Groll gegen Maria , deren Unglück das Mitleid herausforderte - ein der Gräfin unbequemes Gefühl . » Mich mitzufreuen , nicht mitzuleiden bin ich da . Warum soll die Traurigkeit sich ausbreiten ? ... Ich weiche ihr aus . Wenn das abscheulich gefunden wird , muß ich mich darein fügen . Kann ich für meine Natur ? Die Rebe weint , die Distel nicht « , sagte sie und reiste ab . In dem schwer heimgesuchten Hause , dem sie den Rücken gekehrt , gab es aber doch einen Glücklichen . Das war Erich ; selig ging er umher wie ein aus der Verbannung in das ersehnte Heimatparadies Zurückgekehrter . Seine Mutter liebte ihn jetzt , wie sie den armen Hermann liebte , der noch immer schlafen mußte . Sie hob ihn auf ihren Schoß und überhäufte ihn mit Zärtlichkeiten . Und das Kind , in wonniger Überraschung , ein wenig verlegen , ließ in stillem Entzücken all diesen Liebessegen über sich ergehen . Einmal nahm sie ihn mit in die Gruft , und vor der mit Kränzen behangenen Nische , die den Sarg ihres Mannes und ihres Erstgeborenen barg , kniete sie nieder . » Erich « , sprach sie , seine beiden Händchen in ihre Hände fassend , » Erich , du wirst groß werden und gut und gescheit . Dann sollst du an deine Mutter denken und an das , was sie dir heute sagt . « Der Kleine lehnte seine Stirn an ihre Wange : » Was sagt sie ? « » Sieh dich um . Wo sind wir ? « » In der Gruft . « » Und wer schläft in der Gruft ? « » Mein Vater und mein Bruder . « » Und noch viele , viele ihnen verwandte , gute Menschen . Merke dir , Erich , vergiß es nicht , erinnere dich , wenn du groß sein wirst , wo und wann deine Mutter dir gesagt hat : Verzeih mir , mein Kind ... verzeihe mir ! - Wirst du dir das merken , Kind ? « Erich schlang seine Arme um ihren Hals und antwortete fest und zuversichtlich : » Er merkt sich ' s. « Als sie ins Schloß zurückkehrten , kam Wolfsberg ihnen entgegen . » Es ist Zeit « , sagte er zu Maria . » Deine Schwiegermutter und Wilhelm erwarten dich . Wenn du aber nicht stark genug bist ... « Sie unterbrach ihn : » Ich habe mir Stärke geholt « , übergab den Knaben der seiner harrenden Wärterin und ging mit ihrem Vater nach den Zimmern der Gräfin . Das Testament des Verstorbenen war vor der Beerdigung in Gegenwart Wilhelms und Wolfsbergs mit den üblichen Förmlichkeiten eröffnet worden . Sein Hauptinhalt war eine Huldigung für Maria , und Wolfsberg hatte gezögert , ihr den ergreifenden Wortlaut dieser letzten Botschaft mitzuteilen . Heute , am dritten Tage nachdem Hermann zur ewigen Ruhe bestattet worden , sollte es geschehen . Seine Mutter hatte den Wunsch ausgesprochen , Zeugin zu sein . Die Gräfin empfing Maria und Wolfsberg im Salon ihrer Witwenwohnung im Schlosse . Ein hohes Gemach mit gelblichen Stuckwänden , großen Marmorkaminen , bis zur Decke reichenden Spiegeln in kannelierten Goldrahmen und steifer Empireeinrichtung . Die Fenster , die einen weiten Ausblick über den Park gewährten , standen offen , und hereindrang das Licht der untergehenden Sonne und die würzige Luft , die vom Walde hergestrichen kam . Einen düsteren Gegensatz zu diesem freundlichen Raume bildete die alte Dame mit ihren schwarzen schleppenden Gewändern , mit dem aschfahlen Angesicht , dem die Leiden und Seelenkämpfe der letzten Tage tiefe Spuren eingeprägt hatten . Sie erhob sich ein wenig aus ihrer Sofaecke , als Maria auf sie zukam , und streifte dabei ein kleines Bauer mit einem ausgestopften Vögelchen auf den Boden hinab . Ehe jemand ihr zuvorkommen konnte , hatte sie sich danach gebückt und das Spielzeug wieder auf seinen früheren Platz gestellt . » Erich hat es herübergebracht « , sprach sie , » und vergessen , als du ihn rufen ließest . « Maria ergriff die Hand , die sie ihr reichte , beugte sich tief , küßte sie innig und heiß und zog sie immer wieder an ihre Lippen , als ob es ein schweres Scheiden gelte . » Nun , mein Kind , nun « , ermahnte die Gräfin , » Fassung , ich bitte dich . Wir wollen die Worte des teuern Vorangegangenen hören , standhaft wie Glaubende und Hoffende . « Wilhelm hatte die Zeit über stumm dagesessen , in das Schriftstück vertieft , das er vorlesen sollte . » Beginne « , sagte die Gräfin . Er rückte seinen Sessel näher zu ihr . Ihm gegenüber hatte sich Maria niedergelassen . Ihr Vater nahm Platz an ihrer Seite . Wilhelm las mit bewegter , leiser Stimme , und der greisen Zuhörerin neben ihm bemächtigte sich allmählich ein lange nicht mehr gekanntes Gefühl , eine sanfte und wehmütige Rührung . Vor vielen Jahren hatte ein Unvergessener in seinem Letzten Willen so von ihr gesprochen , wie Hermann von dem Weibe seines Herzens sprach . Mit dem gleichen Vertrauen hatte er sie geehrt , indem er ihr so viele Rechte über den Sohn , soviel Freiheit in der Verwaltung des Vermögens gewahrt , als das Gesetz nur irgend zuließ . Fast mit den Worten seines Vaters schrieb Hermann : » Weil ich das wahre Wohl meiner Kinder im Auge habe , unterwerfe ich sie in allem und jedem den Bestimmungen ihrer Mutter . Sie sind damit einer Vorsehung anbefohlen , die weise ist , gerecht und treu . « Ein qualvolles Wimmern rang sich aus Marias Brust . Wilhelm hielt inne . » Weiter « , sagte die Gräfin nach einer kleinen Pause . Mit erstickter Stimme fuhr er im Lesen fort und warf von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick nach Maria . Sie rang die Hände auf ihren Knien , aus ihren marmorblassen Zügen sprach rettungslose Verzweiflung .