Granaten und Kugeln gerade an dem Punkt einzuschlagen begannen , wo sie sich eben mit ihren Schützlingen niedergelassen hatten , mußten sie eilends wieder aufbrechen , um nach einem weniger gefährdeten Platze zu suchen . Und während sie die Hilflosesten stützten und trugen , folgten ihnen die anderen wie eine aufgescheuchte Herde , der die weißen Ordenshauben den Weg wiesen . Mit angstvollen Blicken sah Tschun solche Umsiedlungen , sprang herbei , half , soviel er konnte . Am unheimlichsten von all dem vielen Bedrohlichen war aber das unterirdische Wühlen . Seit Tagen schon hatte es besonders dräuend geklungen . Aber trotz allem Suchen und Entgegengraben hatte man die eigentliche Stelle nicht zu finden vermocht . Dann war alles still geworden . Da eines Morgens geschah das Gefürchtete . Die Mine explodierte . Mit donnerähnlichem Getöse hob furchtbare Gewalt den Boden , schleuderte die Erde und alles , was auf ihr stand , in die Höhe . Steine , ganze Dachteile flogen in die Luft , als ob es Papierfetzen wären . Und zwischen den leblosen Dingen flogen auch Menschen , Stücke von Menschenleibern in die Luft . Dann stürzte alles in einer ungeheuren Staubund Schuttwolke krachend zusammen . Tschun glaubte es alles vom Dach der Kirche aus gesehen zu haben , aber in Wirklichkeit hatte er gar nichts gesehen , denn rascher noch als das ganze Geschehnis war ihm blitzartig der Gedanke durch den Kopf geschossen , daß die Explosion in einem der Frauenquartiere stattfände - dort gerade , wo er eben , ehe er zur Wache ging , die Mutter gelassen hatte . - Da raste er auch schon hinab und durch das Grundstück und langte an , wie er wähnte , während noch das Unheil geschah . Und doch war schon nichts mehr zu sehen , was vor wenigen Sekunden noch dagestanden . Nur ein Berg aufgeworfener Stauberde , aus dem Pfosten und Balken , Ziegelscherben und Dachfirststücke in wildem Durcheinander hervorragten . Und zwischen ihnen Gliedmaßen , einzelne Fleischfetzen , die eben noch lebende Menschen gewesen . Dazu ein Wimmern und Stöhnen von Verschütteten und , alles übertönend , das gellende Heulen der Belagerer , die in der allgemeinen Verwirrung einen Sturm versuchten . Aber mit Tschun waren von allen Seiten auch andere herbeigeeilt . Und während die Soldaten den anstürmenden Feind mit mörderischem Feuer zurückzuschrecken suchten , waren Hunderte von Händen an der Arbeit , in dem Schutt zu wühlen , ihn abzutragen , um womöglich Ueberlebende zu retten . Tschun war als erster dabei , grub mit den Händen , fühlte nicht , wie er selbst längst schon blutete , stand tief unten zwischen den Trümmern , die nun jeden Augenblick auch ihn zu begraben drohten , hatte nur den einen Gedanken , die Mutter zu finden , sie zu retten . Aber es waren ihrer nur wenige , die noch lebend , ja die überhaupt wiedergefunden wurden . Drunten in der Erde war ein rotes Chaos . Als es Abend geworden , führte der alte Bischof Tschun schließlich fort . » Da ist nichts mehr zu tun , « sagte er traurig . Die Leichname , die unkenntlichen Gliedmaßen wurden dann nachts eilig in einem einzigen großen Grabe eingescharrt . Und Tschun wußte nicht , war etwas von dem dabei , das er , vor wenigen Stunden noch , Mutter genannt , wußte nur , daß sie am Morgen lebend gewesen und daß am Abend nichts mehr von ihr vorhanden war . Da begannen in der Dunkelheit allerhand eingeborene chinesische Vorstellungen , die das Christentum für gewöhnlich verdrängt hatte , in ihm zu erwachen . Gedankengänge , die Europäern ganz fremd gewesen wären , ließen ihn jetzt vor allem leiden . Es quälten ihn uralte Aberglauben über das , was solche Tote im Jenseits erwartet , deren Körper verstümmelt worden . Er hatte selbst gar nicht gewußt , daß er von diesen Dingen wisse , denn unter den Christen galten sie ja nicht , aber nun waren sie da und verließen ihn nicht . Und bleiern lagen auch die Selbstvorwürfe auf ihm , mit denen die heidnischen Chinesen sich stets beim Tode ihrer Eltern zu belasten pflegen , und die er wähnte , in diesem Falle so ganz besonders zu verdienen . Die Mutter hatte ja gar nicht in den Petang flüchten wollen . Er hatte sie dazu überredet , hatte sie buchstäblich hergeschleppt . Und nun war sie hier umgekommen , so umgekommen . Und für keine Feier , keinen Prunk bei ihrer Beerdigung hatte er sorgen können , was doch der Niedrigste tut , wofür jeder Mensch in China spart . Nicht einmal mit Bestimmtheit würde er zu sagen vermögen , wo das Grab seiner Mutter eigentlich sei - nie die Fahne darauf errichten können , die ihrem unstet irrenden Geist diese Ruhestätte zeige . Mißachtung , bitterste Not in jenseitigen Welten lag darin für sie - und für ihn demütigende Schmach , der Stempel eines pflichtvergessenen Sohnes . - - Er krümmte sich in einer Mischung von Wut und Schande . Denn über Tschun hatte zur Stunde jenes uralte Chinesentum wieder Macht gewonnen , das er gewähnt aus eigener freier Entschließung von sich tun zu können . Fremder Glaube , fremde Anschauungen , die er innerlich fest erworben zu haben schien , waren , zeitweilig wenigstens , von ihm abgefallen , weil sie eben doch nie in sein allerinnerstes Wesen übergegangen waren . Er selbst aber wußte kaum etwas davon . Von da ab glitten die wechselnden Ereignisse der Belagerung traumhaft dumpf , beinahe unbemerkt an Tschun vorüber , und er beachtete kaum , daß er während des Kampfes nach der Explosion , als er in den Trümmern grub , selbst einen Streifschuß erhalten hatte . Er empfand eigentlich nur eine zunehmende Müdigkeit , die ihn gleichgültig machte gegen Gefahr , stumpf gegen die sich mehrenden grauenvollen Bilder . Er hatte nur noch den einen Wunsch , in tiefen , tiefen Schlaf zu sinken , einerlei , ob es der