? das kann ich ganz und gar nicht begreifen , « sagte Judith sinnend . » Weil ich an den menschgewordenen und gekreuzigten Gottessohn glaube , « erwiderte Ernest ; » Sie aber nicht . « » Und da halten Sie sich denn für unendlich viel edler und besser als mich ? « fragte sie schneidend . » Fräulein Judith ! « entgegnete Ernest liebreich , » wofür ich mich selbst halte , das sag ' ich unter vier Augen dem lieben Gott , der zu dem Zweck der Selbsterkenntnis eine heilsame und gnadenvolle Anstalt in seiner Kirche angeordnet hat , welche das Sakrament der Buße heißt ; aber ob ich berechtigt bin , meinen Glauben für edler und besser zu halten , als Ihren Glauben - oder Unglauben : das werden Sie sich allein beantworten können . « Judith konnte es gar nicht lassen , ernste Gespräche mit Ernest anzuknüpfen , denn trotz ihrer Jugend hatte sie eine Kraft in ihrem Charakter , die es ihr unmöglich machte , auf der Oberfläche des Lebens ihr Genügen zu finden ; diese Richtung war eine Reaktion gegen die unsägliche Oberflächlichkeit , welche sie umgab . Aber ebenso wenig konnte sie es unterlassen , sich zuweilen so scharf und herb gegen Ernest auszusprechen , als ob sie ihn geflissentlich verletzen wolle ; denn Kraft des Charakters ist noch lange nicht Adel der Seele . Die tiefe Kluft , die zwischen einer natürlichen guten Anlage und einer Tugend liegt , trennt sie , und Judith , die mit Stolz auf ihrer selbstbewußten Kraft ruhte , fühlte instinktmäßig , daß ihr in Ernest etwas Edleres und Höheres entgegentrete , was sie nicht anerkennen wollte und deshalb gering zu schätzen suchte . Sie ertappte ihn aber nie auf der leisesten Bitterkeit oder Verstimmung , wenn sie ihm herbe widersprach , und das mußte sie denn wieder sehr bewundern . Denn , sprach sie oft heimlich zu sich selbst , ich bin auch entschieden , aber hart und schneidend , und er ist mild bei der größten Entschiedenheit . - - - - - - - - - - - - - - - - Auf einem Ball bei dem österreichischen Gesandten sollte Regina zum erstenmal in der großen Welt erscheinen . Sie hatte sich mit dem Gedanken vertraut gemacht , daß es für die nächste Zeit ihre Bestimmung sei , in der Gesellschaft zu leben und sie unterzog sich dieser Pflicht , wie jeder anderen , mit lieblicher Bereitwilligkeit . Aber ihr inneres Leben ließ sie sich nicht antasten und ihre frommen Gewohnheiten behielt sie bei . Sie hatte den Grafen gebeten , sie jeden Morgen zur Messe nach dem Dom fahren zu lassen . » Warum nicht gar ! « erwiderte er ; » Sonntag genügt . « Sie ließ sich auf keine Bitten und Erörterungen ein ; aber sie sagte der Baronin Isabelle , daß sie täglich in den Dom gehen werde , und zwar früh genug , um hernach vollkommen angekleidet beim Frühstück zu erscheinen , wie der Graf es liebte . Die Baronin war eine ängstliche Seele , die es weder mit dem lieben Gott noch mit den Menschen verderben wollte , wobei denn freilich jener häufiger zu kurz kam , als diese . Sie warnte denn auch jetzt Regina vor dem Zorne des Grafen . » Ach , « sagte Regina , » der gute Vater ist ja gar nicht so leicht erzürnt . Er hat mir auch nichts verboten ; nur will er seine Pferde schonen , wie das nun einmal die Art der Herren ist . Ich gehe auch viel lieber . « » Aber Du wirst Dich erkälten , « sagte die Baronin . » Abhärten werd ' ich mich , liebe Tante , und das ist mir recht notwendig , denn die Karmelitessen stehen nachts zum Chorgebete auf . « » Das wäre ein Grund mehr , Dich zurückzuhalten , « seufzte die Baronin und Corona rief , die Schwester zärtlich umschlingend : » O , das fatale Kloster ! dahin gehe ich gewiß nicht mit Dir ! aber außerdem .... bis an ' s Ende der Welt und folglich auch alle Tage in den Dom . « Der Graf erfuhr keine Silbe von dem Morgengang seiner Töchter . Er fragte nicht weiter , und obwohl alle im Hause darum wußten , hatte doch niemand das Herz , Regina zu verraten . Am Ballabend klopfte Uriel an die Türe der jungen Mädchen . Corona steckte den Kopf heraus , und er sagte : » Der Papa schickt mich zu Regina . « » Du kannst sie nicht sprechen , « antwortete sie leise . » Nun , so sage ihr , daß sie sich mit der Toilette nicht zu übereilen brauche ; der Papa macht noch erst ein paar Besuche . « » O , sie ist angekleidet , und wunderschön ! « flüsterte Corona . » Dann darf ich ihr selbst meinen Auftrag ausrichten , « sagte Uriel und wollte in ' s Zimmer treten . » Nein , nein , Uriel ! sie will nicht gestört sein ! « rief Corona , immer mit halber Stimme und stellte sich mit ausgebreiteten Armen in die Türe , um den Eingang zu verteidigen . » Sie fürchtet nach der Rückkehr vom Ball zu müde zu sein , um den Rosenkranz aufmerksam beten zu können und deshalb tut sie es jetzt . « » Im vollen Ballanzug ? « fragte er . » Und in einem allerliebsten ! « sagte sie triumphierend . Mit einer raschen Bewegung drehte Uriel ganz sanft Corona zur Seite und trat ins Zimmer ; es war leer . Als sich Corona besiegt sah , legte sie einen Finger auf die Lippen und deutete mit der anderen Hand auf eine Seitentür , die nur durch Vorhänge geschlossen war . Der Fußteppich machte jeden Schritt unhörbar . Aber Uriel schlug den Vorhang nicht zurück . Er blieb diesseits desselben stehen , denn er wollte