Gleichstellern des Frauengeschlechts hinsichtlich des bürgerlichen Daseins , und seine eigene Frau , so hoch er sie hielt , fragte er nie ausdrücklich um Rat und Meinung in öffentlichen Dingen . Hiermit wahrte er seinen Standpunkt . Um so lieber gönnte er ihr den Einfluß , den sie von selbst übte , wenn er doch so ziemlich von allem sprach , was ihn bewegte , und zwar meist in Gestalt eines lauten Denkens in ihrer Gegenwart , beim Morgenkaffee , bei Tisch , beim Schlafen und Spazierengehen . Sie hatte dann die Auswahl , einen beliebigen Gegenstand aufzugreifen und ihre Gefühlsansichten oder Widersprüche zu äußern oder ganz zu schweigen . In letzterem Falle nahm er an , die Sache sei ihr ganz gleichgültig , und ließ das Selbstgespräch allmählich verstummen . Wenn sie sich aber zustimmend oder tadelnd aussprach , namentlich über Persönlichkeiten , so hatte er wiederum die Wahl , zu benutzen , was ihm klug und wahr schien , oder auf sich beruhen zu lassen , was etwa aus einem Denkfehler hervorgehen mochte oder aus mangelnder Einsicht . Auf diese Weise beraubte er sich nicht der Hilfsquellen , die aus dem Gemüte einer rechten Hausfrau fließen , und gab ihr die Ehre , die ihr gebührte . So begab er sich jetzt mit der genommenen Bedenkzeit in die Nähe der Gattin , ihr zunächst den an ihn ergangenen Ruf mitteilend und irgend etwas Unbedeutendes beifügend . Dann ging er weg , kam bei erster Gelegenheit wieder und begann mit langen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen , nunmehr einer Reihe von Betrachtungen Raum gebend . » Ich habe bis jetzt « , ließ er sich stückweise hören , » mancherlei mitgewirkt und getan , ohne jede Verantwortlichkeit , als diejenige gegen mein eigenes Gewissen , und ohne ein eigentlich zusammenhängendes Arbeiten . Das würde nun anders werden . Ich kann , wenn ich dort etwas nützen will , nicht in den Rat eintreten , um still auf der Bank zu sitzen und bei den Abstimmungen aufzustehen oder sitzenzubleiben . Ich kann auch nicht in den Tag hinein schwatzen , wenn ich reden will , sondern ich muß die Akten studieren und aktenmäßig reden ; das ist die einzig ehrliche Beredsamkeit und schafft Einfluß ! Wissen ist Macht ! Ich tue das , gut ! Dann komme ich in die Ausschüsse und Kommissionen , und wenn ich es dort wieder tue , so hängen sie mir die Berichterstattungen auf den Buckel , und ich kann mich hinsetzen halbe Nächte durch und Papier beschreiben wie ein Kanzlist . « Hier unterbrach ihn Frau Marie oder benutzte vielmehr eine der kurzen Pausen , die er häufig machte . » Verstehst du denn alle die Akten , « sagte sie , » oder das , wovon sie handeln , so gut , daß du darüber schreiben und reden kannst ? « » Darum sag ich ja eben , « versetzte Martin , ohne stillzustehen , » daß ich sie studieren muß ! « Nach einigen weiteren Schritten hielt er dann doch vor der Frau an , die am Tische saß und für die Küche die letzten vorjährigen Apfel schälte ; denn die Magd , sagte sie , gehe mit den raren Früchten so gröblich um , daß kaum etwas dranbleibe . » Du hast aber « , fuhr er fort , » wohl nicht das gemeint , was man Aktenstudium nennt , sondern was man überhaupt unter Etwasgelernthaben versteht . Da darf man freilich nicht genau nachsehen ; der Große Rat soll auch keine Akademie sein . Es handelt sich im Gegenteil darum , in Sachen , die man nicht von Grund aus kennt , nicht mitreden zu wollen , dafür aber die Sachkenner ins Auge zu fassen und sich nach ihnen zu richten , wenn sie einem als ehrlich erscheinen . Es gilt also in solchen Fällen « - hier setzte er die Füße wieder in Gang - » statt der Akten mehr die Menschen zu studieren , wie wenn zum Beispiel zwei gleich angesehene Fachmänner über eine kostspielige Flußkorrektion , über Bau und Einrichtung einer Landesirrenanstalt , über ein Seuchengesetz entgegengesetzte Ansichten äußern . In diesen Fällen würde ich in einer begutachtenden Kommission keinen Platz nehmen und mich auf meine Stimmabgabe beschränken wie jeder andere , je nach dem stillen Eindruck , den ich empfangen - und könnte doch unrichtig stimmen ! « setzte er mit einem Seufzer hinzu . » Fragt sich nun , überwiegt das Positive , was man leisten zu können glaubt , die Nichtleistung so beträchtlich , daß es der Mühe lohnt , und was habe ich einzuwerfen ? « Er zählte die Fähigkeiten auf , die er zu üben oder zu erwerben sich getraute , voraus im Erziehungswesen , in Staatshaushalt und Volkswirtschaft , Ausbildung und Überwachung der Volksrechte , daß sie redlich arbeiten , und so noch mehreres . Weil aber die Frau nichts mehr fragte oder bemerkte , ließ er die abgebrochenen Sätze endlich ganz eingehen und begab sich , nach der Uhr sehend , rasch hinweg . Einen Tag ließ er noch verstreichen , worauf er den Leuten in jenem Wahlkreise schrieb , er nehme die Kandidatur an . Mit den besten Absichten blickte er dem neuen Lebensabschnitte entgegen . Nach der mit großem Mehr erfolgten Wahl las und prägte er sich sogleich die Ratsordnung ein und was in Verfassung und anderen Gesetzen damit zusammenhing . Sodann ließ er ein Taschenschreibbuch binden , auf dessen vorderste Seite er Auszüge aus den jährlichen Voranschlägen der Einnahmen und Ausgaben , aus den Staatsrechnungen usw. schicklich geordnet einschrieb , so daß er die Hauptposten aus allen Gebieten der Staatsverwaltung übersichtlich bei sich trug und sich jeden Augenblick über das ökonomische Gleichgewicht des Landes Rats erholen konnte . Dies getan , suchte er sich aus gedruckten Berichten der letzten Periode über den Stand der Geschäfte im Großen Rate zu belehren , über unerledigte Anträge , Postulate und Motionen , stockende Gesetzentwürfe , ausstehende Berichte