sie sehr blaß war . » Geh nur gleich schlafen . « Ellen hatte ihr eigenes Zimmer neben dem Atelier . Was sie während dieser langen Nachtstunden durchlebte , erfüllte sie mit solchem Entsetzen , daß sie glaubte , ihre Haare müßten weiß werden oder eine sichtbare Spur in ihren Zügen zurückbleiben . Stundenlang lag sie alleine da in der Nachtstille unter unerträglichen Qualen , die nicht laut werden durften , und ließen die Schmerzen nach , so kamen all die Gedanken , die sie fast noch mehr folterten . - Ihr Kind - Henryks Kind , nun war alles umsonst gewesen ; wie sollte sie jetzt noch weiterleben ? - Es hatte eine Zeit gegeben , wo sie selbst gewünscht hatte , es möchte so kommen . Aber seit sie von Henryk Abschied nahm , war all ihr Sehnen zu diesem ungeborenen kleinen Wesen hinübergeglitten , das in ihr schlummerte . Der Gedanke an ihr Kind war der einzige leuchtende Hoffnungsschimmer gewesen , der ihr blieb , um den sie alles auf sich genommen hatte . Und nun war auch der verloschen . Endlich verrann die Nacht , dann lag sie da in der Morgendämmerung , ihre Augen hingen an der Wanduhr gegenüber , deren Zeiger langsam vorrückten . Ihr schien , als ob sie von Minute zu Minute schwächer würde und ihr Leben in langsamen Wellen zu entfluten drohte . Gegen neun Uhr klopfte Reinhard leise an : » Schläfst du noch , Ellen ? « Sie antwortete nicht , er blieb noch einen Augenblick stehen , sie hörte ihn ein paar Worte mit der Aufwärterin sprechen , die jeden Morgen kam , dann ging er und zog die Haustür vorsichtig hinter sich zu . Als er nachmittags zurückkam , war Ellen wieder auf - sie hatte ihren gewohnten Spaziergang gemacht und fühlte sich ganz wohl . So schleppte sie sich noch ein paar Tage hin , dann warf es sie plötzlich nieder . Sie nahm ihre letzten Kräfte zusammen und schickte erst zum Arzt , wie ihr Mann aus dem Hause war . Als sie wußte , daß der Arzt schweigen würde , kam zum erstenmal eine tiefe dumpfe Ruhe über sie . Lange Tage lag sie nun schwerkrank in dem halbdunklen Zimmer , Reinhard saß neben ihr , sorgte für sie in seiner fast mütterlichen Liebe , und Ellen fühlte nun das Unbegreifliche , daß sie gerettet war . Etwas über ein Jahr war verflossen , als Ellen wieder nach München fuhr . Sie saß im Zug und dachte an jene lange Fahrt damals , die Totenwache über den Trümmern ihres ersten heißen Jugendlebens . Und wie dann alles gekommen war , sich von neuem aufgebaut hatte , anders freilich , wie ihre jungen Träume es gewollt hatten . Mit tiefem Heimweh gingen ihre Gedanken zu Reinhard hin - wie er jetzt so allein war , sie so ruhig hatte gehen lassen , ohne zu ahnen , was alles wieder in ihr aufwachen mußte , und mit wie schwerem inneren Bangen sie sich von ihm getrennt hatte . Als sie dann den ersten Morgen im Hotel aufwachte und durch die wohlbekannten Straßen ging , kam wieder das alte jubelnde Lebensgefühl über sie , als ob sie eine andere Luft atmete , in der so viel Leichtes , Frohes , Junges lag , und die manche vergangene Schmerzen wegblies . Ihr erster Gang war zu Zarek , er saß wie einst auf seinem Bett und stritt mit dem Maxl , - es sah aus , als hätten sie sich in all der Zeit nicht vom Platz gerührt . Beide waren sprachlos erstaunt , als sie Ellen hereinkommen sahen . Dann faßte Zarek sie um und tanzte mit ihr durchs Atelier : » Sapristi - ist kleines Ellen wieder da ! « » Habt ihr mich denn wirklich nicht vergessen ? « sagte sie ganz gerührt . Nun drehte er sie um und sah sie von allen Seiten an . » Bist du noch ganz wie früher , aber hast du dir wieder lange Haare wachsen lassen - doch ein bissel Frau geworden . « » Kinder , Kinder « , sagte Ellen überwältigt , » wie schön , euch wiederzuhaben ! « » Hast du viel gemalt ? « fragte der Maxl . » Oh , es geht , ich war meist nicht recht gesund , aber das kommt alles noch . « » Wie viele Babys hast du denn schon ? « Einen Augenblick ging es wie ein Schatten durch ihre Augen . » Was denkt ihr denn ? Gar keins . « » Sag mal , Kind , bist du denn wirklich geheiratet ? - Glaubt es niemand . Weißt du noch , wie alte Tanten in der Schule sagten : Der Mann muß Mut haben . Dachten alle , würde dein Mann dich nach vier Wochen zurückschicken . « » Nein « , sagte Ellen auf einmal ganz ernst , » über meine Ehe dürft ihr keine schlechten Witze machen . Ich habe noch nie einen Menschen gekannt , wie meinen Mann , er will selbst , daß ich jedes Jahr wiederkomme und hier male . « » Muß feiner Kerl sein « , sagte Zarek bewundernd , » Hab ' ich so viel Angst gehabt , du würdest Philister . - Bleibst du jetzt hier ? « » Noch nicht , ich gehe mit der Dalwendt aufs Land , um mich erst ganz wieder zu erholen . « Gegen Mitte Mai war Ellen dann mit ihrer Freundin auf dem Land in einem kleinen Gebirgsdorf . Der Frühling kämpfte noch mit Sturm und Regen , dazwischen kamen warme Tage , wo die Sonne schien wie mitten im Sommer . Ellen lag in ihrem bequemen Stuhl auf dem Balkon und las einen Brief von Reinhard . » In sechs Wochen wird er wohl Urlaub nehmen und mir nachkommen « , sagte sie und reckte sich . Die Dalwendt ließ ihr Buch in den Schoß sinken