ganz laufen , und wenn es ihm einmal schlecht geht , und er jammert , so hat kein Mensch Mitleid mit ihm , sondern alle sagen nur : er ist ja zuerst vom lieben Gott weggelaufen , nun läßt ihn der liebe Gott auch gehen , der ihm helfen könnte . « » Das ist wahr , Heidi , woher weißt du das ? « » Von der Großmama , sie hat mir alles erklärt . « Der Großvater ging eine Weile schweigend weiter . Dann sagte er , seine Gedanken verfolgend , vor sich hin : » Und wenn ' s einmal so ist , dann ist ' s so ; zurück kann keiner , und wen der Herrgott vergessen hat , den hat er vergessen . « » O nein , Großvater , zurück kann einer , das weiß ich auch von der Großmama , und dann geht es so wie in der schönen Geschichte in meinem Buch , aber die weißt du nicht ; jetzt sind wir aber gleich daheim , und dann wirst du schon erfahren , wie schön die Geschichte ist . « Heidi strebte in seinem Eifer rascher und rascher die letzte Steigung hinan - und kaum waren sie oben angelangt , als es des Großvaters Hand losließ und in die Hütte hineinrannte . Der Großvater nahm den Korb von seinem Rücken , in den er die Hälfte der Sachen aus dem Koffer hineingestoßen hatte , denn den ganzen Koffer heraufzubringen wäre ihm zu schwer gewesen . Dann setzte er sich nachdenklich auf die Bank nieder . Heidi kam wieder herbeigerannt , sein großes Buch unter dem Arm : » O das ist recht , Großvater , daß du schon dasitzest « , und mit einem Satz war Heidi an seiner Seite und hatte schon seine Geschichte aufgeschlagen , denn die hatte es schon so oft und immer wieder gelesen , daß das Buch von selbst aufging an dieser Stelle . Jetzt las Heidi mit großer Teilnahme von dem Sohne , der es gut hatte daheim , wo draußen auf des Vaters Feldern die schönen Kühe und Schäflein weideten und er in einem schönen Mäntelchen , auf seinen Hirtenstab gestützt , bei ihnen auf der Weide stehen und dem Sonnenuntergang zusehen konnte , wie es alles auf dem Bilde zu sehen war . » Aber auf einmal wollte er sein Hab und Gut für sich haben und sein eigener Meister sein und forderte es dem Vater ab und lief fort damit und verpraßte alles . Und als er gar nichts mehr hatte , mußte er hingehen und Knecht sein bei einem Bauer , der hatte aber nicht so schöne Tiere , wie auf seines Vaters Feldern waren , sondern nur Schweinlein ; diese mußte er hüten , und er hatte nur noch Fetzen auf sich und bekam nur von den Trebern , welche die Schweinchen aßen , ein klein wenig . Da dachte er daran , wie er es daheim beim Vater gehabt und wie gut der Vater mit ihm gewesen war und wie undankbar er gegen den Vater gehandelt hatte , und er mußte weinen vor Reue und Heimweh . Und er dachte : Ich will zu meinem Vater gehen und ihn um Verzeihung bitten und ihm sagen , ich bin nicht mehr wert , dein Sohn zu heißen , aber laß mich nur dein Tagelöhner bei dir sein . Und wie er von ferne gegen das Haus seines Vaters kam , da sah ihn der Vater und kam herausgelaufen « - » was meinst du jetzt , Großvater ? « unterbrach sich Heidi in seinem Vorlesen ; » jetzt meinst du , der Vater sei noch böse und sage zu ihm : Ich habe dir ' s ja gesagt ! ? Jetzt hör nur , was kommt : Und sein Vater sah ihn und es jammerte ihn und lief und fiel ihm um den Hals und küßte ihn , und der Sohn sprach zu ihm : Vater , ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir und bin nicht mehr wert dein Sohn zu heißen . Aber der Vater sprach zu seinen Knechten : Bringt das beste Kleid her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an die Füße , und bringt das gemästete Kalb her und schlachtet es und laßt uns essen und fröhlich sein , denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden und er war verloren und ist wiedergefunden worden . Und sie fingen an fröhlich zu sein . « » Ist denn das nicht eine schöne Geschichte , Großvater ? « fragte Heidi , als dieser immer noch schweigend dasaß und es doch erwartet hatte , er werde sich freuen und verwundern . » Doch , Heidi , die Geschichte ist schön « , sagte der Großvater ; aber sein Gesicht war so ernsthaft , daß Heidi ganz stille wurde und seine Bilder ansah . Leise schob es noch einmal sein Buch vor den Großvater hin und sagte : » Sieh , wie es ihm wohl ist « , und zeigte mit seinem Finger auf das Bild des Heimgekehrten , wie er im frischen Kleid neben dem Vater steht und wieder zu ihm gehört als sein Sohn . Ein paar Stunden später , als Heidi längst im tiefen Schlafe lag , stieg der Großvater die kleine Leiter hinauf ; er stellte sein Lämpchen neben Heidis Lager hin , so daß das Licht auf das schlafende Kind fiel . Es lag da mit gefalteten Händen , denn zu beten hatte Heidi nicht vergessen . Auf seinem rosigen Gesichtchen lag ein Ausdruck des Friedens und seligen Vertrauens , der zu dem Großvater reden mußte , denn lange , lange stand er da und rührte sich nicht und wandte kein Auge von dem schlafenden Kinde ab . Jetzt faltete auch er die Hände , und halblaut sagte er mit gesenktem Haupte : » Vater , ich habe gesündigt gegen