« - rief er , aus tiefster Brust aufathmend , indem er ihren Kopf zwischen seine Hände nahm und ihr lange und tief in das blaue Auge schaute . Seine Stimme versagte ihm fast , als er , halb vor Verzweiflung halb aus wirklicher , tiefer , überströmender Liebe , endlich in die Worte ausbrach : » Du weißt nicht , wie unendlich , wie unsagbar meine Liebe zu Dir ist . « Der zitternde Ton , mit dem diese Worte gesprochen wurden , setzte ihre Seele in eine Schwingung , der ihr ganzes Wesen zu folgen gezwungen war ; sie stieß einen leisen aber tiefen Seufzer aus , in dem sich ihre ganze noch nicht überwundene Beklemmung verhauchte . Ihr schöner Kopf sank auf die Sophalehne herab und ein überaus seelenvolles Lächeln umspielte ihren reizenden Mund . Landsfeld beugte sich über sie und küßte ihre Augen , die sie geschlossen , als wolle sie einen entzückenden Traum , in den sie durch Landsfelds Wort und Blick versenkt war , festhalten . Ihre Wangen , noch kurz zuvor so bleich , färbten sich unter seinen Küssen tiefer und tiefer , die ein ungekanntes verzehrendes Feuer in ihrer Brust entzündeten . Landsfeld selbst war von seiner Empfindung übermannt ; er fühlte es , daß der Augenblick kommen werde , in dem seine Willenskraft vor der Gewalt der Leidenschaft werde ohnmächtig zusammensinken . Zagend davor , und sich doch danach sehnend , schwankte er einige Minuten zwischen glühendem Verlangen und zitterndem Bangen hin und her , indem er , bald kühner werdend , Lydiens sich an ihn schmiegende Gestalt mit festen Banden umstrickte , bald , wie vor seiner eigenen Kühnheit erbebend , die sie umschlingenden Arme sinken ließ . Als er aber sah , daß in Lydiens Seele bereits ein Funke von der Glut , die wie ein Lavastrom durch seine Adern rollte , gefallen war , der , weiter und weiter glimmend , bald in leuchtende Flammen ausbrechen mußte , so setzte er , jede Bangigkeit und Unentschiedenheit vergessend , dem tosenden Strome seiner Leidenschaft keinen Damm mehr entgegen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - In diesem Augenblicke ging in Lydiens Innern eine ungeheure , ihr ganzes Wesen bis in die kleinsten Empfindungsfasern tief erschütternde Umwandlung vor , indem plötzlich die Erinnerung an jene furchtbare Scene mit Berger in ihr auftauchte . Ein Schauder durchrieselte wie Todesfrösteln ihre Glieder , als der Gedanke in ihr lebendig wurde , daß - Therese Recht gehabt habe . Ihr Herz durchzuckte der tiefe brennende Schmerz einer unendlichen Trostlosigkeit , die sie in einem Nu an den Rand der Verzweiflung schleuderte . » Er hat Dich nicht geliebt « - so tönte es wieder und immer wieder in ihrer Seele . » Du bist Ihm nichts gewesen als eine Puppe , mit der er gespielt , als ein Instrument , mit dem er kalte und berechnende Versuche angestellt . « Sie fühlte sich erniedrigt , gedemüthigt , bis im innersten Lebenskeime verwundet , und das unnennbare Weh ' betrogner Liebe zog wie Ahnung des Todes durch ihre Brust . Hätte sie die physische Kraft gehabt , so würde sie den im Taumel schrankenloser Leidenschaft Fortgerissenen von sich gestoßen haben . Aber sie vermochte es nicht . Ihr weiblicher Zartsinn war empört über seine Angriffe , ihr edler Stolz krümmte sich wie ein ohnmächtiger Wurm unter der grausamen Hand , die den Schleier von dem Allerheiligsten ihrer Jungfräulichkeit zerriß : aber sie vermochte es nicht , ihm den geringsten Widerstand zu leisten . Wie der Ertrinkende im Todeskampfe vergeblich die Hände emporstreckt , so lange er noch Hoffnung auf Rettung hat , aber endlich eine verzweiflungsvolle Resignation sich seiner bemächtigt , wenn die Gewißheit , keinen Boden mehr unter seinen Füßen und keinen Strohhalm zum Anklammern zu haben , seinen Geist überwältigt und vernichtet , so kämpfte sich auch in Lydiens Seele der ungeheure Kampf zwischen der Vernichtung ihres eigenen Selbst und der Machtlosigkeit eines verzweiflungsvollen Widerstrebens gegen das blinde Verlangen ungezähmter Leidenschaft in ihr durch - bis zum Wahnsinn . Hätte sie widerstehen können , wäre ihr Stolz hinlänglich durch ihre physische Kraft unterstützt worden , um seine Empörung wenn auch nur durch den Versuch eines Widerstandes bethätigen zu können , dann würde ihre verrathene Liebe sie vielleicht einem frühen Tode zugeführt haben . Aber da Landsfeld , theils weil er selbst zu sehr durch eigene Leidenschaft verblendet war , theils weil Lydia seinem Ungestüm nicht den geringsten Widerstand entgegen setzte , besonders aber durch ihre anfängliche Hingebung getäuscht jene entsetzliche Umwälzung in ihr gar nicht bemerkte , vielmehr in ihrer jetzigen , an Apathie grenzenden Ermattung nur den Widerschein seines Entzückens zu sehen glaubte : Jetzt mußte ihre ganze geistige Existenz aus ihren Fugen gehen . Es war ein furchtbarer Augenblick . - Ein vierfacher Mord : - an ihrer Unschuld - ihrer Liebe - ihrem Stolze - ihrer Vernunft . Die vier Elemente ihrer innern Welt , sie zerfielen mit einem Schlage in Trümmer und der Genius ihrer reinen Seele löschte klagend die Fackel in seinen Thränen . Als Landsfeld aus seinem Rausche erwachend , den Kopf erhob und sein liebender Blick den ihrigen suchte , war er durch die fahle Blässe und ausdruckslose Schlaffheit ihrer Züge überrascht . Ihr Auge war weit geöffnet , aber ohne lebendigen Glanz , ohne jene Bestimmtheit der Richtung und Sehweite , welche man Blick nennt , starrte es empfindungs- und gedankenlos in ein leeres Nichts . - » Lydia « - sagte er sanft und innig . Sie hörte nicht - » Lydia « wiederholte er ängstlich flehend . - Vergebens . Dieser Ton , der sie einst aus der tiefen Bewußtlosigkeit geweckt , in welche sie Angst und Abscheu in den Armen Bergers versenkt hatte , er hatte seine Zauberkraft auf immer für sie verloren . Landsfeld sprang auf - sie rührte sich nicht . Da zuckte plötzlich der Gedanke ihres