Das Gefühl meiner Lage hatte sich jetzt ganz ausgebildet , ich schlich trübselig umher und wagte nicht zu denken , was nun kommen sollte . Ich fühlte eine beängstigende Abhängigkeit gegen meinen Freund , seine Gegenwart war mir drückend , seine Abwesenheit aber peinlich , da es mich immer zu ihm hintrieb , um nicht allein zu sein und vielleicht eine Gelegenheit zu finden , ihm alles zu gestehen und bei seiner Vernunft und Einsicht Rat und Trost zu finden . Aber er hütete sich wohl , mir diese Gelegenheit zu bieten , wurde immer gemessener im Umgange und zog sich zuletzt ganz zurück , mich nur aufsuchend , um seine Forderung nun mit kurzen , fast feindlichen Worten zu wiederholen . Er mochte ahnen , daß eine Krisis für mich nahe bevorstehe ; daher war er besorgt , noch vor dem Ausbruche derselben sein so lang und sorglich gepflegtes Schäfchen ins trockene zu bringen . Und so war es auch . Um diese Zeit war meine Mutter durch die verspätete Mitteilung eines Bekannten aufmerksam gemacht worden , sie erfuhr endlich mein bisheriges Treiben außer dem Hause , woran hauptsächlich die übrigen Kumpane schuld sein mochten , die sich schon früher von mir gewendet hatten , als meine Niedergeschlagenheit begonnen . Eines Tages , als ich am Fenster stand und für meine Blicke auf den besonnten Dächern , im Gebirge und am Himmel stille Ruhepunkte und die vorwurfsvolle Stube hinter mir zu vergessen suchte , rief mich die Mutter mit ungewohnter Stimme beim Namen ; ich wandte mich um , da stand sie neben dem Tische und auf demselben das geöffnete Kästchen , auf dessen Boden zwei oder drei Silberstücke lagen . Sie richtete einen strengen und bekümmerten Blick auf mich und sagte dann : » Schau einmal in dies Kästchen ! « Ich tat es mit einem halben Blicke , der mich seit langer Zeit zum ersten Male wieder den wohlbekannten innern Raum der geplünderten Lade sehen ließ . Er gähnte mir vorwurfsvoll entgegen . » Es ist also wahr « , fuhr die Mutter fort , » was ich habe hören müssen und was sich nun bestätigt , daß sich mein guter und sorgloser Glaube , ein braves und gutartiges Kind zu besitzen , so grausam getäuscht sieht ? « Ich stand sprachlos da und sah in eine Ecke , das Gefühl des Unglückes und der Vernichtung kreiste in meinem Innern so stark und gewaltig , als es nur immer im langen und vielfältigen Menschenleben vorkommen kann ; aber durch die dunkle Wolke blitzte bereits ein lieblicher Funke der Versöhnung und Befreiung . Der offene Blick meiner Mutter auf meine unverhüllte Lage fing an , den Alp zu bannen , der mich bisher gedrückt hatte , ihr strenges Auge war mir wohltätig und löste meine Qual , und ich fühlte in diesem Augenblicke eine unsägliche Liebe zu ihr , welche meine Zerknirschung durchstrahlte und fast in einen glückseligen Sieg verwandelte , während meine Mutter tief in ihrem Kummer und in ihrer Strenge beharrte . Denn die Art meines Vergehens hatte ihre empfindlichste Seite , sozusagen ihren Lebensnerv getroffen einesteils das kindliche blinde Vertrauen ihrer religiösen Rechtlichkeit , andernteils ihre ebenso religiöse Sparsamkeit und unwandelbare Lebensfrage . Sie hatte keine Freude beim Anblick des Geldes , nie übersah sie unnötigerweise ihre Barschaft , aber jedes Guldenstück war ihr beinahe ein heiliges Symbolum des Schicksals , wenn sie es in die Hand nahm , um es gegen Lebensbedürfnisse auszutauschen . Desnahen war sie nun weit schwerer mit Sorge erfüllt , als wenn ich irgend etwas anderes begangen hätte . Wie um sich gewaltsam vom Gegenteile zu überzeugen , hielt sie mir alles deutlich und gemessen vor und fragte dann wiederholt : » Ist es denn wirklich wahr ? Gestehe ! « Worauf ich ein kurzes Ja hervorbrachte und mich meinen Tränen überließ , ohne indessen viel Geräusch zu machen ; denn ich war nun völlig befreit und fast vergnügt . Sie ging tiefbewegt auf und nieder und sprach » So weiß ich nun nicht , was werden soll , wenn du dich nicht fest und für immer bessern willst ! « Damit legte sie das Kästchen wieder in ihren Schreibtisch und ließ den Schlüssel desselben an dem gewohnten Ort . » Sieh « , sagte sie , » ich weiß nicht , ob du , wenn du deine paar Geldstücke noch verbraucht hättest , alsdann auch nach meinem Gelde , welches ich so sparen muß , gegriffen haben würdest ; es wäre nicht unmöglich gewesen ; aber mir ist es unmöglich , dasselbe vor dir zu verschließen . Ich lasse daher den Schlüssel stecken , wie bisher , und muß es darauf ankommen lassen , ob du freiwillig dich zum Bessern wendest ; denn sonst würde doch alles nichts helfen , und es wäre gleichgültig , ob wir beide ein bißchen früher oder später unglücklich würden ! « Es waren gerade etwa acht Tage Ferien , ich blieb von selbst im Hause und suchte alle Winkel auf , in denen ich den Frieden und die Ruhe der früheren Tage wiederfand . Ich war gründlich still und traurig , zumal die Mutter ihren Ernst beibehielt , ab- und zuging , ohne vertraulich mit mir zu sprechen . Am traurigsten war das Essen , wenn wir an unserm kleinen Eßtischchen saßen und ich nichts zu sagen wagte oder wünschte , weil ich das Bedürfnis dieser Trauer selbst fühlte und mir sogar darin gefiel , während meine Mutter in tiefen Gedanken saß und manchmal einen Seufzer unterdrückte . So verharrte ich im Hause und gelüstete nicht im mindesten ins Freie und zu meinen Genossen zurück . Höchstens betrachtete ich einmal aus dem Fenster , was auf der Straße vorfiel , und zog mich sogleich wieder zurück , als ob die unheimliche Vergangenheit zu mir heranstiege . Unter den Trümmern und Erinnerungen meines verflogenen Wohlstandes befand sich ein großer Farbenkasten , welcher gute Farbentafeln enthielt , statt der harten Steinchen , die man sonst