des Grafen mißbilligen oder zunichte machen . » Sie werden es geschehen lassen , sie werden keine Gewalt mehr über dich haben , dein Weg führt dich über sie empor « , antwortete Stanhope ernst und sah Caspar zugleich mit einem scharfen , ja durchbohrenden Blick an . Caspar erbleichte , von einem grenzenlosen Gefühl überwältigt . Während in seiner Brust Wunsch und Zweifel , dunkel umschlungen , alle Kräfte der Seele an sich zogen , erhob sich vor seinem Geiste leuchtender als je das Bild der Frau aus dem Traumschloß . Mit einer ergreifenden Gebärde des Flehens wandte er sich zu Stanhope und fragte : » Herr Graf , werden Sie mich zu meiner Mutter bringen ? « Stanhope legte Messer und Gabel beiseite und stützte den Kopf in die Hand . » Hier liegen furchtbare Geheimnisse , Caspar « , flüsterte er dumpf . » Ich werde reden und ich muß reden , aber du mußt schweigen , keinem andern Menschen darfst du vertrauen als mir . Deine Hand , Caspar , dein Gelöbnis ! Herzensmensch ! Unglücklich-Glücklicher , ja , ich will dich zu deiner Mutter bringen , die Vorsehung hat mich erwählt , dir zu helfen ! « Caspar sank hin , die Beine trugen ihn nicht mehr , sein Kopf fiel auf die Knie des Grafen . Die Luftadern pochten um ihn , ein Schluchzen löste die ungeheure Spannung seiner Brust . » Wie soll ich denn zu dir reden ? « fragte er mit der Kühnheit eines Trunkenen , denn die Formeln , in denen man sonst zu Menschen spricht , erschienen ihm fremd , sie taten seiner dankbaren Liebe nicht genug . Der Lord hob ihn sachte empor und sagte zärtlich : » Recht so , das traute Du soll zwischen uns herrschen ; du sollst mich Heinrich nennen , als ob ich dein Bruder wäre . « In so inniger Nähe erblickte sie der eintretende Bediente , der den Bürgermeister und den Regierungskommissär anmeldete . Durch die geöffnete Tür forderte der Lord die Wartenden ins Zimmer . Es sah aus , als wünsche er , daß die beiden Zeugen seiner Liebkosungen gegen Caspar würden . Er tat , als könne er sich nicht von ihm trennen ; da die Besucher nach ehrfürchtigem Gruß Platz genommen , schritt er , noch leise plaudernd und ihn bei der Schulter umschlungen haltend , mit Caspar auf und ab , sodann begleitete er ihn zur Stiege , eilte zurück , ging ans Fenster , beugte sich hinaus , sah Caspar nach und winkte ihm mit dem Taschentuch . Die Verwunderung seiner Gäste wohl bemerkend , mäßigte er sich trotzdem nicht , im Gegenteil , er gebärdete sich wie ein Verliebter , der seine Empfindungen ohne Scheu preisgibt . Die Geschenke des Lords wurden einige Stunden nachher ins Tuchersche Haus gebracht . Herrn von Tuchers Erstaunen beim Anblick der wertvollen Gaben war groß . » Ich werde diese Gegenstände an mich nehmen und aufbewahren « , äußerte er zu Caspar nach einigem Nachdenken ; » es steht einem zukünftigen Buchbinderlehrling nicht an , derlei auffallenden Luxus zu treiben . « Da hätte man Caspar sehen sollen ! » O nein « , rief er aus , » das gehört mir ! Das ist mein , und ich wills haben , das darf mir keiner nehmen ! « Seine Haltung war geradezu drohend , und sein Blick funkelte . Aus Herrn von Tuchers Zügen wich alle Farbe . Ohne eine Silbe zu erwidern , verließ er das Zimmer . Also ein Undankbarer , dachte er bitter , ein Undankbarer ! Einer , der eigensüchtig die Gelegenheit nutzt und den einen Wohltäter verleugnet , wenn der andre besser zahlt ! Die Grundsätze hörten auf zu triumphieren . Sie machten ein zerknirschtes Gesicht und hüllten sich in Sack und Asche . Nachgiebigkeit wäre in diesem Fall eine unwürdige Schwäche , deren ich mich schämen müßte , sagte sich Herr von Tucher . Aber was tun ? Soll ich Gewalt anwenden ? Gewalt ist unmoralisch . Er wandte sich an Lord Stanhope und trug ihm die Sache vor . Der Graf hörte ihn freundlich an , er gab sich Mühe , die Vergehung Caspars als eine kindische Maßlosigkeit zu verteidigen , und versprach , ihn dahin zu bringen , daß er dem Vormund die Geschenke freiwillig überreiche . Herr von Tucher war von der Liebenswürdigkeit des Lords bezaubert und verließ ihn in bester Zuversicht . Auf den verheißenen Gehorsam Caspars wartete er aber vergeblich . Kein Zweifel , die Mühe des Lords war ohne Erfolg geblieben ; kein Zweifel , Caspar verstand es , den gütigen Mann zu beschwatzen . Kein Zweifel , dieser Bursche war mit allen Salben geschmiert , ein Charakter voll Heimlichkeit und List . Viel zu stolz , um einen Dritten zum Mitwisser seiner niederschmetternden Erfahrungen zu machen , begnügte sich Herr von Tucher vorläufig , den Ereignissen ruhig zuzusehen , wenn auch mit dem Verdruß eines Mannes , der sich hintergangen fühlt . Daß Caspar sich nicht ein einziges Mal bewogen fand , über die Art seiner Beziehung zu dem Lord , über den Gegenstand ihrer Gespräche sich zu äußern , verletzte ihn tief ; einen solchen Mangel an zutraulicher Mitteilsamkeit hätte er zum allerwenigsten erwartet . In der ersten Zeit hatte sich der Lord darauf beschränkt , Caspar im Tucherschen Haus zu besuchen oder ihn höchstens nach förmlich erbetener Erlaubnis des Barons zu einer Spazierfahrt abzuholen . Allmählich änderte sich das , und er bestellte den Jüngling an fremde Orte , wo Caspars unvermeidliche Leibwache sich fünfzig Schritte entfernt halten mußte . Herr von Tucher führte beim Bürgermeister Beschwerde ; er behauptete , der Lord handle damit seiner ausdrücklich gegebenen Zusage entgegen . Aber was konnte Herr Binder tun ? Durfte er den vornehmen Herrn zur Rede stellen ? Er wagte einmal eine schüchterne Andeutung . Der Lord beruhigte ihn mit einem Scherz ; um nicht für wortbrüchig zu gelten , war es leicht ,