mich lehren sollte , wie man die Nadel und das Bügeleisen führt . Unsere Studien wurden mit eben so viel Eifer wie Heimlichkeit betrieben , denn ich fürchtete nicht ohne alle Ursache den Spott meiner Mitschüler und er die sicher treffende Elle seines Vaters und Lehrherrn . O , es waren köstliche Stunden , die wir so zusammen verlebten , Stunden , die er und ich nie vergessen werden . Ich sehe uns noch beim traulichen Schein einer Thranlampe auf meinem kleinen Dachstüben zusammensitzen - an einem Herbstabend wie heute , wenn der Regen auf die Ziegel dicht über unseren Köpfen tappte und die Rinne gurgelte und die Eulen und Dohlen auf dem Thurm der nahen Nicolaikirche krächzten und schrieen . Wir aber froren nicht , trotzdem kein Feuer in dem kleinen Kanonenofen brannte , denn die heilige Flamme der Freundschaft durchströmte unsere Adern mit sanfter Gluth , und ich nähte , daß der Faden rauchte , und er lernte in seiner Grammatik , daß ihm der Kopf dampfte , und wenn ich dann die Naht nach allen Regeln der Kunst genäht hatte und er sein » tüpto , tüpteis , tüptei « ohne Anstoß aufsagen konnte , so sanken wir uns gerührt in die Arme und beneideten keinen König auf dem Thron um seine Herrlichkeit . Herr Bemperlein schwieg und blickte gerührt in sein Glas . Die alte Zeit soll leben , Bemperlein ! sagte Franz . Und die neue , erwiderte Bemperlein , mit dem Brautpaare anstoßend . Aber wie war das mit dem Frack , Bemperchen ? fragte Sophie ; es war doch nicht gar Ihr Confirmationsfrack ? Richtig gerathen , schöne Dame ; es war mein Confirmationsfrack . Die Zeit der Einsegnung war vor der Thür . Ich hatte von einem Kaufmann , dessen Kinder ich im Lesen und Schreiben unterrichtete , und bei dem ich auch wöchentlich einen Freitisch hatte , Tuch zu einem Frack geschenkt bekommen . Der brave Mann sagte mir sogar : ich solle ihn nur bei seinem Schneider auf seinen Kosten lassen . Ich glaubte indessen , die Güte des Mannes zu mißbrauchen , wenn ich auch dies Geschenk noch annehme , und bat um die Erlaubniß , den Frack bei meinem eignen Schneider machen lassen zu dürfen . Nun , wer der » eigene Schneider « war , können Sie sich denken . Christian Süßmilch und ich wollten uns beinahe todt lachen über den genialen Witz ; und wir beschlossen sofort an ' s Werk zu gehen und ein Meisterstück zu liefern , das unserm » eigenen Schneider « Ehre machen sollte . Aber , o des Jammers ! Papa Süßmilch war hinter unsere » verdammten Schliche « gekommen , wie er in seiner banausischen Redeweise die Weihestunden der Freundschaft und Arbeit zu nennen beliebte . Er hatte eine griechische Grammatik entdeckt , die Christian beim Eintritt des böotischen Vaters in die Hölle unter die Lumpen zu schleudern pflegte und eine Folge dieser entsetzlichen Entdeckung war die , daß er zuerst einmal seine Elle auf dem Rücken des attischen Jünglings entzweischlug und zweitens ihm bei Androhung sofortiger Enterbung und Verbannung aus dem väterlichen Hause kategorisch befahl , in Zukunft allen Umgang mit mir gänzlich und durchaus abzubrechen . Weinend erzählte mir der treue Freund das Entsetzliche , als ich ihm Tags darauf an der Straßenecke begegnete , wie er eben ein fertiges Beinkleid zu einem der Kunden seines Vaters trug . Aber ich beuge mich nicht länger unter diese Tyrannei , rief er mit einer Armschwenkung , die einem Demosthenes Ehre gemacht haben würde ; noch diesen einen Sclavendienst ( und er schlug dabei mit der geballten Faust auf die sauber zusammengefalteten Inexpressiblen ) und dann gehe ich hinaus in die weite Welt . Willst Du mit ? Nur mit Mühe konnte ich den armen Jungen beruhigen ; ich wußte , daß ihm der Gedanke , mir nun nicht bei meinem Frack helfen zu können , weher that , als alles Andere . Ich erinnerte ihn an das Gebot , welches uns befiehlt , Vater und Mutter zu ehren , auf daß es uns wohl gehe und wir lange leben auf Erden ; ich sagte ihm , daß sein Vater doch endlich nachgeben werde ; und was den Frack betreffe , so würde der Schüler seinem Meister Ehre machen . - Christian schüttelte wehmüthig den Kopf : Du wirst nicht fertig , Anastasius , sagte er , Du wirst nicht fertig , auch angenommen , daß Du mit dem Zuschneiden zu Stande kommst . - Was gilt die Wette , Christian ? rief ich , Du siehst mich heute über acht Tage bei der Einsegnung in der Kirche in dem Frack , den ich ohne Deine Hülfe machen werde , und Du sollst eingestehen , daß er gut gemacht ist . Gewinn ' ich , schenkst Du mir Deinen Dompfaffen , gewinnst Du , gebe ich Dir die Odysse in der Heyne ' schen Ausgabe . Willst Du ? - Topp ! sagte Christian , trotz seines Jammers lächelnd . Ich sollte eigentlich nicht wetten , weil Du doch verlierst ; aber wenn Du willst , so sei ' s. Nun , und wer gewann die Wette ? fragte Sophie eifrig . Am nächsten Sonntag , in der Nikolaikirche , sagte Herr Bemperlein , und seine Stimme zitterte und seine Brillengläser wurden feucht ; am nächsten Sonntag kniete ich zwischen vielen Jünglingen an dem Altar , und die Orgeltöne flutheten durch die hohen Hallen und der Priester murmelte den Segen Gottes über uns , aber ich hörte von allem nichts ; ich sah nur immer nach der Empore hinauf zu einem Knaben mit langen braunen Haaren und braunen Augen , der mir Kußhände zuwarf und dessen liebes Gesicht vor Stolz und Freude darüber , daß sein Freund , gegen all ' sein Erwarten , so stattlich aussah , erglänzte und der , als an mich die Reihe kam , daß der Herr mich segnen und behüten möchte und sein Antlitz