, vor dem Flügel saß . In tiefer Bewegung lauschte Kitty , und wie ein flinkes Hämmerlein schlug ihr das Herz . Was sie fühlte , war nicht nur der Reiz des Augenblickes , nicht nur das scheue Mitempfinden am Glück des Bruders . Ihre junge Seele hatte in diesen Tagen einen Samen empfangen , der still zur Blüte trieb ; und in dieses ihr selbst noch unbewußte Fühlen klangen die Worte des Mendelssohnschen Wiegenliedes , das Anna Herwegh sang : » Schlummre und träume von kommender Zeit , Die sich dir bald muß entfalten , Träume , mein Kind , von Freud und Leid , Träume von lieben Gestalten ! Schlummre und träume von Frühlingsgewalt , Schaue das Blühen und Werden , Horch , wie im Hain der Vogelsang schallt : Liebe ist Himmel auf Erden ! Heut zieht ' s vorüber und kann dich nicht kümmern , Doch wird dein Frühling auch blühen und schimmern , Bleibe nur fein geduldig , Bleibe nur fein geduldig ! « Tassilo war hinter Annas Stuhl getreten , und als das letzte Wort des Liedes mit den verklingenden Akkorden wie ein leiser Hauch erlosch , legte er die Hände auf ihre Schultern . Sie hob die Augen . » Du ! « Und lächelnd streckte sie die Arme nach ihm . Er küßte das schimmernde Haar . » Ich habe dir einen Gast gebracht . « Annas Blick huschte zur Tür , und erschrocken sprang sie auf . Mutig machte Kitty einen Schritt und begann zu stammeln : » Mein Bruder - erst heute hab ' ich - kaum weiß ich , wie ich Ihnen meine Freude - « Da gingen ihr die Worte wieder aus . Ein paar Sekunden stand sie hilflos , mit schwimmenden Augen , dann plötzlich , unter Lachen und Weinen , flog sie auf Anna Herwegh zu und umschlang sie . - Um die gleiche Stunde öffnete Gundi Kleesberg in Schloß Hubertus Tür um Tür . » Kitty ? Kitty ? « Ihre Stimme klang durch das ganze Haus ; nur Fritz erschien , der auf Tante Gundis erregte Frage keine Antwort wußte . Die Entdeckung , daß auch Tassilo mit Hut und Stock verschwunden war , beruhigte sie einigermaßen und weckte in ihr die Vermutung , daß Kitty mit ihrem Bruder dem Wagen eine Strecke entgegengegangen wäre . Im Laufe des Nachmittags traf Roberts Stallbursche mit zwei Reitpferden in Hubertus ein , und gegen sechs Uhr abends rollte der offene Jagdwagen mit den beiden Brüdern durch die Ulmenallee heran . Willy , ein neunzehnjähriger Fähnrich , glich im Schnitt der Züge auffallend seiner Schwester ; nur die Gestalt war derber und erinnerte in den breiten Schultern an den Vater ; heiße Farbe lag auf dem fröhlichen Gesicht , aus dessen Augen der Übermut und das junge Leben lachten ; die kurzen Spitzen des kleinen Bärtchens standen scharf von der Oberlippe ab - man sah ihnen an , daß sie mit Ungeduld gepflegt und gezogen wurden . Schon als der Wagen in das Parktor lenkte , sprang Willy auf , rief mit hallender Stimme den Namen der Schwester und reckte den Kopf , um durch das Gewirr der Äste zu spähen . Vor einem der niederhängenden Zweige duckte er sich , wankte im schaukelnden Wagen und trat etwas unsanft auf den glänzenden Lackstiefel seines Bruders . » So bleib doch sitzen , du Fex , und trample nicht anderen Menschen auf den Füßen herum ! « » Na , sei gut , ich war ja nicht lange droben ! « tröstete Willy lachend . Robert stäubte ärgerlich mit dem duftenden Taschentuch den Stiefel ab und saß wieder in gemessener Ruhe , die eine Hand auf dem Korb des Säbels , den er zwischen den Beinen stehen hatte , in der anderen die Zigarette . Er trug die Uniform der Ulanen ; das dunkle Grün hob seine elegante Gestalt , und mit Akkuratesse saß die Mütze auf dem tadellos frisierten Kopf . Neben dem unruhigen Leben des Bruders erschien Robert wie die Verkörperung jener Langeweile , die sich als selbstbewußte Vornehmheit zu geben weiß . Einem schärferen Blick entging es nicht , daß diese stilvolle Ruhe nur Kostüm war . Es zuckte um die grauen Augen , und etwas Nervöses lag in der Art , wie er beim Einatmen des Zigarettenrauches die Unterlippe zwischen die Zähne zog . Auch sonst noch erzählte dieses Gesicht von mancherlei Dingen ; es war frostig wie das Gesicht eines Menschen , der eben aus dem kalten Bad gestiegen . Die Ähnlichkeit mit Tassilo war unverkennbar ; aber obwohl Robert um vier Jahre jünger war , schätzte man ihn älter als den Bruder . Vor der Veranda erwartete Fräulein von Kleesberg den Wagen , und in angemessener Entfernung stand die Dienerschaft in Reih ' und Glied : Fritz , Moser , die alte Beschließerin , die noch ältere Köchin , zwei übertragene Jungfern und Roberts Stallbursche in Uniform . » Tante Gundi ! Tante Gundi ! « rief Willy und winkte mit beiden Händen . » Aber wo ist denn die kleine Maus ? Und den gestrengen Herrn Doktor seh ' ich auch nicht ? « Es fiel ihm nicht ein , nach dem Vater zu fragen . Daß Graf Egge droben in der Jagdhütte saß , war eine selbstverständliche Sache . Robert verließ als erster den Wagen und dehnte die Beine , als wäre er vom Pferd gestiegen . Mit vorschriftsmäßiger Höflichkeit küßte er die Hand der Kleesberg und nickte der Dienerschaft einen kaum merklichen Gruß zu . Gundi stotterte in Sorge die Frage , ob Kitty und Tassilo dem Wagen nicht begegnet wären . Aber sie kam damit nicht zu Ende . Willy umarmte sie mit stürmischem Jubel und drückte ihr zwei schallende Küsse auf die Wangen , daß er weiße Lippen und Tante Gundi zwei rote Flecken bekam . » Na also , Tantchen , da wären wir ! Und geben Sie mal acht , wie ich Ihnen die Cour