sein Geschäft ; es gibt nicht viele von der Sorte . « Nur eben Silvia war es , die von ihm geschont wurde . Als Herr von Erfft den Namen zum ersten Male genannt , hatte er aufgehorcht , und als er sie sah , wußte er , daß er sie schon einmal gesehen hatte . Es war damals auf seiner Wanderschaft gewesen , da war er draußen vor dem Parktor gestanden , und man hatte sie gerufen . Dessen zu gedenken war ihm jetzt seltsam . Er war nun bei ihr und ihr doch nicht weniger fremd als damals . Aber was ihn zu dem schönen Mädchen hinzog , hatte nichts mit dieser zufälligen Fügung zu schaffen . Auch hatte sein Gefühl keine sinnliche Gebundenheit . Es war eine traumhafte Sympathie , ähnlich der suchenden Erinnerung an ein vergessenes Glück . Es war eine dunklere und quälendere Empfindung als diejenige , die ihn an Gertrud unverbrüchlich fesselte , mehr Leid als Lust , mehr Unruhe als Bewußtsein . Ganz in der Tiefe schlief es , dies Vergessene ; hinweggespült war es von den Lebenswogen . Und nicht Silvia selber war es , nicht sie selbst . Eine Bewegung der Hand vielleicht ; woher kannte er die Bewegung ? Ein Zurückbiegen des Kopfes , ein stolzer , blauer Blick , woher kannte er es nur ? Vergessen , vergessen .... 12 Während alles im besten Zuge war , während man die Gebäude schmückte und die Zimmer des Herrenhauses instand setzte , traf die Nachricht vom Tod des Königs Ludwig ein . Die Zeitungen waren schwarz gerändert und brachten viele Einzelheiten über das Unglück am Starnbergersee . Wie überall im Land war die Trauer über das furchtbare Schicksal des Monarchen auch in der Familie des Herrn von Erfft aufrichtig und anhaltend . Von einer Theateraufführung konnte natürlich die Rede nicht mehr sein ; der Kanzler hatte seinen Besuch abgesagt , und die jungen Herrschaften , die sich gerade zur Probe versammelt hatten , kehrten still wieder heim . Herr von Erfft händigte Daniel eine beträchtliche Vergütung für die Musiker ein und bat ihn selbst , den er nicht wie einen Handlanger verabschieden wollte , noch ein paar Tage auf dem Gut zu bleiben . Daniel weigerte sich nicht , hatte er doch bis jetzt mit keinem Gedanken überlegt , wohin er seine Schritte lenken sollte . Nachdem er das Geschenk des Herrn von Erfft unter die Musiker verteilt und die Leute entlassen hatte , wanderte er in den Wald . In einem Dorfe verzehrte er ein karges Mittagsmahl und schweifte dann umher , bis es Abend wurde . Als er zurückkehrte , saßen seine Wirte noch um den Tisch . Er versäumte es , sich zu entschuldigen , Frau Agathe lächelte ihrem Gatten belustigt zu und gab Befehl , daß dem Herrn Kapellmeister nachserviert werde ; Silvia hatte ein Buch in der Hand und las . Ziemlich bedrückt nippte Daniel nur von den Speisen , und als die Hausfrau sich erhob und durchs Fenster in den gewitterigen Himmel schaute , ging er ins Nebenzimmer und setzte sich an den Flügel . Er begann zu spielen . Es war Schuberts Lied an Silvia . Als die stürmisch-innige Melodie verhallt war , knüpfte er eine Variation daran , hierauf eine zweite , eine dritte , eine vierte ; schwermütig die eine , jubilierend die andere , sinnend die dritte , schwärmerisch suchend die vierte . Jede war ein Hymnus an das Vergessene . Herr von Erfft und Agathe standen in der offenen Türe , Silvia hatte sich unfern von ihm auf ein Taburett gesetzt und blickte in anmutiger Entrücktheit zu Boden . Er brach jäh ab , als wolle er damit Beifall und Dank verhindern , Sylvester von Erfft nahm ihm gegenüber Platz und fragte freundlich , ob er für die nächste Zeit bestimmte Pläne habe . » Ich gehe nach Nürnberg zurück und werde heiraten , « sagte Daniel . » Ich habe eine Braut . Sie wartet auf mich . Schon lange . « Ob er nicht die frühzeitige Ehefessel fürchte ? erkundigte sich Herr von Erfft , aber Daniel entgegnete kurz , er brauche einen Menschen zwischen sich und der Welt . » So etwas wie einen Puffer , « warf Frau Agathe spöttisch hin . Daniel schaute ihr unwillig ins Gesicht . » Puffer ? nein , oder doch , wenn ein Schutzengel einen vor Püffen bewahrt , « sagte er noch barscher . » Weshalb wollen Sie sich gerade in Nürnberg niederlassen , einer Stadt von so einseitig kommerzieller Richtung ? « fuhr Herr von Erfft mit fast ängstlicher Behutsamkeit zu fragen fort . » Würde Ihr Leben nicht in einer der großen Metropolen der Kunst gesicherter sein ? « » Es geht nicht an , den Vater von seiner Tochter ganz zu trennen , « antwortete Daniel plötzlich mit unerwarteter Offenheit . » Es geht nicht an . Auch kann man den alten Mann nicht mehr aus seiner Umgebung reißen ; dort ist er nun einmal verwachsen . Und ich will nicht länger allein bleiben . Irgendein Herz braucht jeder , und der Bergmann gräbt leichter im Schacht , wenn er weiß , daß droben sein Weib die Suppe kocht . Auf die Suppe bin ich freilich nicht versessen , auf das Seelchen nur , das Seelchen , das einem gehört . « Er drehte sich um und schlug breit einen Moll-Akkord an . » Und wäre auch alles anders , « begann er wieder und zog das Gesicht in bizarre Falten , » mich zög ' s nicht nach Ihren Metropolen . Was wäre dort zu suchen ? Kameraderien ? Hab genug davon erfahren . Am Handwerk lern ich zu Hause . Ich kann die Meister aller Zeiten in meine Stube bitten . Ruhm und Geld finden den Weg zu mir , wenn sie wollen . Die Morgenröte wird nur von den Schläfern übersehen und echte Musik nur von den Tauben überhört . Das übrige steht