einer halben Stunde ausgegangen ; ich habe eine Droschke holen müssen . Viktors erster Gedanke war : sie ist zu ihren Eltern gereist . Dahin hatte auch er sie schicken wollen ; freilich , nachdem man sich über verschiedene , denn doch sehr wichtige Dinge auseinandergesetzt . Indessen , das ließ sich auch schriftlich machen und vielleicht besser , und man ersparte sich eine immerhin peinliche Scene . Die gnädige Frau hatte einen Koffer bei sich ? Nein , gnädiger Herr . Wie denn ? auch keine Reisetasche ? Nein , gnädiger Herr . Die gnädige Frau ist so ausgegangen , wie immer . Sie hat nicht hinterlassen , wann sie wiederkommt ? Mir hat sie nichts gesagt . Vielleicht , daß Julie - Julie soll kommen ! Klotildens hübsche Kammerzofe wußte auch nichts : die gnädige Frau hatte sich ohne sie angezogen . Haben Sie noch sonst etwas ? fragte Viktor , als das Mädchen an der Thür zögerte . Als die gnädige Frau fort war , habe ich das Bett gemacht . Und dabei habe ich diesen Brief gefunden . Er war zwischen die Kissen gerutscht ! An mich ? Ich lese keine fremden Briefe , gnädiger Herr . Nicht einmal die Adresse . Geben Sie ! Sie können gehen . Das Mädchen war gegangen , froh , daß sie aus dem Zimmer kam : sie hatte sich das Lachen kaum noch verbeißen können . Der Brief steckte noch im Couvert ! Die Adresse enthielt nur das Postamt , dessen Nummer Viktor schon kannte ; die Bezeichnung poste restante und die Chiffre : Ballade . Man sollte so was nur mit der Zange anfassen , zischte Viktor durch die Zähne . Mit einem Laut der Verachtung und des Widerwillens warf er den Brief auf den Tisch und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab . Aber gelesen mußte der Wisch doch werden . Es war ein Stück Belastungsmaterial mehr , das in dem Prozeß eine entscheidende Rolle spielen konnte . Und vielleicht stand etwas darin von den Zukunftsplänen des sauberen Paares . Wer konnte wissen , ob sie nicht eben jetzt zu ihm gelaufen war , gemeinschaftlich mit ihm durchzubrennen , und er hatte die Blamage ohne die Revanche ! Der Brief enthielt nichts von Zukunftsplänen , nur die Verabredung zu dem Rendesvouz gestern abend ; außerdem zwei enggeschriebene Seiten greulichen , sentimentalen Gewäsches . Viktor hatte den Brief wieder in das Couvert gethan und sein Pult geschlossen . Möglich , aber nicht wahrscheinlich , daß ihr Schreibtisch noch mehr dergleichen enthielt . Sie hatte jedenfalls das Zeug immer verbrannt und vermutlich nach diesem lange genug vergeblich gesucht . Mit ihrem Willen war er sicher nicht zwischen die Kissen geraten , jedenfalls nicht da liegen geblieben . Die Flurklingel ertönte . Sollte sie den Mut haben ? Friedrich brachte einen Rohrpostbrief herein : von Elimar . Verehrter Cousin ! Wollen Sie mir die Freundlichkeit erweisen , mich um halb zwölf Uhr in Ihrer Wohnung zu erwarten ? Ich habe Ihnen Mitteilungen von äußerster Wichtigkeit zu machen . Ich würde anstatt dieser Zeilen kommen ; aber der Kriegsminister hat mich zu einer Audienz befohlen . Nun wußte Viktor , wohin Klotilde sich gewandt hatte : die gutmütige Adele und Don Quixote Elimar sollten vermitteln , wo nichts mehr zu vermitteln war ! Aber Sie irren sich , Madame ! Übrigens bin ich Ihnen dankbar , daß Sie nicht , mit Ihrem Herrn Galan an der Schleppe , davongelaufen sind , und ich meine Rache jetzt sicher habe . Abermals klingelte es : es würde Fernau sein ; er hatte noch vom Hotel aus einen Kommissionär an ihn gesandt und ihn gebeten , alles liegen zu lassen und spätestens um elf bei ihm vorzusprechen . Es war Fernau mit einem sehr übernächtigen Gesicht , aber , wie immer , in tadelloser Toilette . Lieber Freund , sagte Fernau , sich , wie gebrochen , in einen Lehnsessel fallen lassend , mich aufzujagen , nachdem ich kaum zwei Stunden geschlafen hatte , das möge Ihnen der Himmel verzeihen . Er hat mir schlimmere Dinge zu verzeihen , erwiderte Viktor ; unter anderm das Unrecht , das ich Ihnen gethan , als ich fürchtete , Sie hätten mich an den ehrenwerten Herrn Krüger aus nicht völlig lauteren Absichten empfohlen . Bitte , lesen Sie diesen Brief ! Der eben eingeschlossene Brief wurde wieder hervorgeholt . Fernau besah ihn von allen Seiten : Ich wittre Morgenluft , sagte er , zu Viktor aufblinzelnd und , während die Linke den Brief hielt , mit dem kleinen Finger der Rechten sanft die Oberlippe zwischen dem Schnurrbart reibend . Bitte , lesen Sie ! Viktor hatte sich nach dem Fenster gewandt und blickte auf die Straße . Es dauerte eine Zeit , die ihm unendlich dünkte , bis Fernau mit der Lektüre zu Ende war . Diesmals schloß er den Brief nicht wieder weg : er würde Elimar gegenüber abermals seine Dienste thun müssen . Und die Sache ist zu stande gekommen ? fragte Fernau Völlig programmmäßig , erwiderte Viktor ; ich war inzwischen auf unserer Corpskneipe , wo Sie wieder einmal geschwänzt haben . Krüger ließ mich herausrufen . Es war hinter ihnen her und mit ihnen in Charlottenburg gewesen . Und so teilte er dem Freunde weiter alles mit , was jener wissen mußte , sollte er in dem Drama die Rolle übernehmen können , die er ihm zugedacht hatte . Nun wissen Sie , lieber Fernau , schloß er , welchen Dienst ich von Ihnen erwarte . Sollte ich wohl ganz die geeignete Persönlichkeit sein ? fragte Fernau . Viktor blickte ihn verwundert , fast erschrocken an . Denn sehen Sie , fuhr Fernau fort , ich bin wirklich ein bißchen zu sehr Partei in der Sache , um die Pflichten eines Sekundanten regelrecht erfüllen zu können . Ein Sekundant muß bis zu einem gewissen Grade unparteiisch sein , zum wenigsten ein Ohr für die etwaigen Gründe der andern Partei haben .