klingende Stimme in ihrer Nähe : » Emil , du wirst im ganzen Hause gesucht . Dein Verwalter aus Odenberg hat dir Dringendes mitzuteilen . Gehe hinüber ! « Neben Elisabeth befand sich das Fenster - es war offen . Draußen stand Herr von Walde und sah , beide Arme auf die Brüstung gestemmt , in das Zimmer herein . Er hatte die Worte gerufen , die den tödlich erschrockenen Hollfeld wie eine Handvoll Spreu hinauswehten . Welcher Ausdruck voll Grimm lag in diesem Augenblicke auf der unbedeckten Stirn , in den zusammengepreßten Lippen und dem funkelnden Auge , das noch eine Weile nach der Thür starrte , durch welche Hollfeld verschwunden war ! Endlich fiel sein Blick wieder auf Elisabeth , die bis dahin regungslos gestanden hatte , jetzt aber , von ihrem zwiefachen Schrecken sich erholend , eine Bewegung machte , als wolle sie in den Hintergrund des Zimmers zurücktreten . » Was thun Sie hier ? « fragte er barsch ; seine Stimme hatte genau den rauhen Klang wie zuvor . Das junge Mädchen fühlte sich tief verletzt durch die Art und Weise der Anrede und war im Begriffe , trotzig zu antworten , als sie bedachte , daß sie ja auf seinem Grund und Boden stehe ; deshalb erwiderte sie ruhig : » Ich ordne Miß Mertens ' Bücher . « » Sie hatten eine andere Antwort auf den Lippen - ich sah es und will sie wissen . « » Nun denn - ich wollte sagen , daß ich auf eine so ungewöhnliche Art zu fragen keine Antwort habe . « » Und warum unterdrückten Sie diese - Zurechtweisung ? « » Weil mir einfiel , daß Sie hier das Recht haben zu befehlen ! « » Das ist lobenswert , daß Sie dies einsehen , denn ich bin gesonnen , dieses mein gutes Recht gerade in diesem Augenblicke voll zur Geltung zu bringen - zertreten Sie die Rose , die da so schmachtend zu Ihren Füßen liegt . « » Das werde ich nicht thun - denn sie hat nichts verschuldet . « Sie hob die Rose , eine schöne , halbgeöffnete Centifolie , vom Boden auf und legte sie auf den Fenstersims . Herr von Walde ergriff die Blume und warf sie ohne weiteres auf den Rasenplatz . » Dort stirbt sie einen poetischen Tod , « sagte er ironisch , » die Grashalme decken sie zu , und abends kommt ein mitleidiger Tau und weint seine Thränen auf die arme Geopferte . « Die Spannung in seinen Zügen hatte nachgelassen , aber sein Auge hatte noch denselben Inquisitorenblick wie zuvor , und auch sein Ton klang nicht viel milder , als er fragte : » Was lasen Sie eben , als ich das Unglück hatte zu stören ? « » Goethes Wahrheit und Dichtung . « » Kennen Sie das Buch ? « » Nur einzelne Auszüge . « » Nun , wie gefällt Ihnen die rührende Geschichte vom Gretchen ? « » Ich kenne sie nicht . « » Sie halten sie ja gerade aufgeschlagen in den Händen . « » Nein , ich las die Krönung Josephs des Zweiten in Frankfurt . « » Zeigen Sie her . « Sie gab ihm das aufgeschlagene Buch . » Wahrhaftig ! ... Aber sehen Sie doch , wie abscheulich das ist ! gerade hier , wo Goethe den Kaiser die Römerstiege hinaufschreiten läßt , ist ein häßlicher saftgrüner Fleck ... Sie haben ohne Zweifel die Rosenblätter zu innig darauf gedrückt , das werden der Kaiser , Goethe und Miß Mertens Ihnen sicher nicht verzeihen . « » Der Fleck ist alt , ich habe die Rose gar nicht berührt . « » Aber Sie haben gelächelt bei ihrem Anblicke . « » Weil ich glaubte , sie sei von Miß Mertens . « » Ach , diese Freundschaft hat etwas Rührendes ! ... Es war jedenfalls eine Enttäuschung für Sie , als Sie statt der Freundin das schöne Gesicht meines Vetters hinter sich sahen ? « » Ja . « » Ja - wie das nun klingt ! ... Ich liebe die lakonische Kürze ; aber sie darf mich nicht im Zweifel lassen ... Was soll ich nun mit diesem Ja anfangen ? Es klingt weder süß noch bitter , und dazu Ihr Gesicht ! ... Warum haben Sie plötzlich eine trotzige Falte zwischen den Augen ? « » Weil ich denke , jedes Recht habe seine Grenzen . « » Ich wüßte nicht , daß ich in diesem Augenblicke von meinem Rechte Gebrauch gemacht hätte . « » Das wird Ihnen gewiß klar werden , wenn Sie sich die Frage stellen , ob Sie mir in meines Vaters Hause in so rauher Weise begegnen würden . « Eine tiefe Blässe flog über Herrn von Waldes Gesicht . Er preßte die Lippen aufeinander und trat einen Schritt zurück . Elisabeth nahm das Buch , das er auf den Fenstersims gelegt hatte , und ging nach dem Bücherschranke , um ihn zu schließen . » Ich würde unter den gleichen Verhältnissen in Ihres Vaters Hause ganz ebenso gesprochen haben , « sagte er nach einer Weile etwas ruhiger und wieder näher an das Fenster herantretend . » Sie haben mich ungeduldig gemacht , warum antworten Sie so unbestimmt ... Wie soll ich nach der einzigen Silbe wissen , ob jene Enttäuschung eine unangenehme war , oder eine willkommene ? ... Nun ? ... « Er bog sich weit in das Fenster hinein und sah starr in ihr Gesicht , als wolle er eine Antwort von ihren Lippen ablesen ; aber sie wendete sich entrüstet ab ... Abscheulich ! wie war es nur möglich , zu denken , daß Hollfeld ihr je willkommen sein könne ! Mußte nicht ihr Gesicht , ihr ganzes Wesen dem verhaßten Menschen gegenüber stets und immer ihre tiefste Abneigung beweisen ? In diesem Augenblicke trat Miß Mertens in das Zimmer , um das junge Mädchen abzuholen ; sie war