des Lebens und welche die Mutter im Lächeln ihres Kindes , der Denker in den Blättern der Natur und Geschichte wahrnimmt . - Wir sprachen an jenem Tage nicht viel ! Das Glück ist stumm , und was die Liebe - die wahre Offenbarung Gottes - sich zuflüstert , hat noch kein Dichter auf Papyrus , Pergament oder Papier festgehalten . Die kleine Kirche war gar feierlich heilig , als der junge Maler - er dachte in dem Augenblick gewiß nicht an sein gefeiertes Bild : Milton , den Galilei im Gefängnis zu Rom besuchend - , als der junge Maler seine schöne Braut hineinführte an den geschmückten , lichterglänzenden Altar . Und niemand fehlte in dem Kreise teilnehmender Gesichter umher ! Da war das Atelier , da waren Elisens Freundinnen , da war vor allem die alte Martha und die Hausgenossenschaft und Nachbarschaft der Sperlingsgasse . Die Orgel begann den Choral - und die Jungfrau Elise Johanna Ralff und Herr Gustav Theodor Maximilian Berg wurden durch ein ganz leises , leises Ja und ein anderes viel lauteres auf eine gar verfängliche Frage Mann und Frau ! - Die Chronik der Gasse nähert sich ihrem Ende . Was sollte ich auch noch vieles erzählen ? Unsere Kinder sind glücklich in dem schönen Italien ; die alte Martha schläft nicht weit von Mariens Grabe auf dem Johanniskirchhofe : ich bin alt und grau . Wenn ein Paket von Rom gekommen ist , so gehe ich hinüber zu der freundlichen , schönen , weißhaarigen Frau , die da drüben in Nr. zwölf gewöhnlich strickend am Fenster sitzt , und unsere alten Herzen schlagen höher bei dem frischen Lebensglück , welches uns aus den engbeschriebenen Bogen entgegenleuchtet . Wir folgen den Kindern durch alle die alten und neuen Herrlichkeiten , wir stehen mit ihnen vor dem Laokoon , wir steigen mit ihnen zum Kapitol hinauf , unsere Schritte hallen an ihrer Seite in den Sälen des Vatikans , in den Loggien Raffaels wider . Wie eine reizende Märchenarabeske ist jeder Brief blauer Himmel und Sonne und ein fröhliches Lachen auf jeder Seite ! Es ist spät in der Nacht , als ich dieses schreibe ; tiefe Dunkelheit herrscht in der Gasse ; kein einziges erhelltes Fenster ist zu erblicken . Der einzige Laut , den ich vernehme , ist das Schlagen der Turmuhren oder der Pfiff des Nachtwächters . Da liegen alle die bekritzelten Bogen vor mir - bunt genug sehen sie aus ! - Was sollte ich noch viel hinzufügen ? Wenn die alten Chronikenschreiber ihre Aufzeichnungen bis zu ihren Tagen fortgeführt und ihr Werk beendet hatten , hefteten sie noch einige weiße Bogen hinten an , damit der künftige Besitzer die » wenigen « Ereignisse , welche vor dem Untergang der Welt noch geschehen würden , darauf nachtragen könne . Das nachzuahmen habe ich nicht im Sinn . Diese Erde wird sich noch lange drehen , in dieser engen Gasse wird noch manches Kind geboren werden , manche Leiche wird man hinaustragen und unter den letzteren vielleicht in nicht langer Zeit auch den , welchen sie Johannes Wachholder nannten . - Was die paar Tage , die mir noch übrig sind , bringen werden , will ich in Ruhe erwarten : viel Neues können sie mir nicht zeigen . - Ich öffne das Fenster und blicke in die dunkle , stille , warme Nacht hinaus . Hier und da flimmert ein einsamer Stern an der schwarzen Himmelsdecke . Wie feierlich der Glockenton in der Nacht klingt ! Zwölf Uhr . In wieviel Träume mag sich dieser Schall verschlingen ? Der grübelnde Gelehrte wird von seinem Buche verwirrt aufsehen , das junge Mädchen wird von Tanz- und Ballmusik träumen , der arme Kranke wird von dem kommenden Tage Genesung erflehen , die Mutter wird im Schlaf ihr kleines Kind fester an sich drücken , und der Herrscher , die Stirn wund vom Druck einer Krone des Zeitalters der Revolution , wird das Haupt in die Kissen senken und seufzen : Ein neuer Tag ! - Meine Lampe flackert und ist dem Erlöschen nahe . Mit müder Hand schließe ich das Fenster und schreibe diese letzten Zeilen nieder : Seid gegrüßt , alle ihr Herzen bei Tage und bei Nacht ; sei gegrüßt , du großes , träumendes Vaterland ; sei gegrüßt , du kleine , enge , dunkle Gasse ; sei gegrüßt , du große , schaffende Gewalt , die du die ewige Liebe bist ! - Amen ! Das sei das Ende der Chronik der Sperlingsgasse ! - -