noch zur Hälfte , auf demselben ein hohes Kreuz , an welches unten der heruntergestürzte Christusleib festgebunden ist . Ich kletterte an dem Altar hinauf ; um den Trümmern noch eine letzte Ehre anzutun , wollte ich einen großen Blumenstrauß , den ich unterwegs gesammelt hatte , zwischen eine Spalte des Kopfes stecken ; zu meinem größten Schrecken fiel mir der Kopf vor die Füße , die Weihen und Spatzen und alles was da genistet hatte , flog durch das Gepolter auf , und die stille Einsamkeit des Orts war Minuten lang gestört . Durch die Öffnungen der Türen schauen die entferntesten Gebirge : auf der einen Seite der Altkönig , auf der andern der ganze Hunsrück bis Kreuznach , vom Donnersberg begrenzt ; rückwärts kannst Du so viel Land übersehen als Du Lust hast . Wie ein breites Feiergewand zieht es der Rhein schleppend hinter sich her , den Du vor der Kapelle mit allen grünen Inseln wie mit Smaragden geschmückt liegen siehst ; der Rüdesheimer Berg , der Scharlach- und Johannisberg , und wie all das edle Gefels heißt , wo der beste Wein wächst , liegen von verschiedenen Seiten und fangen die heißen Sonnenstrahlen wie blitzende Juwelen auf ; man kann da alle Wirkung der Natur in die Kraft des Weines deutlich erkennen , wie sich die Nebel zu Ballen wälzen und sich an den Bergwänden herabsenken , wie das Erdreich sie gierig schluckt , und wie die heißen Winde drüber herstreifen . Es ist nichts schöner , als wenn das Abendrot über einen solchen benebelten Weinberg fällt ; da ist ' s , als ob der Herr selbst die alte Schöpfung wieder angefrischt habe , ja als ob der Weinberg vom eignen Geist benebelt sei . - Und wenn dann endlich die helle Nacht heraufsteigt und allem Ruh gibt , - und mir auch , die vorher wohl die Arme ausstreckte und nichts erreichen konnte ; die an Dich gedacht hat ; - Deinen Namen wohl hundertmal auf den Lippen hatte , ohne ihn auszusprechen - müßten nicht Schmerzen in mir erregt werden , wenn ich es einmal wagte ? - Und keine Antwort ? Alles still ? - Ja Natur ! wer so innig mit ihr vertraut wär , daß er an ihrer Seligkeit genug hätte ! - Aber ich nicht ! - Lieber , lieber Freund , erlaub ' s doch , daß ich Dir jetzt beide Hände küsse ; zieh sie nicht zurück , wie Du sonst getan hast . Wo war ich heut nacht ? - Wenn sie ' s wüßten , daß ich die ganze Nacht nicht zu Hause geschlafen habe und doch so sanft geruht habe ! - Dir will ich ' s sagen ; Du bist weit entfernt , wenn Du auch schmälst , - bis hierher verhallt der Donner Deiner Worte . Gestern abend ging ich noch allein auf den Rochusberg und schrieb Dir bis hierher , dann träumte ich ein wenig und wie ich mich wieder besann und glaubte , die Sonne wolle untergehen , da war ' s der aufgehende Mond ; ich war überrascht , ich hätte mich gefürchtet , - die Sterne litten ' s nicht ; diese Hunderttausende und ich beisammen in dieser Nacht ! - Ja , wer bin ich , daß ich mich fürchten sollte , zähl ich denn mit ? - Hinunter traute ich mich nicht , ich hätte keinen Nachen gefunden zum Überfahren ; die Nacht ist auch gar nicht lang jetzt , da legt ich mich auf die andere Seite und sagte den Sternen gute Nacht ; bald war ich eingeschlafen , - dann und wann weckten mich irrende Lüftchen , dann dacht ich an Dich ; so oft ich erwachte , rief ich Dich zu mir , ich sagte immer im Herzen : Goethe sei bei mir , damit ich mich nicht fürchte ; dann träumte ich , daß ich längs den schilfigen Ufern des Rheins schiffe , und da , wo es am tiefsten war , zwischen schwarzen Felsspalten , da entfiel mir Dein Ring ; ich sah ihn sinken , tiefer und tiefer , bis auf den Grund ! Ich wollte nach Hilfe rufen , - da erwachte ich im Morgenrot , neubeglückt , daß der Ring noch am Finger war . Ach Prophet ! - deute mir diesen Traum ; komm dem Schicksal zuvor , laß unserer Liebe nicht zu nahe geschehen , nach dieser schönen Nacht , wo ich zwischen Furcht und Freude im Rat der Sterne Deiner Zukunft gedachte5 . Ich hatte schon längst Sehnsucht nach diesem süßen Abenteuer ; nun hat es mich so leise beschlichen , und alles steht noch auf dem alten Fleck . Keiner weiß , wo ich war , und wenn sie ' s auch wüßten , - könnten sie ahnen , warum ? - Dort kamst Du her , durch den flüsternden Wald , von milder Dämmerung umflossen , und wie Du ganz nahe warst , das konnten die müden Sinne nicht ertragen , der Thymian duftete so stark ; - da schlief ich ein , - es war so schön , alles Blüte und Wohlgeruch . Und das weite grenzenlose Heer der Sterne , und das flatternde Mondsilber , das von Ferne zu Ferne auf dem Fluß tanzte , die ungeheure Stille der Natur , in der man alles hört , was sich regt ; ach , hier fühle ich meine Seele eingepflanzt in diese Nachtschauer ; hier keimen zukünftige Gedanken ; diese kalten Tauperlen , die Gras und Kräuter beschweren , von denen wächst der Geist ; er eilt , er will Dir blühen , Goethe ; er will seine bunten Farben vor Dir ausbreiten ; Liebe zu Dir ist es , daß ich denken will , daß ich ringe nach noch Unausgesprochenem . Du siehst mich an im Geist , und Dein Blick zieht Gedanken aus mir ; da muß ich oft sagen , was ich nicht verstehe , was ich nur sehe