in den blauen Himmel sah , so berührte es wohl leise die Schulter des Kindes , um es solcher Selbstvergessenheit zu entreißen , meinte aber doch im geheimen : Man sollt ' s eigentlich nicht tun und so dazwischenfahren . Man zerreißt immer einen Blütenkranz , wie ihn der Mensch in spätern Jahren nicht mehr zu winden versteht . Die Träume und Bilder , die man zu solcher Lebenszeit hat , sind doch die schönsten ; sie kommen in solcher Pracht später nicht wieder ; alle Farben verblassen , auch die Farben der Träume . Die Alte dachte dabei an den Winzelwald und seine grünen Verstecke im Dickicht , unter den Felsen , am plätschernden Bach ; sie gedachte des Sonnen- und Mondenscheines ihrer eigenen Jugendzeit ; auch die Alte blickte aus dem Garten des Bankiers Wienand nach dem Fenster der Studierstube Heinrich Ulex ' ; - o wie seltsam Gedanken und Seufzer der Jungen und Alten sich kreuzen in der Welt ! Die größesten Wunder gehen in der größesten Stille vor . » Du magst träumen , Knabe « , sagte der Astronom auf dem Turm , » aber du darfst das Leben nicht ganz wegträumen . Viel mußt du noch lernen , ehe du die große Kunst errungen hast , auch am Tage die Sterne zu schauen , ehe du ihren Lauf im Blauen und im klaren Schein der Sonne verfolgen kannst . Die Sonne vermag jeder zu begreifen , welcher Gefühl für Wärme und Kälte hat , wie viele aber begreifen die Sterne am Tage ? « Der Schreiber fing an , über die Zerstreutheit seines Schützlings allerlei Glossen zu machen . Er sagte : » Sperre die Augen auf , Junge ; wer am Tage stolpert , wird am meisten ausgelacht , und das mit Recht . Ich bitte dich inständigst , stellenweise nicht so lächerlich dumm auszusehen . Streife die Ärmel in die Höhe und greif zu mit derben Fäusten ; - wer will mit genießen , der muß auch mit schießen und büßen . Kinderstubengedanken , Krankenstubengedanken haben zwar auch dann und wann ihre Berechtigung ; aber sie dürfen uns nicht durch das ganze Leben begleiten , wenn es ein ordentliches , wahrhaftiges , männliches Leben sein soll . « Auf solche Reden antwortete der Jüngling wenig , er bekam einen kleinen Rückfall in seinen Haß des weiblichen Geschlechts ; derselbe hielt jedoch so wenig an , daß es nicht der Mühe wert ist , darüber ein Wort zu verlieren . Es war Sommer , und die niedergetretenen Blütenhalme richteten sich wieder auf ; und das meiste kommt doch auf die Beleuchtung an ! Die Sonne geht auf und beschreitet ihren glänzenden Weg ; aber der arme blödsichtige Mensch schließt nur allzuoft die Laden am hellen Tage , um hinter einem Augenschirm bei einem kümmerlichen Nachtlicht , in Bitternis und Qual , ein Feind der Götter , sein Dasein zu verzürnen und zu verseufzen : vox clamans in deserto , eine Stimme in der Wüste , und zwar einer oft selbst geschaffenen Wüste . Fünfzehntes Kapitel Herr Leon von Poppen zeigt sich als guter Sohn und liebenswürdiger Gesellschafter . Harmlose Bemerkungen des jungen Mannes . Café de l ' Europe In den Besuchzimmern , den Salons der besten Häuser der Stadt konnte man elegante Karten finden mit der feingestochenen Inschrift : Madame la baronne Victorine de Poppen , née de Zieger . Die Baronin war eine Dame , welche berechtigt war , moralisch wie körperlich einen großen Platz in der Welt einzunehmen . Ihre Beziehungen zu den ersten Familien des Landes waren bedeutend , fast noch bedeutender war ihr körperlicher Umfang . Manchen komfortablen Jahresring von Egoismus und Fleisch hatte sie seit dem Tage ihrer Geburt angesetzt - ein stattlicher Baum , der einen umfangreichen Schatten warf , in welchem aber nur ganz bestimmte Arten anderer Gewächse gut gedeihen konnten , wie zum Beispiel Herr Leon von Poppen , einige gleichgestimmte Freundinnen und männliche alte Waschweiber , Mamsell Elise , die schnippische Kammerjungfer , und Baptiste , der bunte unverschämte Lakai , welcher eigentlich Karl Quabbe hieß , aber der Eleganz wegen unter die Baptisten hatte gehen müssen . Naturen wie Juliane von Poppen konnten es jedoch in diesem Schatten nicht aushalten ; - es gab keinen größern Kontrast der Persönlichkeiten als die Baronin und das alte lahme Freifräulein . In der Körperfülle der einen war die Seele mager und dürr geblieben und klapperte darin gleich dem vertrockneten , ungenießbaren Kern einer tauben Nuß ; in dem kümmerlichen Leibe der andern fand die kräftige , lebensmutige , lebensfrische Seele fast keinen Raum . So fand auf beiden Seiten ein Mißverhältnis statt ; doch hat der erste Fall unregelmäßiger Organisation den Vorzug , daß eine dünne Seele in einem dicken Gefäß der Gesundheit durchaus nicht nachteilig ist , während im Gegenteil ein in einem erbärmlichen Körper zu gewaltig anschwellender Geist die irdische Behausung leicht ruiniert und sie zuletzt ganz und gar vernichten und in die Luft sprengen kann . Die Baronin von Poppen liebte sich und die Ruhe à tout prix , ihren Sohn Leon tant bien que mal und die übrige Welt nur insofern , als sie sich vornehm darüber erheben oder demütig sich vor ihr neigen konnte . Das kleine Freifräulein liebte sich selbst durchaus nicht übermäßig , es machte sehr gern allerlei ironische Bemerkungen über sich , hatte dagegen für den größten Teil der übrigen Erdbewohner ein » faible « . Es erhob sich freilich weder über sie , noch knickste es grinsend vor ihnen ; hülfreich sprang es ihnen nach Kräften im Unglück an die Seite und ergriff ohne Scheu jede Hand , die sich angstvoll nach ihr ausstreckte , sie mochte so schmutzig und so hart sein , als sie wollte . Nur mit der Schwägerin konnte sie sich seit dem berühmten Prozesse - eigentlich schon seit früherer Zeit - nicht vertragen . Die zwei kamen zusammen wie Feuer und Wasser , und es gab ein großes Zischen , Brausen