noch so unheilbar schwer verletzt , Geiersperg war der Mann dazu , in solchem Falle sich lieber eine Kugel vor den Kopf zu schießen , als den Grundsatz der tiefsten Anerkennung und Verehrung der Legitimität seines angebornen Herrschers aufzugeben , mit dem sein ganzes Wesen verwachsen war . Sehr natürlich hatten ihn die politischen Ereignisse des Jahres Zwanzig in Neapel oft und ernstlich beschäftigt ; so lange die Volkssache nicht von der des Königs getrennt war , hatte er wahrhaften Antheil an ihr genommen . Seine langjährige Freundschaft für einige der Hauptagenten des bewaffneten Interventionssystems hatte ihn nicht gehindert , sich an dem begeisterten Aufflammen der italienischen Jugend von Grund aus zu erfreuen , es weckte in ihm ja tausend und aber tausend Erinnerungen ! Später tadelte er das seiner Meinung nach in unklugem Eifer zu weit gehende Parlament und fühlte sich in seinen Ansichten etwas gestört ; dennoch machte es ihm sichtlich Vergnügen , wenn Leontine ihm triumphirend die Zeitungen vorlas , in denen die Fabier und Bruttier der Abruzzen eine so glänzende Rolle spielten . Als sich aber der Aufstand immer bestimmter gestaltete und er das ganze Unternehmen an der Muth-und Kraftlosigkeit des eigentlilichen Volkskernes scheitern sah , ergriff ihn eine echt soldatische Ungeduld , er warf die Zeitungen in einen Winkel und ging eine ganze Weile , von unreifem Zeuge , Kinderstreichen und dummen Jungen murmelnd , im Hause umher . In Baden hatte die ganze Geschichte vergleichsweise längst einen komischen Anstrich für ihn bekommen , den er mit seinen alten Waffenfreunden im besten Humor ausbeutete , und deren derbe und körnige Späße der armen Leontine in ' s Herz schnitten . Es war rein unmöglich , in dieser Stimmung über Jean Carlo ' s Lage mit ihm zu reden . Vielleicht war es diese im Kreise ihrer Lieben zum ersten Mal empfundene Entfremdung ihres innigsten Gefühls , welche Leontinen in den Abgrund eines hoffnungslosen , in tiefes Geheimniß gehüllten Verhältnisses fast widerstandlos hineinriß . Jean Carlo begnügte sich eine Weile mit Schreiben ; aber sein junges Leben war so plötzlich leer geworden , jedes Interesse darin schien erloschen , Vaterland und Schwester waren ihm entrissen . In Baden von jeder Verbindung mit den ihm nach und nach in Frankreich und der Schweiz bekannt gewordenen italienischen Flüchtlingen abgeschnitten , verstand er nicht einmal die Sprache , die er um sich reden hörte ; war es ein Wunder , wenn in dieser gänzlichen Abgeschiedenheit , im kochenden Blut des Jünglings die Leidenschaft für Leontinen eine Höhe erreichte , die ihn jeder Rücksicht nicht nur vergessen ließ , nein , die sie ihm geradezu unmöglich machte ? Sein Zimmer war dem der so Heißgeliebten gegenüber ; er hörte sie kommen , gehen . Trotz Josephinens Anwesenheit fand er bald Mittel , ihr zu nahen , sie zu sehen , zu sprechen , sie mit all dem tiefen Zauber seiner poetischen Liebesglut zu umstricken , deren Anblick ihr völlig neu war , die sie nie zuvor gekannt , nie früher geahnt . Denn bei uns wird ja ein wirklich vornehmes Mädchen so sorgsam gehütet , kein Laut , kein Hauch der rohen Heftigkeit der Leidenschaft oder auch nur menschlich-sinnlicher Schwäche berührt jemals ihr Ohr ; sie weiß nicht einmal um die Existenz derselben . Und wenn nun auf diese ätherreinen Sinne , auf diese schneeigklare Gedankenfläche die Liebe in Gestalt der heißen Leidenschaft ihr Siegel drückt - wer darf es wagen , sie mit gemeinem Maß zu messen , oder eine Klugheit von ihr zu fordern , die in ihrer Lage eine Erniedrigung , eine Entwürdigung wäre ? Jean Carlo ließ nicht ab , bis sie an seinem Herzen , in seinen Armen ihm bebend Gegenliebe gestanden und zuletzt , vom Uebermaß seiner sich immer steigernden Wünsche und Qualen unwiderstehlich fortgerissen , ihm geschworen hatte , nie einem Andern ihre Hand zu reichen . O , welche Glutwogen der Poesie , des Fanatismus und der sie vergötternden Sinnlichkeit schlugen über des armen Kindes so leicht erregbarem Herzen zusammen ! Wie schal und abgeschmackt erschienen ihr jetzt die früheren Bewerbungen der Männer , die ihr bis dahin von ehrerbietiger Ergebenheit vorgeschwatzt und darin wahrscheinlich nur der Mode oder ihren brillanten Vermögensumständen gehuldigt hatten . Wenn Jean Carlo spät Abends leise in ihr Stübchen hinüberschlich , Stundenlang vor ihr kniete , ihre kleinen Füße küßte , ihren heißen Athem trank - dann wieder , in plötzlich erwachendem Zorn gegen sich selbst , fast verzweifelnd sich anklagte : daß sie mit einem Male die Welt ihm geworden , daß er um ihretwillen sein Vaterland vergesse , daß sie die heilige Jungfrau sei , zu der sein Herz bete - wenn seine heißen wollüstig-schmerzlichen Thränen ihre Hände benetzten , oder wenn er , von der eigenen Glut aufgeschreckt , aufsprang und fortlief , um in der wilden Aufregung seines Wesens mit keinem Hauch ihre kindliche Unbefangenheit zu beleidigen , dann aber , wie gebannt , am Thürpfosten fest angeklammert stehen blieb und nur von fern mit trunkenem Auge die Wonne ihres Anblickes in sich sog , bis dann zuletzt langsam , allmälig die unbegrenzte Herrschaft , die sie über ihn ausübte , die Gewalt seines Gefühls beschwichtigte , ihn zurücklockte und er leise wieder näher trat und mit zitternden Lippen zur » guten Nacht « ihre Fingerspitzen kaum zu berühren wagte , als wäre sie das ihm von Priesterhand geweihte Bild des Allerheiligsten - dann mußte ja wol vor allen diesen unverstandenen und doch so beseligenden Empfindungen die ruhige Ueberlegung weichen , die ihr in einsamen Minuten eine Verbindung mit Jean Carlo als unmöglich erscheinen ließ . Auf den Spaziergängen traf Leontine zuweilen mit dem Dechanten zusammen . Immer machte sein Anblick wieder denselben tiefen , ihr unerklärlichen Eindruck einer höheren Gewalt auf sie . War sie allein , so redete er sie an , und auch er nannte sie Jean Carlo ' s Stütze , seinen einzigen Trost . Den erhabeneren , an welchen er selbst sein vielleicht einst eben so schmerzlich-bewegtes Herz