ihrer erkrankten Schwiegermutter , Hugo zur Probe seiner Schauspiele nach deutschen Städten - und andere Zufälle mehr brachten lange Trennungen , und so kam es , daß jetzt , nach so langer Zeit , der Roman noch schwebte - ohne Bruch und ohne Vereinigung . Das Verhältnis Delnitzkys mit der schönen Sängerin dauerte fort . Es war ihm zur Lebensgewohnheit geworden . Da er weder vor der Welt und seinen Verwandten , noch auch vor seiner Frau - von der er wußte , daß sie davon unterrichtet war - diese Liaison zu verbergen suchte und da die anderen die Sache schweigend , wie etwas Selbstverständliches , hinnahmen , so war ihm allmählich zu Mute geworden , als lebte er da in einer Art zweiter konzessionierter Ehe , und daß er wenigstens darin als treu und standhaft sich erwies , das rechnete er sich selber zum Verdienste an . Zudem hatte ihm die Geliebte einen Sohn geschenkt und er liebte das kleine Bürschchen - mit ihm zu spielen , war ihm eine wahre Lust . Der Gedanke an eine Scheidung von Sylvia war ihm wohl manchmal aufgestiegen - da konnte er die andere heiraten und dem kleinen Toni seinen Namen geben . Was diesen Gedanken aber nicht recht aufkommen ließ , war die Vorstellung der für einen österreichischen Aristokraten recht unerquicklichen und umständlichen , zu einer Scheidung erforderlichen Formalitäten : Religionswechsel , Naturalisierung in Ungarn und vor allem der » Eklat « . Dieser Begriff hatte für ihn etwas besonders Abschreckendes . So flößte ihm das , was sein Schwager Dotzky getan , das Aufgeben seiner Stellung , um unter die Sozis zu gehen - wie er Rudolfs Handlung bezeichnete - einen an Verachtung grenzenden Widerwillen ein . Natürlich wurde er im Klub und wo er sonst hinkam , mit allerlei Fragen oder Kritiken über Rudolfs Vorgehen behelligt . Er sollte den Leuten erklären , wie und warum sein Schwager so Unerhörtes angestellt und was er noch Unerhörteres vorhatte . Aber er ward des Auskunftgebens bald müde und sagte nur mehr mit ärgerlichem Achselzucken : » Ach , bitt ' Euch , laßt mich mit dem Querkopf in Ruhe ... mich gehen seine Extravaganzen nichts an . « - Er versuchte auch , seiner Frau den Umgang mit Rudolf zu verbieten . Diesen Versuch wies Sylvia jedoch mit aller Entschiedenheit zurück . Die Zuneigung und Hochschätzung , die sie seit frühester Kindheit für ihren Stiefbruder hegte , war durch seine so ungewöhnliche Tat noch um vieles gestiegen . Sie blickte zu ihm auf , voll Stolz auf das , was er getan , und voll Vertrauen in das , was er sich zu tun vorgesetzt . Von der Gesellschaft hatte sich Sylvia allmählich zurückgezogen . Das Bewußtsein war ihr peinlich , daß sie von ihren Bekannten als die verlassene und betrogene Frau bedauert wurde . Solche , die wußten , daß sie eigentlich nicht betrogen war , da sie die Untreue ihres Mannes kannte , die verurteilten sie mit Strenge : » Das ist unmoralisch von einer Frau , sich solches gefallen zu lassen , herzlose Gleichgültigkeit , verächtliche Schwäche ! « Wie oft hatten vermeintliche gute Freundinnen mit allerlei vorsichtigen Redewendungen ihr zu hinterbringen gesucht , daß es heiße ... daß man munkle ... sie möge doch auf ihrer Hut sein ... Und wenn sie auf solche Insinuationen achselzuckend mit einem » Ich weiß ja alles « antwortete , dann brach die Entrüstung los : » Wie , Du weißt ... und duldest es ? - vergißt Du , was Du Deiner Würde schuldig bist ? Deine Rechte als Gattin mußt Du wahren . « Manche sagten auch , sie solle sich einfach rächen ... gleiches mit gleichem . - Das am allerwenigsten . In Reinheit wollte sie durchs Leben gehen . Länger als ein Jahr war es nun , daß sie Hugo Bresser nicht gesehen . Häufig jedoch erhielt sie von ihm Briefe und , wenn auch seltener , sie schrieb auch ihm . Es waren keine Liebesbriefe , aber zwischen den Zeilen pochte , hörbar für den Empfangenden , das Herz des Schreibenden . Der einzige Gegenstand der Korrespondenz war die Literatur . Er schrieb von seinen Entwürfen und Erfolgen , er übersandte ihr Proben der Sachen , die er eben auf der Werkstatt hatte ; er schickte ihr aber auch Bücher anderer Verfasser , die Eindruck auf ihn gemacht , und dissertierte über deren Inhalt . Sylvia gab ihr Urteil ab , nicht im Tone der Kritik , sondern einfach , indem sie sagte , was sie bei dieser oder jener Stelle empfunden Seitdem sie einem Dichter ihr Herz geschenkt , war ihr die Beschäftigung mit Dichterwerken zu einem genußreichen , lebenausfüllenden Studium geworden . In einem schönen Gedichte - ob es nun von Hugo war , oder nur von ihm angepriesen - konnte sie schwelgen , wie ein musikliebender Mensch in Melodien schwelgt . Zu eigenem Schaffen brachte sie es nicht , hätte es auch gar nicht gewollt . Das Vertiefen in die Werke der anderen gab ihr volle Befriedigung . Erst durch die Liebe war diese Passion in ihr geweckt worden . Das gehobene und geradezu wonnige Entzücken , mit welchem sie an jenem Abend Hugos Dichtung vorgelesen , hatte in ihr die Leidenschaft für alle Poesie angefacht , und von da an versenkte sie sich mit Inbrunst in die Werke aller toten und lebenden Meister des gebundenen Worts . Und ihr Dichter hielt - in ihren Augen - neben den berühmtesten Literaturhelden Stand . Daß auch er die höchste Stufe seiner Kunst erreichen werde , war für sie nicht zweifelhaft . Und sie blickte mit einer Art Ehrerbietung zu ihm auf . Daß sie die große Dame , er ein eigentlich noch unbekannter Literat und gesellschaftlich unbedeutender Mensch war , kam ihr gar nicht zum Bewußtsein - er war der Gottbegnadete , der Anwärter auf die Strahlenkrone des Ruhms - sie eine einfache , unbedeutende Frau . Einige Tage nach dem Abschiedsdiner in Brunnhof