Moses Freudenstein nach der Universität zu ziehen . Längst hatte er eingesehen , daß bei jedem Kirchturme , der aus den Kornfeldern und Obstbäumen des Vaterländchens hervorguckte , längst ein Pastor in guter Gesundheit mit seiner Pastorin und wenigstens einem halben Dutzend Kindern saß , und Hans war nicht der Mann dazu , auch nur in Gedanken den behaglichen geistlichen Herrn auf seinem eigenen Kirchhof zu begraben und seine Frau zur Witwe , seine Kinder zu Waisen zu machen . Neidlos zog er an den fettesten und anmutigsten Pfarren vorüber ins Hauslehrertum . Zwei Inkarnationen dieses glückseligen Zustandes hatte er durchzumachen , ehe er zu der dritten , letzten und wichtigsten kam . Von den beiden ersten wollen wir in diesem Kapitel kurz Bericht geben , von der letzten müssen wir freilich länger und ausführlicher handeln . Die erste Stelle erhielt Hans durch Vermittlung des Professors Fackler . Das Empfehlungsschreiben desselben führte ihn auf das Gut eines Landedelmanns , eines Herrn von Holoch , wo er sehr gut aufgenommen wurde und wo für ihn auf die magere Zeit des Studententums zwei sehr nahrhafte Jahre folgten , in denen sein äußerer Mensch zusehends an Fülle gewann zum großen Vergnügen der Hausfrau , die sich selbst eines rundlichen Aussehens erfreute und deren Stolz es war , alles , was mager ins Hoftor kam , fett wieder herauszulassen . Es war diese Dame noch eine Gutsfrau vom alten Schlage , die es nicht unter ihrer Würde hielt , ihren Knechten und Mägden dann und wann eigenhändig den Brei zu kochen und auszuteilen . In allen guten Dingen ging sie ihren Haus- und Hofleuten mit dem besten Beispiel voran , stand früh auf und kroch spät ins Bett , spielte mit dem ersten Verwalter , dem Pastor und dem Strohmann Whist und hatte nichts dagegen , wenn sich die Hunde in ihrem Zimmer umhertrieben und auf den Kissen ihres Kanapees ihren Mittagsschlaf hielten . Der Herr des Hauses spielte nicht Whist ; aber er war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn , und sein Wald und seine Jagd waren sein höchster Stolz . Ein Studierzimmer besaß er von einem alten , verrückten Vetter her , der auf dem Gut zu Tod gefüttert worden war . An Regentagen verfertigte er darin Fischnetze , in welcher Kunst er es zu einer großen Geschicklichkeit gebracht hatte ; zu anderer Zeit wurde es von der gnädigen Frau zu allerlei wirtschaftlichen Zwecken gebraucht , und mancherlei wurde darin aufbewahrt , was mit der Wissenschaft und dem Studium nur in losester Verbindung stand . Als der Kandidat Unwirrsch kam , wurde es demselben übergeben ; und er fand ebenfalls bald , daß der Vetter in der Tat ein höchst origineller Vetter , ein ganz verrückter Vetter gewesen sein müsse : seine auf diesem protestantischen Gutshofe , mitten im nüchternen , verständigen Norddeutschland zurückgelassene Bibliothek bestand aus lauter Schriften über die - immaculata conceptio , und kein Autor in Folio , Quart und so weiter war darunter , den der Vetter nicht durch die tollsten , seltsamsten und kuriosesten Randbemerkungen verziert hatte . Eine ungemeine Belesenheit auf diesem merkwürdigen Felde zeigte der Vetter ; sehr sarkastisch und bissig konnte er sein , aber es gab auch keinen Unsinn in den Bänden , den er nicht durch eine doppelte Dosis Verschrobenheit überbot . Des Kandidaten Augen , die beim ersten Anblick der Bücherreihen einen eigentümlichen Glanz erhalten hatten , verloren diesen Glanz auf der Stelle , nachdem sie die Titel überflogen und in einige der Bücher hineingeblickt hatten . Wehmütig und enttäuscht wandte sich Hans ab ; rotbäckig war der Apfel , doch faul war er auch . - Aber Hans Unwirrsch war ja auch nicht hierhergerufen worden , um die kitzlige Frage , die der Welt bereits soviel Kopfzerbrechen bereitet hatte , zu lösen ; seine Aufgabe bestand darin , den Stammhalter derer von Holoch mit den höhern Kulturanforderungen des neunzehnten Jahrhunderts bekannt zu machen und den guten , gesunden Jungen zu lehren , was er eben lernen konnte . Mit Eifer unterzog er sich dieser Aufgabe und unterwies daneben noch ein kleines , ebenfalls sehr gesundes Fräulein in einigen harmlosen Wissenschaften , als da sind Orthographie , Geographie und dergleichen . Beide Kinder erwiesen sich als dankbare , treuherzige Schüler , und es war recht traurig , daß das kleine Mädchen später in einer übelberatenen Ehe elend zugrunde ging und daß der Sohn als Sekondeleutnant in der Residenz an der Rückenmarksschwindsucht starb , ohne sein Geschlecht legitim fortzupflanzen . Wenn des Vetters bändereiche Bibliothek sich als ein bloßes Schaugericht zeigte , so war dem Herrn Hauslehrer dagegen jetzt Gelegenheit gegeben , sich ein gutes Stück von der hochedlen Wissenschaft der Landwirtschaft anzueignen , und der Gutsherr verfehlte nicht , ihn einzuweihen in die hohen und tiefen Geheimnisse , deren Meister er war . Auch der Pfarrer des Dorfes hielt dem Kandidaten manche nützliche Vorlesung über Feld- , Garten- und Wiesenbau , über Vieh-und Kinderzucht , Behandlung der Frau als Gattin und selbständiges , eigenwilliges Wesen und sonst alles , was zum christlich-germanischen Hausstand und Regiment gehört . Der gute Mann stand arg unter dem Pantoffel , der Gutsherr nicht weniger , und vieles lernte Hans Unwirrsch , wenn die beiden Herren über der Abendpfeife - in Abwesenheit ihrer bessern Hälften natürlich - ihre Herzen gegeneinander ausschütteten , die junge kandidatliche Unschuld mit naivem Vertrauen in ihre geheimen Freuden und Leiden einweihten und ihr den reichen Schatz ihrer Erfahrungen offenbarten . Aber nicht weniger vertraut wendeten sich bald auch die beiden Damen in allerlei kleinen Angelegenheiten , Nöten und Intrigen an den Hauslehrer , und oft flog dieser gleich einem Federball zwischen den beiden Parteien hin und her , ohne es jedoch im geringsten zu ahnen . Es war ein gemütliches Stilleben . Die Verwalter , die sich durch ungeheure Wasserstiefel vor der übrigen Menschheit auszeichneten , waren ehrliche Naturen , denen man eine kleine Grobheit nicht übelnehmen konnte ; - es gab auf dem Gute nur ein einziges Wesen ,