auf einen sehr schmalen Altan , der hier an dem Hause hinlief . Zu beiden Seiten desselben standen ausländische Gewächse in hölzernen Kübeln , die jetzt noch in wärmenden Bast und Leinwand dicht eingeschlagen waren . Unter dem Altan schimmerten die breiten mit rothgelbem Sand bestreuten Gänge eines Gartens unklar durch den schweflig riechenden schwarzgrauen Nebel , der feucht und dick an der Erde lag und Alles mit seinen finstern Schwingen bedeckte . Dennoch bemerkte Haideröschen , daß die Höhe des Fensters unbedeutend sei . Augenblicklich entstand der Gedanke an Flucht in ihrer Seele . Aber sie war unbekannt in der Gegend , sie wußte nicht , wie und ob sie aus dem Garten würde entrinnen können , und wo sollte sie in dieser finstern , naßkalten Märznacht , in diesem grausigen Nebel einen Ort auffinden , der ihr Schutz und Obdach bis zum nächsten Morgen gewähren konnte ! So beschloß sie denn auszuharren , ergeben sich in ihr Schicksal zu fügen und auf Gott zu vertrauen . An ihn wendete sich die fromme Gläubige im Gebet , wie sie es seit ihrer ersten Kindheit gewohnt war . Sie bat ihn , daß er sie beschirmen , daß er den Schlaf in dieser Nacht von ihren Augen verscheuchen und ihr klare Besonnenheit und nicht wankenden Muth in der Stunde der Gefahr verleihen möge ! Gestärkt erhob sie sich von ihren Knieen , löschte instinktartig auf den beiden silbernen Armleuchtern drei Kerzen , weil es ihr Verschwendung dünkte , so viele Lichter für eine einzelne Person anzuzünden , die noch dazu vollkommen müßig ging . Unvollständig erleuchtete die vierte Kerze , deren Docht sich in der trüben Flamme krümmte , das einsame Gemach mit den dunkeln Bildern an den Tapeten . Haideröschen schien es oft , als bewegten sich alle Wände , als verdrehten die grimmig blickenden Jäger die Augen und als schlügen sie ihre Gewehre auf sie an . Dann mußte sie sich Gewalt anthun , um nicht laut aufzuschreien , und als ob sie Beruhigung darin fände , preßte sie beide Hände auf ihren fieberhaft klopfenden Busen . So saß sie lange unbeweglich , nur von Zeit zu Zeit schüchterne Blicke nach der Stelle werfend , wo die verborgene Thür sich befand , auf dem weichen , seidenen Divan , mit ihren Gedanken in der Haide auf dem Garten des Vaters , dessen Sorgen um sie und ihr Loos die Betrübniß ihres schuldlosen Herzens noch vergrößerten . Sie saß und zählte die Viertelstunden , welche die Seigerschelle auf dem Herrenhause regelmäßig anschlug . Ueber eine Stunde war lautlos verstrichen , als sie wieder das unheilvolle Rascheln hinter der Tapetenwand vernahm . Sogleich stand sie auf , ergriff den Armleuchter , auf dem sie beide Kerzen ausgelöscht hatte , und stellte sich mit ihm dicht an das bis zur Erde herabreichende Fenster . Kaum hatte Haideröschen hier Posto gefaßt , als die Tapetenwand zurückwich und Graf Magnus mit einiger Schüchternheit und sehr blaß in das Zimmer trat . Die Gedanken dieses Wüstlings waren durch Heinrichs erdichtete Mittheilungen von Röschen eine Zeitlang ganz abgewendet worden . Der Maulwurffänger hatte ihn mit seinen Neuigkeiten gleichsam überfallen und Magnus sah im ersten Augenblick der Bestürzung , wie alle Menschen , die sich geheimer Schuld bewußt sind , Tage blutigen Aufruhrs , wilder Verheerung in unmittelbarster Nähe . Obwohl er , wie der gesammte Adel , die furchtbaren Ereignisse in Frankreich , die eine neue Zeit ansagten , geflissentlich nicht beachtete , waren sie ihm doch genau bekannt . Denn es gebrach ihm keineswegs an Bildung , an Sinn für geschichtliche Ereignisse und an Talent , aus sich selbst ein tüchtiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu bilden , wenn er Lust und Willen dazu gehabt hätte . Erst nachdem er den Maulwurffänger verabschiedet hatte , drängten sich ihm verschiedene Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Erzählungen dieses Mannes auf . Heinrich konnte ja selbst betrogen worden sein und ihn wieder belogen haben . Denn an die Erdichtung des drohenden Unheils durch den Maulwurffänger dachte er nicht im entferntesten , weil er den umherstreifenden Mann für einen bloßen Schwätzer hielt , der aus purer Selbst- und Gewinnsucht alle Dinge so zu drehen und zu benutzen verstehe , daß sie ihm selbst irgend etwas eintrügen . Leute dieser Art waren nicht selten im Gebirge , und weil sie eigentlich aller Welt Freund waren und Jedermann sie für geringes Entgelt für sich gebrauchen konnte , überall beliebt . Dennoch verdroß es den Grafen , daß er so schnell dem schwatzhaften Manne Gehör gegeben und dadurch das kaum in seine Gewalt bekommene Mädchen sich schon wieder hatte entreißen lassen . Freilich baute er im Hintergrunde seiner Seele einen glänzenden verbrecherischen Plan auf , von dem er sich den größten Genuß und eine furchtbare Genugthuung versprach . Er hütete sich aber wohl , diesen abscheulichen Plan irgend Jemand merken zu lassen , denn er hatte bei sich beschlossen , den Großmüthigen , Milden , Bekehrten zu spielen , aber freilich auch nur zu spielen ! Am meisten verdroß es den eitlen Edelmann , daß diese kleine Wendin einen plumpen Bauerburschen ihm unverhohlen vorzog und daß eigentlich nur dies in seinem Auge der Grund ihrer Widerspänstigkeit war . Obwohl er bei seiner Abberufung den festen Willen gehabt hatte , die Wendin um jeden Preis zu gewinnen , stand er jetzt in Folge seiner Unterredung mit dem Maulwurffänger davon ab , und um in Röschens Gemüth die üble Meinung wieder zu verwischen , die sein letztes Auftreten hervorgerufen haben mußte , entschloß er sich nochmals , sie zu sehen , bevor Heinrich Rücksprache mit ihr genommen habe . » Haideröschen ! « sprach er mit sanfter Stimme , da er die Wendin bei der einzelnen trüb brennenden Kerze nicht sogleich gewahr wurde . » Wo hast Du Dich denn versteckt und wer heißt Dir die Lichter auslöschen ? Sprich , wo bist Du ? Ich komme als Freund und gelobe Dir kein Leid zuzufügen ! « Während er nur halblaut flüsternd diese