werden ihn leider wiederfinden , und kehren zu der Unschulds-Welt zurück , die wir also bedroht wissen . Das tägliche , ungestörte Beisammensein einiger Wochen hatte eine genauere , innigere Annäherung zugelassen , als in dem Geräusche der Welt oft Jahre vermögen . Leonin hatte die Vollendung des Sprachunterrichts übernommen , den Fennimor von ihrem englischen Vater nur bis auf einen gewissen Punkt erhalten konnte , und Fennimor hatte dagegen ihm ihre alten Legenden und Geschichtsbücher , vor allen aber ihre Bibel vorgetragen , worin sie ihn zu ihrem Erstaunen höchst unwissend fand , und welchen Uebelstand sie durch ihren ernsten Eifer , und indem sie bei ihm alle Regeln des Unterrichts anwendete , durch die sie selbst geleitet worden war , jetzt für immer zu heben hoffte . Wir wollen nicht untersuchen , wie lange der Ernst solcher Studien jeden Tag anhielt , welche Rolle der Wald , die Blumen , die Vögel und alle die tausend lieblichen Kindereien dazwischen spielten , womit Fennimor ihre Einsamkeit bisher geschmückt , und die nun alle Leonin so wohl bekannt waren , als ihr selbst : gewiß bleibt es , daß der unverwandt sie anblickende Schüler oft kein Wort mehr von den alterthümlichen Figuren hörte , die sie mit dem vollen Eifer ihres Glaubens daran ihm einzuprägen suchte - blos noch das himmlische , von Locken , wie von einer Glorie , umsäumte Antlitz betrachtend , das so ernst , so glühend von ihrer Anstrengung , mit den leuchtenden Augen den schlanken Finger verfolgte , der über die vergelbten Blätter Leonin als Wegweiser dienen sollte . » Du giebst wieder nicht Acht ! « rief sie dann plötzlich , Alles merkend , » und sollst Du es nachher ohne das Buch wissen , dann ist die Arbeit umsonst gewesen . « Aber schon mußte sie , selbst lachend , die Augen von seinem lachenden Gesichte abwenden , und wenn er dann die strenge Hand , die ihm drohen wollte , einfing , fiel ihr auch bald allerlei liebes Geschwätz ein , was nicht auf dem alten Pergamente stand . - Es blieb Leonin kein Geheimniß in dieser Seele , deren ganzes Bewußtsein ein redendes Mittheilen an ihn geworden war , und wie sie sich erweckt und belebt fühlte durch diese Hingebung und den ganzen Zauber dieser reinen und tiefen Liebe , so strömten in ihrer reichen Seele nur jeden Tag neue Entwickelungen hervor , an denen sie sich kindlich erfreute , sie alle dem Geliebten dankend . Unser Gefühl hält uns zurück , den hinreichend durch unsere Mittheilungen dargelegten Zustand der beiden Glücklichen zu umschleichen ; dennoch werden wir dies Gefühl in allen seinen Stadien andeutend verfolgen müssen , da es fortan die Atmosphäre oder das Schicksal dieser so innig sich gehörenden Wesen bildet , und ihr ganzes Leben gestaltet und bestimmt . Schon nahte sich die Zeit , die Leonin als die seiner Abreise angesetzt hatte , und er , wie Fennimor gingen ihr mit so bangem , beklommenem Herzen entgegen , als stehe ein Gewitter über Beider Haupt . Keiner wagte den Andern daran zu erinnern , aber Beide verstanden die bange Furcht ihrer Herzen , und wenn Fennimor sich plötzlich , weinend wie ein Kind , an seine Brust warf , frug er sie nicht , warum sie weine , und ließ auch den Thränen seiner eigenen Augen freien Lauf , denn er schämte sich dieses treuen Mitgefühls nicht . Was dabei Crecy ' s Besorgnisse noch mehr erregte , als selbst Fennimors unerfahrenes Herz es auffaßte , war das sichtliche Abnehmen der Lebenskräfte des ehrwürdigen Sir Reginald . Diesem kindlichen Greise , der seit einigen vierzig Jahren die Wälder von Stirlings-Bai und ihre nächsten Umgebungen nicht mehr verlassen hatte - dessen Erinnerungen bis auf das Leben mit seiner Gattin erblaßt waren , der die großen Umwälzungen , die die Welt indessen erlitten , nur wie ein Schattenspiel ohne ihre wahren Farben , ohne von ihrem Einflusse berührt zu werden , an sich hatte vorübergehen lassen , der vom Leben sich so leise , so mild abgelöst , daß er nur , um Fennimor Gesellschaft zu leisten und ihre Existenz unangerührt zu lassen , das Leben fest gehalten hatte als eine noch nicht gelöste Aufgabe - ihm sank mit jedem Tage , jetzt , wo Fennimor ein neues Dasein ergriffen , das er kindlich unwissend durch Crecy ' s Herz für gesichert hielt , die Lebenssonne tiefer herab . Er fühlte in sich schon den Tag nahen , wo sie ihm versinken würde , und seine Züge trugen das Lächeln der Verklärung , wie einen liebevollen Trost , um die bleichere eingesunkenere Wange . Schon nahmen die sanften Laute der brechenden Stimme bei jeder liebevollen Anrede Abschied von dem Lebenden , und Crecy sah mit tausend bangen Gedanken , wie die schwankenden Schritte verriethen , daß die ehrwürdige Gestalt sich nicht mehr aufrecht zu tragen vermochte , und die weißen Locken dem müden Haupte nach über die Brust zusammen fielen . Fennimor sah die Veränderung ihres Vaters , aber sie kannte den Tod nicht , sie hatte noch nie daran gedacht , ihr Vater könne sterben , und so hatte sie immer eine neue Erklärung für seinen veränderten Zustand , wenn Crecy zuweilen schonend den Versuch machte , sie auf den immer unvermeidlicher werdenden Ausgang vorzubereiten . Oft wurde sein besorgter Blick von dem Greise errathen , dann reichte er ihm lächelnd die Hand . » Du wirst Fennimor jetzt meine Stelle ersetzen , « sagte er - » ich fürchte nicht mehr mein nahes Ende , und ein Vaterland wird sie überall finden , wo sie geliebt wird . « Crecy hatte oft nicht den Muth , in solche Andeutungen einzugehen , aber er fühlte dennoch immer lebendiger heraus , wie groß und Besorgniß erregend die Veränderung sein würde , die Sir Reginalds Tod jetzt hervorbringen müßte , wo seine Verhältnisse Fennimor für den Augenblick weder eine Zuflucht bei ihm , noch Rechte darauf geben konnten . Es