mit Dir nicht zanken ... Die Hauptsache ist , daß Du wieder gesund wirst , und Dich für Deinen Rudi erhältst , um einen tüchtigen Mann und Vaterlandsverteidiger aus ihm heranzubilden . Ich genas nicht so schnell , als man anfangs gehofft . Die fortdauernde Nachrichtslosigkeit versetzte mich in solche bange Aufregung , daß ich aus dem fieberhaften Zustand eigentlich gar nicht herauskam , Die Nächte waren mit schauerlichen Phantasien gefüllt und die Tage vergingen in harrender Sehnsucht oder trübem Hinbrüten ; dabei war es schwer , wieder zu Kräften zu gelangen . Einmal , nach einer Nacht , da ich besonders schauderhafte Gesichte gehabt - Friedrich - lebend unter einem Haufen von Menschen- und Pferdeleichen verschüttet - stellte sich sogar ein Rückfall ein , der mein Leben neuerdings in Gefahr brachte . Die arme Tante Marie hatte ein schweres Amt . Sie hielt es für ihre Pflicht , mir unablässig Trost und Ergebung zuzusprechen und ihre Gründe - namentlich die immer wiederkehrende » Bestimmung « hatten die Wirkung , mich aufs höchste aufzubringen ; und statt sie ruhig predigen zu lassen , ließ ich mich zu leidenschaftlichem Widersprechen , zu auflehnenden Klagen gegen das Geschick , zu unumwundenem Versichern hinreißen , daß mir ihre » Bestimmung « als ein Unsinn erschiene . Das Alles klang natürlich lästerlich , und die gute Tante fühlte sich nicht allein persönlich verletzt , sondern zitterte auch für meine rebellische , jetzt vielleicht so bald vor den ewigen Richterstuhl gerufene Seele ... Nur ein Mittel gab es , mich für einige Momente zu beruhigen . Das war , wenn man mir den kleinen Rudolf ins Zimmer brachte . » Du mein geliebtes Kind - Du mein Trost , meine Stütze , meine Zukunft ! « ... so rief ich den Kleinen in meinem Innern an , wenn ich ihn erblickte . Er blieb aber nicht gern in dem traurigen , verhängten Krankenzimmer . Es war ihm wohl unheimlich , seine sonst so lustige Mama jetzt unaufhörlich im Bette liegen zu sehen , verweint und blaß . Er wurde selber ganz niedergeschlagen , und so behielt ich ihn immer nur für kurze Augenblicke bei mir . Von meinem Vater kamen häufig Anfragen und Nachrichten . Er hatte an Friedrichs Obersten und noch an mehrere Andere geschrieben , doch » noch keine Antwort erhalten « . Wenn eine Verlustliste eintraf , schickte er eine Depesche an mich : » Friedrich nicht dabei . « » Ob ihr mich nicht vielleicht betrügt ? « fragte ich einmal die Tante . » Ob nicht schon längst die Todesnachricht da ist - und ihr sie mir verhehlet ? « » Ich schwöre Dir ... « » Bei Deinem Glauben ? bei Deiner Seele ? « ... » Bei meiner Seele . « Solche Versicherung that mir unsäglich wohl , denn mit aller Macht klammerte ich mich an meine Hoffnung ... Stündlich erwartete ich das Eintreffen eines Briefes , einer Depesche . Bei jedem Lärm im Nebenzimmer stellte ich mir vor , daß es der Bote sei ; fast beständig waren meine Blicke zur Thür gerichtet , mit der beharrlichen Vorstellung , daß einer da eintreten müsse , die beglückende Botschaft in der Hand ... Wenn ich auf jene Tage zurückschaue , so liegen sie wie ein langes , qualgefülltes Jahr in meiner Erinnerung . Der nächste Lichtblick war mir die Nachricht , daß abermals ein Waffenstillstand geschlossen worden sei - das bedeutete diesmal wohl den Frieden . An dem Tage nach dem Eintreffen dieser Neuigkeit stand ich zum erstenmale ein wenig auf . Der , Friede ! Welch ein süßer , wohliger Gedanke ... Vielleicht zu spät für mich ! ... Gleichviel : ich fühlte mich doch unsäglich beruhigt : wenigstens brauchte ich mir nicht mehr täglich , stündlich den tosenden Kampf vorzustellen , von welchem Friedrich vielleicht gerade umgeben war ... » Gott sei Dank , jetzt wirst Du bald gesund werden , « sagte die Tante eines Tages , nachdem sie mir geholfen , mich auf einen Ruhesessel niederzulassen , den man mir zum offenen Fenster geschoben hatte . » Und da können wir nach Grumitz ... « » Sobald ich die Kraft habe , reise ich nach - Alsen ! « » Nach Alsen ? Aber Kind , was fällt Dir ein ? « » Ich will dort die Stelle finden , wo Friedrich entweder verwundet oder - « ich konnte nicht weitersprechen . » Soll ich den kleinen Rudolf holen ? « fragte die Tante nach einer Weile . Sie wußte , daß dies das beste Mittel sei , um meine trüben Gedanken für eine Zeit zu verscheuchen . » Nein , jetzt nicht - ich möchte ganz ruhig und allein bleiben ... Auch Du thätest mir einen Gefallen , Tante , wenn Du in das Nebenzimmer gingest ... vielleicht werde ich ein wenig schlafen . Ich fühle mich so matt ... « » Gut , mein Kind , ich will Dich in Ruhe lassen ... Hier auf dem Tischchen neben Dir steht eine Glocke . Wenn Du etwas brauchst , wird gleich jemand zur Hand sein . « » War der Briefträger schon da ? « » Nein - es ist noch nicht Postzeit . « » Wenn er kommt , so wecke mich . « Ich lehnte mich zurück und schloß die Augen . Leisen Schrittes ging die Tante hinaus . Dieses unhörbare Auftreten hatten sich in letzter Zeit alle Hausgenossen angewöhnt . Nicht schlafen wollte ich , sondern nur mit meinen Gedanken allein bleiben ... Ich befand mich in demselben Zimmer , auf demselben Ruhesessel , wie an jenem Vormittage , wo Friedrich gekommen war , mir mitzuteilen : » Wir haben Marschbefehl « . Es war auch eben so schwül , wie an jenem Tage , und wieder dufteten Rosen in einer Vase neben mir , wieder tönten von der Kaserne Trompetenübungen her . Ich konnte mich ganz in die Stimmung von damals zurückversetzen ... Ich wollte , ich hätte wieder