einem Brief . Ich wartete eine Weile , ob er wohl bald ausgelesen haben werde , um ihn dann anzureden , aber er las immer . Ich trat von der Seite hinter ihn , um nach dem Schluß dieses riesengroßen Briefes zu blicken - es waren wenige Zeilen von einer Frauenhand , die er , wie es schien , gedankenlos anstarrte . » Habe ich die Ehre , Herrn von S. vor mir zu sehen ? « fragte ich in deutscher Sprache , indem ich vor ihn trat . » Der bin ich « , antwortete er , indem er den düsteren Blick von dem Brief auf mich schlug , und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen des Hauptes erwiderte . » Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen ; und doch war ich so glücklich , einmal einen Abend im Hause Ihrer Tante in Berlin zu genießen , den vorzüglich Ihre Unterhaltung , Ihre interessanten Mitteilungen mir unvergeßlich machen . « » Im Hause meiner Tante ? « fragte er , aufmerksamer werdend . » Wie , war es nicht ein höchst ennuyanter Tee ? Waren nicht einige männliche Weiber und einige zartweibliche Herren zugegen ? Ich erinnere mich , ich mußte etwas erzählen . Doch Ihr Name , mein Lieber , ist mir leider entfallen . « » Baron von Stobelberg ; ich reiste damals mit - « » Ah - mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister , jetzt erinnere ich mich ganz , er war so unglücklich , allen Damen , ohne es zu wollen , Sottisen zu sagen und überschnappte endlich , nämlich mit dem Stuhl ? « » So ist ' s ; wollten Sie erlauben , meinen Kaffee hier zu trinken ? Ich bin noch so fremd hier , ich kenne keine Seele . Sie sind wohl schon lange hier bekannt ? « Ein melancholisches Lächeln zog um seinen Mund . » O ja , bin schon lange hier bekannt « , antwortete er düster . » Ich war früher in Geschäften hier , jetzt zu - zu meiner Erholung . « » Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante , mein Hofmeister brachte mich damals um einen köstlichen Genuß . Sie erzählten uns ein kleines Abenteuer , das Sie mit einer Deutschen in Rom gehabt . Ihre Erzählung war auf dem Punkte , eine Wendung zu nehmen , die uns über vieles , namentlich über Ihre sonderbare Verwechslung mit einem Ebenbilde aufgeklärt hätte , da zerstörte mein Mentor durch seinen Fall meine schöne Hoffnung , ich war genötigt , mit ihm den Salon zu verlassen und plage mich seitdem mit allerlei Möglichkeiten , Wahrscheinlichkeiten , wie es Ihnen möchte ergangen sein ? Ob Sie sich mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben ? Ob Sie auch ferner der schönen Luise sich nahen konnten , ob nicht endlich ein Liebesverhältnis zwischen Ihnen entstanden ? Kurz , ich kann Sie versichern , es peinigte mich tagelang , die tollsten Konjekturen erfand ich , aber nie wollten sie passen . « Der junge Mann war während meiner Reden nachdenklich geworden ; es schien etwas darin zu liegen , das ihm nicht ganz recht war ; vielleicht ahnete er meine unbezwingliche Neugierde nach seiner Avantüre , er blickte mich scharf an , aber er wich in seiner Antwort aus . » Ich erinnere mich « , sagte er , » daß wir damals alle bedauerten , Ihre Gesellschaft entbehren zu müssen . Sie waren uns allen wert geworden , und die Damen behaupteten , Sie haben etwas Eigenes , Anziehendes , das man nicht recht bezeichnen könne , Sie haben einen höchst pikanten Charakter . Nun , Sie werden in der Zeit diese Damen entschädigt haben ; wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante ? « Ich sah ihn staunend an ; » Ich hatte nie die Ehre , bei Ihrer Tante gesehen zu werden , als an jenem Abend . « Er entgegnete hierauf nichts , sprach vom Papst und dergleichen , kam aber immer wieder darauf zurück , mich durch eine Zwischenfrage nach Berlin , ins Haus seiner Tante zu verlocken . » Was wollen Sie nur immer wieder mit Berlin ? « fragte ich endlich , » ich war seit jenem Abend nicht mehr dort , und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England . Sehen Sie einmal in meinem Paß , welch ungeheure Tour ich in dieser Zeit gemacht habe ! « Er warf einen flüchtigen Blick hinein und errötete ; » Verzeihen Sie , Baron ! « rief er , indem er meine Hand ungestüm drückte ; » vergeben Sie , ich hielt Sie für einen Spion meiner Tante . - « » Ihrer Tante ? für einen Spion , den man Ihnen bis Rom nachschickt ? « » Ach , die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut . Ich halte mich etwa seit zwei Monaten wieder hier auf . Meine Verwandten toben , weil ich meinen Posten im Bureau des Ministers plötzlich und ohne Urlaub verlassen habe ; sie bestürmten mich mit Briefen , ich kam nicht ; sie wandten sich an die preußische Gesandtschaft hier ; sie fand aber nichts Verdächtiges an mir , und ließ mich ungestört meinen Weg gehen . Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund , ich solle auf meiner Hut sein , man werde einen Spion in meine Nähe senden , um alle meine Schritte zu bewachen . « » Ist ' s möglich ? und warum denn dies alles ? « » Ach , es ist eine dumme Geschichte , eine Anordnung meines verstorbenen Vaters legt mir Pflichten auf , die - ein andermal davon - die ich nicht erfüllen kann . Und Sie , lieber Stobelberg , hielt ich für den Spion . Vergeben Sie mir doch ? « » Unter zwei Bedingungen « , erwiderte ich ihm . » Einmal , daß Sie mir erlauben , Sie recht oft zu begleiten , um