. Ohne sich zu besinnen , trat er durch eine Bresche des zerbrochenen Zaunes zu dem jungen Menschen , und fragte : » Hast du eine Mutter daheim ? « Das Du und Agathons fester Blick verwirrte den andern , der unter den Lärmendsten gewesen war . Er schlug die Augen nieder und sagte nichts . » Rede nur « , drängte ihn Agathon , » gib Antwort « ! Der Bursche lachte und wußte nicht , wohin er den Blick wenden solle . Endlich schüttelte er in unbestimmter Weise den Kopf . » Aber wenn du eine hättest , würdest du sie beschimpfen lassen ? « fragte Agathon eindringlich ; » nimm mal an , du hast daheim einen Garten , und der Garten ist fast alles , was ihr habt , und es kommen Leute , die sich ein Vergnügen daraus machen , den Garten zu ruinieren , den Zaun umzureißen , die Beete mit Steinen zu bewerfen , auf denen ihr im Sommer euer Gemüs ' wachsen laßt , ich glaube , du nähmst die erste beste Flinte und schössest die Kerle zu Boden . Oder nicht ? Sähst du vielleicht zu und bedanktest dich ? Und wenn es Juden wären , dächtest du : es sind rechtgläubige Juden , man muß kuschen - ? « Der Bursche zeigte betreten die Zähne und spielte mit einigen Zweigen des verdorrten Buschwerks . Die andern hatten alles gehört und waren nach und nach still geworden . Eine Stunde später waren die Steine aus dem Garten verschwunden . Frau Jette lehnte im Flur , als Agathon zurückkam und blickte ihn starr an . Sie standen in einer dunklen Ecke und ehe sich Agathon dessen versah , war die Mutter auf einen Holzblock gesunken und schluchzte herzbrechend . Er schwieg und blickte trüb herunter auf ihre kümmerliche Gestalt ; er fühlte wohl , was sie beweinte , und daß es sich nicht auf diesen Tag und nicht allein auf die letztvergangenen Tage bezog . Gegen Abend , bei klarem Himmel und hindämmerndem Untergangsrot der Sonne ging Agathon fort . Als er in die Nähe von Frau Olifats Haus kam , sah er Stefan Gudstikker aus der Gartentüre kommen , hastig über die Straße eilen und mit schnellen Schritten in der Richtung der Ziegelei verschwinden . Agathon stutzte , und obwohl er sonst nicht unaufgefordert zu Monika kam , entschloß er sich heute doch dazu . Er klopfte an und auf ein leises Herein öffnete er die Tür und sah sie allein im Zimmer , am Fenster sitzen . Ihre Mutter und Schwester waren wie gewöhnlich um diese Zeit in der Stadt . Monika erwiderte freundlich Agathons Gruß und drückte seine Hand . » Ist dir ' s nicht recht , daß ich gekommen bin ? « fragte Agathon beklommen . » Ich ? nein , ich freue mich . Ich bin froh , dich zu sehen , Agathon . « » Wirklich ? « Monika nickte ernst , dann sah sie wieder in verlorener Träumerei auf die Felder . » Ich muß dir etwas vorlesen , « sagte sie nach einer Weile . Sie zog ein Papier aus der Tasche , entfaltete es und las : » Wir küssen uns bei Kerzenlicht , sonst sehn wir uns vor Tränen nicht . Sonst ist uns gar zu still die Stund ' , zu schweigsam der beklommene Mund . Wir küssen uns in finsterer Nacht , weil sie die Zukunft schöner macht . Wir sehn das goldne Haus am Meer von Schätzen voll , von Sorgen leer . Was spricht der Vogel Zeitvorbei ? Daß alles dies vergänglich sei ? Was spricht die Mutter Zweifelschwer ? Ein Schattenbild das Haus am Meer ? Der Vogel hat die Nackt vertrieben , die Mutter ist bei uns geblieben . Den blassen Traum an dunkler Wand hat sie verblasen und verbrannt . « Es entstand eine lange Pause . » Wie konntest du denn lesen , « fragte Agathon endlich bedrückt , » da es doch schon dunkel ist ? « » Ich kenne es auswendig , « flüsterte Monika , in sich versunken . » Es ist schön , es ist schöner als schön . « » Aber weshalb nimmst du denn das Papier , wenn du es auswendig weißt ? O wie rot wirst du , Monika ! Du bist glühend rot . « Agathons Stimme zitterte . » Monika ! « rief er dann . » Was ? « » Es ist ein unwahres Gedicht . Es ist schön , aber unwahr . Alles was darin steht ist schön , und nur , weil es schön ist , stehts da , aber es ist erlogen . Ich weiß , wer es gemacht hat . Aber er ist kein wahrhaftiger Mensch . Nur ein wahrhafter Mensch kann ein Kunstwerk machen . Ich meine nicht , daß er im Leben nicht lügen darf , aber mit seiner Seele darf er nicht spielen . Er aber spielt , Monika . « Monika hatte den Freund noch nie so erregt gesehen , und es war auch , als ob ein anderer , ein offenbarender Mund ihr das zugerufen hatte . Als er fort war , saß sie im Finstern bis ihre Mutter kam . Agathon traf Stefan Gudstikker , wie schon einmal , unter einem Laternchen am Ziegeleigebäude stehend . Nach einigem Hin- und Herreden lud er Agathon ein , mit ihm ins Haus zu kommen . Agathon folgte ihm . Der alte Estrich , brummig und knurrig , wenn er liebenswürdig war , beinahe komisch , erfüllte das Zimmer mit dem Rauch seiner Pfeife und ging bald fort . Käthe erschien still , scheu und gedrückt . Sie hatte bisweilen ein ergebenes Lächeln für ihren Verlobten , jedes Stirnrunzeln von ihm beeinflußte sie , jedem halben Wort sann sie nach . Gudstikker strich ihr oft über die Haare ; er schien sich der grenzenlosen Macht über das einfache Kind zu freuen ; ja , er schien