zu sehen gedenke , und wollte sich durchaus nicht daran kehren , daß ihr Vater keinen Besuch annähme . Er war auf jeden Fall überzeugt , daß er ihm mit den englischen und türkischen Farbengeheimnissen willkommen wäre , wenn jener auch ihre nahe Verwandtschaft bei der Annahme seines Besuchs nicht in Betracht ziehen wollte . Uebrigens hielt ihn ein innres Zartgefühl ab , Gabrielen zu gestehen , daß er des Freiherrn nächster Agnat und der künftige Besitzer von Schloß Aarheim sey , der als solcher doch einigermaaßen sich berechtigt glauben konnte , bei seinem Verwandten , den er nie beleidigt hatte , vorgelassen zu werden . Ganz nahe den die Gesellschafts-Säle von Karlsbad umgebenden Alleen steht eine der Madonna geweihte kleine Kapelle zwischen hohen Bäumen und dichtem Gebüsch . Die Mädchen und Frauen der Umgegend schmücken das in ihr wohnende freundliche Muttergottesbild mit dem Schönsten , was sie nur aufzubringen wissen . Nie mangelt es ihm an strahlenden Flittern , an schönen Bändern und Perlen . Frische Blumensträuße duften jeden Morgen auf dem kleinen Altar , so lange die Jahreszeit dieß vergönnt , und an jedem Abend werden helle Kerzen vor dem Bilde angezündet , von denen oft ein funkelnder Strahl durch das dichte Laub bis mitten in die fröhlichen Kreise der vornehmen Welt den Weg findet , und auch da manches stille fromme Herz mit heiliger Sehnsucht erfüllt . Sobald der Abend hereinbricht , bevölkert sich der kleine Betstuhl vor dem Bilde mit Andächtigen ; größtentheils sind es Weiber und Mädchen aus den umliegenden Dörfern , die von der Arbeit kommen und zuvor an dieser heiligen Stätte ihr Abendgebet verrichten , ehe sie heimkehren . Auch Gabriele weilte oft und gern bei der kleinen Kapelle . Wenn frühere Schmerzen sich wieder regten , wenn Ergebung , Hoffnung und die schwer errungne Ruhe des Gemüths im Geräusch ihr fremder werden wollten , dann flüchtete sie sich hierher und kehrte nach kurzem Verweilen immer mit einer Brust voll Frieden zu ihren Umgebungen zurück . Die unerwartete Ankunft ihres Vetters , die unruhige Bewegung , in welche alles um sie her während der Zeit seines Dableibens gerieth , und nun zuletzt noch sein sehr tumultuarischer Abschied und seine Abreise machten ihr am Abende nach letzterer eine einsame Stunde höchst wünschenswerth . Ohnehin waren dießmal die Stunden nach Sonnenuntergang zu der jüngsthin verabredeten allgemeinen Versammlung in einem der Säle bestimmt , und Gabriele wußte wohl , daß sie alle ihre Freunde beunruhigen und betrüben würde , wenn sie nicht dabei erschien . Daher flüchtete sie sich eben , als die Sonne hinter die Felsen zu sinken begann , zu dem Ort , an welchem sie schon oft Trost und Beruhigung fand , um sich für das Geräusch der nächsten Stunden in ruhiger Stille zu erholen , zu stärken und zu sammeln . Sie traf nur eine einzige , auf ihren Knien in tiefer Andacht hingesunkene Beterin in der Kapelle , und schlich sich leise an die andre äußre Ecke des Betstuhls , um durch ihre Gegenwart so wenig als möglich störend zu werden . Lange hatte sie sich nicht so durchaus beklommen , so recht innerlich betrübt gefühlt als heute . Durch Adelberts Erzählung seines unwürdigen trüben Geschicks war nicht nur ihr wärmstes Mitgefühl in Anspruch genommen worden , es hatte solche auch alle ihre eignen Schmerzen und Sorgen wieder angeregt . Ottokars Bild stand seitdem lebendiger als je wieder vor ihrem Geist , begleitet von einer düstern bangen Ahnung , die ihr weder Rast noch Ruhe ließ , und sie um so mehr beängstigte , je undeutlicher und verworrner die Vorstellungen waren , durch welche ihr aufgeregtes Gemüth sich mit Grausen erfüllte . In der Kapelle ward ihr indessen bald ruhiger zu Muthe . Die Stille des Orts , die Abendsonne , welche zwischen dem hohen Gezweige der ihn umgebenden Bäume hindurch ihre goldnen Lichter auf das Marienbild streute , stimmten sie zu süßer seliger Wehmuth . Bald erleichterten Thränen ihr gepreßtes Herz , sie weinte recht herzlich , ohne doch eigentlich zu wissen , wem ihre Thränen flossen ; aber sie fühlte , daß sie ihr unendlich wohl thaten . » Gelobt sey Jesus Christus ! « Mit dieser in Karlsbad gewöhnlichen Begrüßung hörte sie sich plötzlich von der Frau angeredet , die vorhin in der Kapelle gebetet hatte und jetzt dicht neben ihr stand . » In Ewigkeit ! « erwiederte Gabriele und stand auf , um sie an sich vorbei gehen zu lassen ; aber die Frau ging nicht , sondern begrüßte Gabrielen nochmals mit dem zweiten , in Karlsbad üblichen Gruß : » Gott schenk Euer Gnaden die Gesundheit ! « » Ich danke euch , gute Frau ! « sprach Gabriele , und blickte etwas verwundert auf . Ihr Auge traf in das fromme , stille , halb erloschne Auge eines uralten , ärmlich , aber höchst reinlich gekleideten Mütterchens mit schneeweißen , glatt gekämmten Haaren , das mit unaussprechlicher Freundlichkeit sie betrachtete . » Ihr habt recht andächtig gebetet , fromme alte Mutter ! euch muß Gott erhören ; gedenkt auch meiner künftig in eurem Gebete ! « mit diesen Worten reichte Gabriele der Alten eine Gabe . » Das will ich , « antwortete die Frau in einer diesen Gegenden fremden Mundart , » recht herzlich will ich für Sie beten , aber nicht um ihres Geschenks willen . Doch nehme ich es gern , Sie sind reich und gut , und ich will meinen Urenkelchen eine Freude damit machen . « » Für diese Urenkelchen habt ihr auch wohl hier gebetet ? « fragte Gabriele . » Alle Tage bete ich für sie und segne sie , « war die Antwort ; » aber nicht hier , hier bete ich weder für mich noch die Meinen , nur für Einen , den ich nicht einmal zu nennen weiß . Aber Gott kennt ihn und hat den Nahmen in sein Buch geschrieben ; Er weiß , wen ich in meiner Einfalt meine , und wird