wahrhaft Schönen gehuldigt , die ihrer Gottverehrung nur Ausdruck gegeben hatte in dem , was von seinem Geiste ausgegangen : in der Poesie , in den himmlischen Melodien gottbegnadeter Meister ! Geräuschlos wie ein Schatten glitt Felicitas in das Sterbezimmer . Frau Hellwig las weiter , ohne sie zu bemerken ... Dort , unter den weißen Gardinen des Bettes , die sich leise wie Flügel in dem Luftzuge des geöffneten Fensters hoben und senkten , als seien sie bereit , die scheidende Seele zu empfangen und hinaufzutragen , lag ein aschgraues Gesicht ... O , wie grausam ist der Tod , daß er das , was wir auf Erden nicht wiedersehen sollen , vor unseren Augen erst noch so furchtbar entstellt , daß wir mit unwillkürlichem Grauen und Entsetzen in Züge blicken müssen , in denen wir gewohnt waren , die traute Sprache der Liebe , eines uns innig verwandten Geistes zu lesen ! Festgeschlossen waren die tief herabgesunkenen Lider dort noch nicht . Die Augäpfel irrten rastlos hin und her , ein leises Röcheln begleitete die schweren Atemzüge ; in kurzen Unterbrechungen hob sich wie zum Schlage ausholend der rechte Arm und ließ dann die wachsbleichen gekrümmten Finger kraftlos auf die Decke niedersinken ... Welch ein furchtbarer Anblick für das junge Mädchen , dem dort der letzte Liebesstrahl in seinem armen Leben erlosch ! - Felicitas trat an das Bett . Mit maßlosem Erstaunen hob Frau Hellwig die Augen von ihrem Gesangbuche und starrte in das totenbleiche , thränenlose Gesicht , das sich über das Bett neigte . » Was willst denn du hier , unverschämtes Geschöpf ? « fragte sie laut und rücksichtslos ; ihre große Hand hob sich und deutete gebieterisch nach der Thür . Felicitas antwortete nicht , aber die Unterbrechung der eintönigen Vorlesung schien Eindruck auf die Sterbende zu machen . Sie suchte ihren Blick zu fixieren - er fiel auf Felicitas . In diesem Strahle lag ein freudiges Erkennen ; ihre Lippen bewegten sich , anfänglich freilich ohne Erfolg - es lag eine namenlose Angst in diesem Streben , sich verständlich zu machen ; und siehe , die willenskräftige Seele siegte in der That und zwang den halbverstorbenen Mechanismus des Körpers noch einmal zum Dienste . » Gericht holen ! « klang es eigentümlich gurgelnd , aber deutlich von ihren Lippen . Das junge Mädchen verließ sofort das Zimmer - hier war keine Minute zu verlieren . Sie flog durch den Vorsaal , allein in diesem Augenblick , als sie an der Vogelstube vorüberkam , wurde die Thür derselben weiter aufgerissen - Felicitas fühlte sich rückwärts von gewaltigen Fäusten gepackt , ein furchtbarer Stoß schleuderte sie mitten in die Stube , während hinter ihr die Thür zugeschlagen und von außen verschlossen wurde . Ein wahrhaft höllischer Lärm umtobte sie drinnen ; die Vögel flatterten erschreckt mit sinnverwirrendem Gekreische durcheinander . Felicitas war zu Boden gestürzt ; im Vorwärtstaumeln hatte sie eine der inmitten des Raumes stehenden Tannen ergriffen und mit niedergerissen ... Was war geschehen ? ... Sie richtete sich empor und warf das in vollen Strähnen über ihr Gesicht fallende Haar zurück . Sie hatte niemand gesehen , keinen Schritt gehört , und doch hatte ein Mensch hinter ihr gestanden und sich mit dämonischer Gewalt ihrer bemächtigt in einem Moment , wo es galt , den letzten Willen einer Sterbenden auszuführen , wo sie mit jeder Minute Verzug die schrecklichste Verantwortung auf ihre Seele nahm . Sie stürzte nach der Thür , aber die war fest verschlossen ; ihr Pochen und Rütteln ging unter in dem entsetzlichen Geschrei , das sich abermals erhob . Die aufgeregten Tiere kreisten über ihrem Haupte , fuhren wie sinnlos gegen die Wände und beruhigten sich auch dann noch nicht , als das Mädchen in stiller Verzweiflung die Arme sinken ließ ... Wer sollte ihr denn auch öffnen ? Die Hände , die sie hier hineingestoßen hatten , sicher nicht ! - Sie kannte diesen eisernen Griff nur zu gut - es waren dieselben Hände , die eben noch das Gesangbuch gehalten ; sie hatten es fortgeworfen , um einen Gewaltstreich auszuführen , und nun saß das schreckliche Weib wieder am Sterbebett und las mit eintöniger , unbewegter Stimme weiter ; sie ließ es erbarmungslos geschehen , daß die Sterbende mit übermenschlicher Willenskraft den Todeskampf verlängerte , in dem Wahne , noch einmal , und sei es auch nur für Sekunden , hienieden nötig zu sein ... Arme Tante Cordula ! Sie schied aus der Welt , die sie einsam durchwandelt hatte , mit einer bitteren Täuschung - die letzten Eindrücke , die ihre Seele mit hinwegnahm , waren der religiöse Fanatismus in Gestalt jener verabscheuten Frau und die sprichwörtlich gewordene menschliche Undankbarkeit , deren sich Felicitas scheinbar schuldig machte . Dieser Gedanke trieb dem jungen Mädchen das Blut siedend nach dem Kopfe . Sie lief außer sich auf und ab und pochte mit erneuerter Kraft abermals an die Thür - vergebens ... Warum war sie eingesperrt ? Sie sollte das Gericht holen , hatte Tante Cordula geboten - galt es ein letztes Bekenntnis ? Nein , nein , die alte Mamsell hatte nichts zu bekennen ! Wenn sie die Last einer Schuld durchs Leben hatte tragen müssen , so war es eine fremde gewesen , die sie erst da droben abwerfen durfte ; denn das war Felicitas allmählich klar geworden : sie war unschuldige Mitwisserin , niemals aber Mitschuldige irgend eines verbrecherischen Geheimnisses gewesen ... Sie hatte vielleicht über ihr Eigentum verfügen wollen , und das war nun durch die Gewaltthätigkeit der großen Frau vereitelt . Wenn Tante Cordula ohne Testament starb , so fiel ihr ganzes Vermögen an das Haus Hellwig ... wer weiß , wie viele Arme und Unglückliche in diesem Augenblick einer Unterstützung beraubt wurden , die sie vielleicht glücklich gemacht hätte für ihr ganzes Leben , während die Kaufmannsfamilie , deren Reichtum für sehr groß galt , durch die List einer Frau aufs neue ihre Kisten und Kästen füllte . Felicitas trat an