötzlich seine Stimme in ihr Ohr . Sie wandte sich mit jähem Erschrecken , und blitzgeschwind fiel ein funkelnder Tropfen aus dem Auge auf ihre Hand , die sie hastig mit der anderen verdeckte . » Ich würde nicht gewagt haben zu stören « , fuhr er fort . » Ihre Hoheit beauftragte mich aber , Ihnen zu sagen , wie leid es Hochderselben tue , Sie verletzt zu wissen . « » Hoheit ist wie