Auge liebt noch viel zu sehr das Sehen nach innen ... und ist noch so ungeschickt im scharfen Erfassen der Außendinge , die doch jetzt so sehr alle Welt beschäftigen und so diktatorisch Respekt verlangen . Wir müssen die klare Linienwelt der Antike und die verschwommene Flächenwelt der Romantik mit ihren kosmischen Verallgemeinerungen und ihren radicalen Principien schon hinter uns lassen ... und müssen uns schon bemühen , mit der nüchternen Korrektheit des Psychologen den Objecten auf den Leib zu rücken . Das wird uns vorwiegend ästhetisch angelegten Naturen recht ... recht schwer werden - aber das einzige Heil für uns wird es doch wohl sein . In diesem Sinne müssen wir uns unsere Zeit analytisch zu unterwerfen suchen . In diesem Sinne müssen wir an ihre großen Probleme herantreten . Gewaltiges bereitet sich vor ... eine neue Zeit liegt in den Geburtswehen . Wo sind die unglücklichen Opfer , die jede Uebergangsepoche fordert ? Wir sind es , hier sind sie . All ' unser Wünschen und Wollen gehört der Zukunft - wenigstens in unseren besten und größten Stunden - aber unserem Können giebt Richtung und Ziel so oft nur die ererbte Vergangenheit . In diesem Zwiespalt werden wir an uns irre , zweifeln ... verzweifeln wir hundert und tausend Mal ... und kommen schließlich dazu , einen schrankenlosen Individualismus zu kultiviren , einen Individualismus , der im Grunde doch nur ein verunglückter , versetzter Sozialismus ist ... der aber zugleich die dumme Angewohnheit hat , daß er uns zerfleischt , aushöhlt , entnervt ... Aber wir fühlen so tief und sehen so scharf gerade in den Stunden , wo wir spüren , daß Alles in uns auseinanderreißt und aufbricht - und alle Irrthümer , Widersprüche und Vorurtheile der Welt erkennen wir nie klarer und bedauern wir nie aufrichtiger , als gerade in diesen Stunden , wo die innere Zerklüftung am heftigsten brennt . Da sind wir zugleich Besiegte und Kämpfer - Kämpfer mit Siegeshoffnungen und Anwartschaften auf Zukunftstriumphe . Nun ja ! Wir werden unter unsäglichen Schmerzen zwischen dem Alten und dem Neuen hin- und hergezerrt ... aber wir denken in diesen schweren Stunden doch darüber nach , wie wir das Kommende am Schärfsten erfassen ... wie wir das Moderne erschöpfend definiren - und wir erstaunen freudig über die Fülle der uns zuströmenden Begriffe , die im Wörterbuche der Zukunft einen anderen Werth , einen anderen Inhalt , eine andere Erklärung besitzen werden . Und sind uns auch nur Mosesblicke vorbehalten - wir glauben an das Germanenthum , das seine höchste Mission : die Ueberwindung und Knechtung des semitischen Geistes , erfüllen wird - mag dann nachher der Konflikt zwischen germanischem Nationalismus und europäischem Internationalismus gelöst werden ... Allerdings ! ein Bedenken dürfen wir nicht verschweigen : vielleicht kann der semitische Geist in seinen Wurzeln nur durch die gewaltsamen Expropriationsakte der Zukunftsdemokratie ausgerodet und ausgerottet werden . Ohne jene Gewaltakte wird es aber überhaupt nicht abgehen , wenn einmal der Versuch gemacht wird , einige allzu hagebüchene Unterschiede auszugleichen , einige allzu freche Ungerechtigkeiten zu sühnen . Und dieser Versuch wird allem Anschein nach gemacht werden müssen . Am Ende dieses Jahrhunderts - wie wird es da in Europa aussehen ? Eins ist jedenfalls gewiß : eine ganz ansehnliche , gar nicht so minorenne Menge irriger Anschauungen und eingewurzelter Vorurtheile wird dann beseitigt sein . Z.B. die von gewissen Zöpfen und Perrücken heute noch mit sperrangelweit aufklaffenden Mäulern beanstandeten materialistischen Auffassungen in puncto der Beurtheilung von sogenannten Verbrechern - überhaupt von allen Gesetzesübertretern - sie werden natürliches Gemeingut Aller geworden sein . Die Aera der seelischen Vertiefung und Erkenntniß - des psychologischen Verständnisses wird gekommen sein . Die Märchen vom freien Willen , von persönlicher Schuld , von persönlicher Verantwortung - sie hat ein freier und klarer und gegenständlicher denkendes Geschlecht in die Rumpelkammer der Vergangenheit geworfen . Oh ! Es könnte immerhin eine Lust sein , in dieser neuen Epoche zu leben ! ... in dieser Zeit , wo auch die Schranken zwischen den beiden Geschlechtern gefallen sein werden - diese dummen , einfältigen , nichtswürdigen Schranken , die jeden natürlichen , naiven Verkehr zwischen Mann und Weib unmöglich machen ... Das wiedergeborene germanische Grundgefühl wird das barbarisch unappetitliche , über Alles ekelhafte Verhüllen und Verschweigen , das in der christlich-semitischen Auffassung der Sinnlichkeit die Hauptrolle spielt , als brutal unsittlich erkannt und zurückgewiesen haben . Es wird - verzeihen Sie , liebe Hedwig , meine Offenheit ... und lächeln Sie zugleich - - nein ! wenden Sie sich nicht ab und erröthen Sie nicht ! - beschämen Sie mich vielmehr und lächeln Sie darüber , daß ich Sie um Entschuldigung bitte ... als hätte ich das Gefühl ... das Bewußtsein - was ich leider , offen gesagt , auch habe - daß ich hier ein unanständiges , heikles Thema berühre , wo ich doch nur von den natürlichsten Dingen der Welt spreche ! - also - aber was wollte ich sagen - ? Ja - ! , es wird - es wird - nein ! es wird dann keine verbotenen Genüsse - keine heimlich großgezogene , versteckte Lüsternheit - keine - also ... ich darf ganz offen sein - ? keine künstlich gezüchtete Selbstbefriedigung mehr geben ... Unendlich Viele Ihres Geschlechts werden von den scheußlichsten , unerträglichsten Qualen befreit sein - und unendlich Vielen meines Geschlechts wird der Gang durch die ... die ... also durch die Bordelle erspart bleiben - durch diese zweifelhaften Rosenhage , welche bis dato Generation auf Generation absolviren mußte . Von dem furchtbaren Drucke , den uns die so grausam unnatürlichen Verhältnisse unserer Zeit auf die Brust gewälzt , haben diese Menschen der Zukunft aufathmen dürfen . In dem klaren Erkennen der Natur , welche die Geschlechter zueinander zwingt , werden sie die Gesetze ihres Lebens natürlich einrichten und gestalten ... « Adam brach ab . Hedwig hatte ihren Platz am Tische , den sie bis dahin unverändert innebehalten , bei der letzten Wendung , die Adam ' s buntförmige Rede