an ihn , und manches wurde ihm nunmehr höchst interessant , um was er früher sogar seinen besten Freund , den Herrn Leutnant von Glaubigern , in den tiefsten Abgrund der bekannten Hölle des westfälischen Adels verwünschte , während er sich zu gleicher Zeit recht anmutig ausmalte , wie er Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin als konstantinopolitanische Stechfliege zwischen dem Deckel und Titelblatt des Amos Comenius fing und sie grausam zerquetschte . Jedenfalls ging der Junker schon aus seinen ersten Ferien nicht dummer nach Halberstadt zurück , obgleich seine Faulheit nichts zu wünschen übriggelassen hatte und er mit den eigentlich exakten Wissenschaften sehr im Rückstande geblieben war . Dagegen war der Pastorenfranz diesmal fast übermenschlich fleißig gewesen ; denn der Herr Papa hatte ihn kaum aus der physischen und moralischen Klemme freigelassen . Der Charakter des Knaben hatte jedoch nicht dadurch gewonnen ; Franz Buschmann trug zu schwer an der Bürde seiner unfreiwilligen Gelehrsamkeit . Mürrisch , verdrossen und boshaft , ein Feind der Götter und der Menschen , zog er von neuem mit dem Schulgenossen von Krodebeck ab , dem einstigen Wohnsitz des guten alten Vater Gleim zu . Daß er Theologie studieren werde , stand nach wiederholten Familienberatungen fest . Weshalb auch nicht ? Achtzehntes Kapitel Sechs Jahre hintereinander kam Hennig von Lauen viermal jährlich , nämlich zu Weihnachten , Ostern , Pfingsten und in der Erntezeit , heim von der Schule zu Halberstadt nach Krodebeck ohne daß sich während dieser Periode etwas anderes Verwunderungswürdiges zugetragen hätte als das ewige große Wunder , daß alle Dinge , lebendige und tote , älter werden und die Welt doch jung und gesund bleibt . Daß er das an sich selber nicht merkte , war kein Wunder , sondern ein Glück der Jugend ; in dieser Hinsicht fühlt das Alter feiner und klammert sich um so fester an der Erde ewig junge Schönheit . Der Chevalier und Fräulein Adelaide bemerkten sicher das Winken des fleischlosen Fingers , den eiskalten Hauch , der sie dann und wann aus dem grünsten Walde , von der sonnigsten , blumigsten Wiese anwehte ; auch in den braunen Flechten der gnädigen Frau zeigten sich silberweiße Streifen , und nur Jane Warwolf aus Hüttenrode trat unverändert einher , als ob die Zeit über sie keine Macht habe . Die Gräber von Hanne Allmann und der schönen Marie auf dem Kirchhofe des Dorfes wurden von Gras und Gebüsch überwuchert , sanken ein und verschwanden aus dem Gedächtnis der Leute wie die Gräber berühmterer Leute , die soeben hie und da von ratlosen Komitees im Schweiße des Angesichts gesucht wurden , da allmählich die Zeit der Bronze für die erlauchten Toten gekommen war . Da nun weder Hanne Allmann noch die schöne Marie zu den erlauchten Toten zu rechnen waren , so wäre nicht abzusehen , weshalb gerade ihretwegen , und noch dazu so bald nach ihrem Abscheiden , ein Ausschuß sollte zusammengetreten sein , um ihre Ruhestätten in Ordnung zu halten ; es besorgte das doch Jane Warwolf so gut als möglich . Diese passierte nie das Dorf Krodebeck , ohne ein Viertelstündchen auf einem der beiden Hügel auszuruhen und mit ihren harten Händen und ihrem Wanderstabe unter die Nesseln und Ranken zu fahren . Glitt doch auch Antonie wohl im Abendnebel daran vorüber oder stand daneben einen Augenblick still , um eine Rosenknospe oder einen Strauß Waldblumen darauf zu werfen , ehe sie wieder hinter den Hecken des Lauenhofes verschwand ! Sie aber stand jetzt glücklicherweise zu reich beschattet und umduftet von den Blütenzweigen ihres kurzen Lebens , um mehr als einen flüchtigen Augenblick stillen , aber nicht schmerzvollen Traumes für die trübe , ängstliche , verworrene Vergangenheit übrig zu haben . Denn als die Zeit gekommen war - wie denn für alles Gute und alles Böse einmal das Siegel von den Augen , Ohren und Lippen der Welt fallen muß ! - , da staunten alle Leute , was für ein schönes Mädchen aus dieser Antonie Häußler geworden sei , und selbst die Übelwollenden , deren nicht wenig waren , mußten zugeben , daß Krodebeck augenblicklich sonst nichts dergleichen aufzuweisen habe . Die , welche sich ihrer Mutter in deren vollster Pracht noch erinnerten , behaupteten freilich , die Marie Häußler sei noch schöner gewesen , allein da fragte es sich denn doch , ob solches möglich sei ; und die , welche die schöne Marie nicht gekannt hatten , mochten mit vollem Rechte behaupten , es sei nicht möglich . Aber auch noch nie hatte eine junge Dirne des Ortes unter solcher scharfen Aufsicht des Dorfes gestanden als dieser Schützling des Lauenhofes . Überall , überallhin folgten ihr die Seitenblicke und das Geflüster und das leise Lachen hinter vorgehaltener Hand , und aus welchem Blut und Zustand sie stammte , das merkte man klar an ihrem scheuen Wesen , das niemandem gerade ins Gesicht zu blicken sich getraute , an ihrem bösen Gewissen , das jedermann aus dem Wege wich , und vor allen Dingen an der kuriosen Hartnäckigkeit , mit der sie an der » anderen Vagabundin « , der Jane Warwolf , trotz ihrem närrischen , unverdienten und unverschämten Glücke festhielt . Wenn man alles recht bedachte , so war dieses Mädchen trotz seinem hübschen Gesicht und schlanken Wuchs doch nur eine Schande für die Gemeinde und alle ordentlichen Leute . An das aber , was für den Lauenhof aus dieser Grille der beiden alten Fratzen , nämlich des Herrn Leutnants und des französischen Fräuleins , entstehen mußte , mochte man gar nicht denken . Daß das Fräulein längst für das Tollhaus reif sei , habe man freilich schon gewußt ; aber dem Herrn von Glaubigern habe man doch mehr Verstand und Einsicht zugetraut . Daß die gnädige Frau es sich bieten lasse , sei kurzweg unbegreiflich ; ja die sei sogar die Verblendetste , der Pastor Buschmann habe das zu seinem Schaden und tiefen Kummer erfahren , als er seine Pflicht getan und , wie es sich schicke , geredet habe