. Die Fahrt ging rasch - auch die herrschaftlichen Kutscher strengten sich an und wollten sich nicht überholen lassen - , so daß man schon um drei vor der Oberförsterei hielt . Ring , ein stattlicher , militärisch dreinschauender Herr von Mitte Fünfzig , der den ersten Feldzug in Schleswig noch unter Wrangel und Bonin mitgemacht und sich bei Erstürmung des Danewerks ausgezeichnet hatte , stand in der Tür und empfing seine Gäste , die , nachdem sie abgelegt und die Frau des Hauses begrüßt hatten , zunächst vor einem langgedeckten Kaffeetische Platz nahmen , auf dem kunstvoll aufgeschichtete Kuchenpyramiden standen . Die Oberförsterin , eine von Natur sehr ängstliche , zum mindesten aber sehr befangene Frau , zeigte sich auch als Wirtin so , was den überaus eitlen Oberförster , der für Sicherheit und Schneidigkeit war , ganz augenscheinlich verdroß . Zum Glück kam sein Unmut zu keinem Ausbruch , denn von dem , was seine Frau vermissen ließ , hatten seine Töchter desto mehr , bildhübsche Backfische von vierzehn und dreizehn , die ganz nach dem Vater schlugen . Besonders die ältere , Cora , kokettierte sofort mit Innstetten und Crampas , und beide gingen auch darauf ein . Effi ärgerte sich darüber und schämte sich dann wieder , daß sie sich geärgert habe . Sie saß neben Sidonie von Grasenabb und sagte : » Sonderbar , so bin ich auch gewesen , als ich vierzehn war . « Effi rechnete darauf , daß Sidonie dies bestreiten oder doch wenigstens Einschränkungen machen würde . Statt dessen sagte diese : » Das kann ich mir denken . « » Und wie der Vater sie verzieht « , fuhr Effi halb verlegen , und nur , um doch was zu sagen , fort . Sidonie nickte . » Da liegt es . Keine Zucht . Das ist die Signatur unserer Zeit . « Effi brach nun ab . Der Kaffee war bald genommen , und man stand auf , um noch einen halbstündigen Spaziergang in den umliegenden Wald zu machen , zunächst auf ein Gehege zu , drin Wild eingezäunt war . Cora öffnete das Gatter , und kaum daß sie eingetreten , so kamen auch schon die Rehe auf sie zu . Es war eigentlich reizend , ganz wie ein Märchen . Aber die Eitelkeit des jungen Dinges , das sich bewußt war , ein lebendes Bild zu stellen , ließ doch einen reinen Eindruck nicht aufkommen , am wenigsten bei Effi . » Nein « , sagte sie zu sich selber , » so bin ich doch nicht gewesen . Vielleicht hat es mir auch an Zucht gefehlt , wie diese furchtbare Sidonie mir eben andeutete , vielleicht auch anderes noch . Man war zu Haus zu gütig gegen mich , man liebte mich zu sehr . Aber das darf ich doch wohl sagen , ich habe mich nie geziert . Das war immer Huldas Sache . Darum gefiel sie mir auch nicht , als ich diesen Sommer sie wiedersah . « Auf dem Rückwege vom Walde nach der Oberförsterei begann es zu schneien . Crampas gesellte sich zu Effi und sprach ihr sein Bedauern aus , daß er noch nicht Gelegenheit gehabt habe , sie zu begrüßen . Zugleich wies er auf die großen , schweren Schneeflocken , die fielen , und sagte : » Wenn das so weitergeht , so schneien wir hier ein . « » Das wäre nicht das Schlimmste . Mit dem Eingeschneitwerden verbinde ich von langer Zeit her eine freundliche Vorstellung , eine Vorstellung von Schutz und Beistand . « » Das ist mir neu , meine gnädigste Frau . « » Ja « , fuhr Effi fort und versuchte zu lachen , » mit den Vorstellungen ist es ein eigen Ding , man macht sie sich nicht bloß nach dem , was man persönlich erfahren hat , auch nach dem , was man irgendwo gehört oder ganz zufällig weiß . Sie sind so belesen , Major , aber mit einem Gedichte - freilich keinem Heineschen , keinem Seegespenst und keinem Vitzliputzli bin ich Ihnen , wie mir scheint , doch voraus . Dies Gedicht heißt die Gottesmauer , und ich hab es bei unserm Hohen-Cremmner Pastor vor vielen , vielen Jahren , als ich noch ganz klein war , auswendig gelernt . « » Gottesmauer « , wiederholte Crampas . » Ein hübscher Titel , und wie verhält es sich damit ? « » Eine kleine Geschichte , nur ganz kurz . Da war irgendwo Krieg , ein Winterfeldzug , und eine alte Witwe , die sich vor dem Feinde mächtig fürchtete , betete zu Gott , er möge doch eine Mauer um sie bauen , um sie vor dem Landesfeinde zu schützen . Und da ließ Gott das Haus einschneien , und der Feind zog daran vorüber . « Crampas war sichtlich betroffen und wechselte das Gespräch . Als es dunkelte , waren alle wieder in der Oberförsterei zurück . Neunzehntes Kapitel Gleich nach sieben ging man zu Tisch , und alles freute sich , daß der Weihnachtsbaum , eine mit zahllosen Silberkugeln bedeckte Tanne , noch einmal angesteckt wurde . Crampas , der das Ringsche Haus noch nicht kannte , war helle Bewunderung . Der Damast , die Weinkühler , das reiche Silbergeschirr , alles wirkte herrschaftlich , weit über oberförsterliche Durchschnittsverhältnisse hinaus , was darin seinen Grund hatte , daß Rings Frau , so scheu und verlegen sie war , aus einem reichen Danziger Kornhändlerhause stammte . Von da her rührten auch die meisten der ringsumher hängenden Bilder : der Kornhändler und seine Frau , der Marienburger Remter und eine gute Kopie nach dem berühmten Memlingschen Altarbilde in der Danziger Marienkirche . Kloster Oliva war zweimal da , einmal in Öl und einmal in Kork geschnitzt . Außerdem befand sich über dem Büfett ein sehr nachgedunkeltes Porträt des alten Nettelbeck , das noch aus dem bescheidenen Mobiliar des erst vor anderthalb Jahren verstorbenen Ringschen Amtsvorgängers herrührte . Niemand