denn Harfen und Geigen . Der Herr Oberamtmann wußte nicht , wo er zuerst hinhören sollte , und ich setzte noch den letzten Trumpf darauf : › Und wenn man bedenkt , wie jung die Frau noch war , ‹ sagte ich , › als sie hier wirtschaftete ! Vor elf Jahren starb der Mann , und jetzt ist sie erst sechsunddreißig . ‹ › Sechsunddreißig ? ‹ Der Hausherr wollte es nicht glauben . Ich hob die Finger : › Kann ' s beschwören , Herr Oberamtmann ! ‹ › Dann hat sie wohl als Wickelkind geheiratet ? ‹ meinte er , gutmütig spottend . › Sehr jung ? Ja ! Wickelkind ? Nee ! Aber mit achtzehn Jahren war sie Mama , das Töchterlein wird jetzt auch bald achtzehn . ‹ Der Landrat von Z. , das alte Rauhbein , brummte auf einmal ganz deutlich : › Die Mutter ist mir heute noch lieber als die Tochter , die Kleene hat ' nen Stich ins Wendenburgische , die Nase ganz wie der selige Papa . Aber , Deibel nich noch ' mal , die Mutter , das ist noch heute ein Kapitalweib ! ‹ Eigentlich hätte ich ihn morden können , den alten Kerl , der keine Ahnung hat von dem Reiz Deines süßen kleinen Näschens : aber es paßte so gut in den Handel , so gut , daß ich – denke Dir , welch Scheusal ich bin – ganz laut bemerkte : › Das stimmt ; gar kein Vergleich die beiden , Herr Landrat ! ‹ – Schatz , kannst Du verzeihen ? Ich bin zu jeder Buße bereit . Resultat : der Witwer wurde nachdenklich und trank sehr viel Sekt . Zum Schluß fragte er , wann Ihr wiederkehrtet ? Ich sagte : bald , nur sei vorläufig Tante Wendenburg noch sehr beschäftigt , neue landwirtschaftliche Maschinen und Erfindungen anzusehen , denn , obgleich sie in das Privatleben zurückgetreten sei , habe sie noch immer ein unsagbares Interesse für alle Neuerungen dieser Branche , worauf der Wirt verständnisvoll vor sich hin nickte und wiederum trank . Diese Saat wird wohl aufgehen , denke ich . Lieber Schatz , vergiß mich nicht in dem großen Berlin , denke 225 an künftige Tage und an unser wahrscheinlich recht kleines Haus ; denke an herrliche gemeinsame Spaziergänge zu zweien im einsamen Wald . Wir werden da wandern in lichten Frühlingstagen , wenn durch die jungen Buchenblätter die Sonne scheint , daß sie leuchten wie lauter Smaragde , an Sommervollmondnächten den Wiesenpfad entlang , wenn das Wild heraustritt , um zu äsen , und an Spätherbstabenden , wenn der Wald wie im Märchen leuchtet in Gold und Purpur und weiße Nebel brauen über den Wiesen , auf denen die Herbstzeitlose blüht , und der Hirsch schreit , daß mein Liebchen sich zitternd an mich drängt . O , Du wirst sehen , wie schön das ist . Leb wohl , bleib mir gut ! Dein Fritz . « Röschen verbarg das Briefchen und las nun Tantens Schreiben . Es war nur ganz allgemein gehalten . Berichte über das Wetter , die Mägde , die Wäscheangelegenheiten : und ihr lieber Junge reise nun bald wieder ab , dann sei es ganz still im Hause . Ein recht ungewohntes Weihnachtsfest wäre es gewesen ohne ihr lustiges liebes Röschen . Röschen legte das letztere Schreiben auf den Tisch neben die schlummernde Mutter und betrachtete diese aufmerksam , so recht aus ihrem bösen Gewissen heraus . Sie , Röschen Wendenburg , einzige Tochter der süß schlafenden lieben Frau dort , war sie nicht eine häßliche , grundfalsche Person ? Ihr einziger Trost blieb : Mama kann ja Nein ! sagen , wenn sie den Witwer nicht will , falls dieser nämlich in der Tat um sie anhalten sollte . Ihm wäre dies freilich nicht zu verdenken , solche Frau wie Mama eine ist ! – – Aber Mama würde bestimmt » Nein ! « sagen , sie würde sich nicht wieder verheiraten , hatte sie so oft gesagt ! Röschen blickte plötzlich mit krausgezogener Stirn ins Leere hinaus . Herr Gott , wie war das doch gleich ? Sie hatte vor mehreren Jahren ein sehr lebhaftes Gespräch – um nicht zu sagen Meinungsverschiedenheiten – zwischen Tante und Mama mit angehört , da war von einer Klausel im Testament ihres verstorbenen Vaters die Rede gewesen , betreffend den Fall einer Wiederverheiratung seiner Witwe . » Eine grausame Bestimmung , « hatte Tante Lotte gemeint , für die aber sie doch nicht 226 verantwortlich zu machen sei . Aber die junge Witwe hatte verächtlich gelächelt und gemeint : » Mich ficht sie nicht an , ich heirate ohnehin nicht wieder . « Was mochte das nur sein ? Ob Tante Lotte ihr das nicht sagen würde ? Auf irgend eine Weise mußte sie es erfahren ! Und der Zufall war ihr unerwartet günstig . Am Nachmittag , gleich nach dem Vesperkaffee , die Lampe brannte noch nicht , man wollte Abends ins Opernhaus und wartete auf die Friseuse , da war es , als die Dunkelheit rasch herniedersank und alle Ecken und Winkel füllte ; Tante Geheimrat , die neben Frau Amtsrat im Sofa saß , hub nämlich plötzlich an : » Über eines wundere ich mich doch , Rosa , daß du nicht 227 wieder geheiratet hast ; an Gelegenheit fehlte es dir sicher nicht . Ich weiß doch von meinem Mann – da war ' mal einer , der – der kreuzunglücklich gewesen sein soll , als du › Nein ! ‹ sagtest . – Beichte mir ' mal , Rosa , warum hast du ihn nicht genommen ? « Eine lange Pause entstand . Vor einem Weilchen war die geheimrätliche Tochter hinausgegangen , und Röschen saß am Ofen mäuschenstill in dem tiefen Ledersessel des Hausherrn und hielt den Atem an ; die Mutter mochte wohl glauben , daß sie mit der Tante allein im Zimmer sei . Tief seufzend hob Frau Amtsrat