Sie , Rienäcker . Ritten wir hier statt an diesem langweiligen Kanal , so langweilig und strippengerade wie die Formen und Formeln unsrer Gesellschaft , ich sage , ritten wir hier statt an diesem elenden Graben am Sacramento hin und hätten wir statt der Tegeler Schießstände die Diggings vor uns , so würd ich die Jette freiweg heiraten ; ich kann ohne sie nicht leben , sie hat es mir angetan , und ihre Natürlichkeit , Schlichtheit und wirkliche Liebe wiegen mir zehn Komtessen auf . Aber es geht nicht . Ich kann es meinen Eltern nicht antun und mag auch nicht mit siebenundzwanzig aus dem Dienst heraus , um in Texas Cowboy zu werden oder Kellner auf einem Mississippidampfer . Also Mittelkurs ... « » Was verstehen Sie darunter ? « » Einigung ohne Sanktion . « » Also Ehe ohne Ehe . « » Wenn Sie wollen , ja . Mir liegt nichts am Wort , ebensowenig wie an Legalisierung , Sakramentierung , oder wie sonst noch diese Dinge heißen mögen ; ich bin etwas nihilistisch angeflogen und habe keinen rechten Glauben an pastorale Heiligsprechung . Aber , um ' s kurz zu machen , ich bin , weil ich nicht anders kann , für Monogamie , nicht aus Gründen der Moral , sondern aus Gründen meiner mir eingebornen Natur . Mir widerstehen alle Verhältnisse , wo Knüpfen und Lösen sozusagen in dieselbe Stunde fällt , und wenn ich mich eben einen Nihilisten nannte , so kann ich mich mit noch größerem Recht einen Philister nennen . Ich sehne mich nach einfachen Formen , nach einer stillen , natürlichen Lebensweise , wo Herz zum Herzen spricht und wo man das Beste hat , was man haben kann , Ehrlichkeit , Liebe , Freiheit . « » Freiheit « , wiederholte Botho . » Ja , Rienäcker . Aber weil ich wohl weiß , daß auch Gefahren dahinter lauern und dies Glück der Freiheit , vielleicht aller Freiheit , ein zweischneidig Schwert ist , das verletzen kann , man weiß nicht wie , so hab ich Sie fragen wollen . « » Und ich will Ihnen antworten « , sagte der mit jedem Augenblick ernster gewordene Rienäcker , dem bei diesen Konfidenzen das eigne Leben , das zurückliegende wie das gegenwärtige , wieder vor die Seele treten mochte . » Ja , Rexin , ich will Ihnen antworten , so gut ich kann , und ich glaube , daß ich es kann . Und so beschwör ich Sie denn , bleiben Sie davon . Bei dem , was Sie vorhaben , ist immer nur zweierlei möglich , und das eine ist gerade so schlimm wie das andre . Spielen Sie den Treuen und Ausharrenden oder , was dasselbe sagen will , brechen Sie von Grund aus mit Stand und Herkommen und Sitte , so werden Sie , wenn Sie nicht versumpfen , über kurz oder lang sich selbst ein Greuel und eine Last sein , verläuft es aber anders und schließen Sie , wie ' s die Regel ist , nach Jahr und Tag Ihren Frieden mit Gesellschaft und Familie , dann ist der Jammer da , dann muß gelöst werden , was durch glückliche Stunden und ach , was mehr bedeutet , durch unglückliche , durch Not und Ängste verwebt und verwachsen ist . Und das tut weh . « Rexin schien antworten zu wollen , aber Botho sah es nicht und fuhr fort : » Lieber Rexin . Sie haben vorhin in einem wahren Musterstücke dezenter Ausdrucksweise von Verhältnissen gesprochen , wo Knüpfen und Lösen in dieselbe Stunde fällt , aber diese Verhältnisse , die keine sind , sind nicht die schlimmsten , die schlimmsten sind die , die , um Sie noch mal zu zitieren , den Mittelkurs halten . Ich warne Sie , hüten Sie sich vor diesem Mittelkurs , hüten Sie sich vor dem Halben . Was Ihnen Gewinn dünkt , ist Bankrutt , und was Ihnen Hafen scheint , ist Scheiterung . Es führt nie zum Guten , auch wenn äußerlich alles glatt abläuft und keine Verwünschung ausgesprochen und kaum ein stiller Vorwurf erhoben wird . Und es kann auch nicht anders sein . Denn alles hat seine natürliche Konsequenz , dessen müssen wir eingedenk sein . Es kann nichts ungeschehen gemacht werden , und ein Bild , das uns in die Seele gegraben wurde , verblaßt nie ganz wieder , schwindet nie ganz wieder dahin . Erinnerungen bleiben und Vergleiche kommen . Und so denn noch einmal , Freund , zurück von Ihrem Vorhaben , oder Ihr Leben empfängt eine Trübung , und Sie ringen sich nie mehr zu Klarheit und Helle durch . Vieles ist erlaubt , nur nicht das , was die Seele trifft , nur nicht Herzen hineinziehen , und wenn ' s auch bloß das eigne wäre . « Vierundzwanzigstes Kapitel Am dritten Tage traf ein im Abreisemoment aufgegebenes Telegramm ein : » Ich komme heut abend . K. « Und wirklich , sie kam . Botho war am Anhalter Bahnhof und wurde der Frau Salinger vorgestellt , die von Dank für gute Reisekameradschaft nichts hören wollte , vielmehr immer nur wiederholte , wie glücklich sie gewesen sei , vor allem aber , wie glücklich er sein müsse , solche reizende junge Frau zu haben . » Schaun S ' , Herr Baron , wann i das Glück hätt und der Herr Gemoahl wär , i würd mi kein drei Tag von solch ane Frau trenne . « Woran sie dann Klagen über die gesamte Männerwelt , aber im selben Augenblick auch eine dringende Einladung nach Wien knüpfte . » Wir hoab ' n a nett ' s Häusl kei Stund von Wian und a paar Reitpferd und a Küch . In Preußen hoaben s ' die Schul und in Wian hoaben wir die Küch . Und i weiß halt nit , was i vorzieh . « » Ich weiß es « , sagte Käthe , » und