zu finden , was uns in mehr als einem Sinne ehrwürdig scheinen müßte . Durch das , was wir Betragen und gute Sitten nennen , soll das erreicht werden , was außerdem nur durch Gewalt oder auch nicht einmal durch Gewalt zu erreichen ist . Der Umgang mit Frauen ist das Element guter Sitten . Wie kann der Charakter , die Eigentümlichkeit des Menschen , mit der Lebensart bestehen ? Das Eigentümliche müßte durch die Lebensart erst recht hervorgehoben werden . Das Bedeutende will jedermann , nur soll es nicht unbequem sein . Die größten Vorteile im Leben überhaupt wie in der Gesellschaft hat ein gebildeter Soldat . Rohe Kriegsleute gehen wenigstens nicht aus ihrem Charakter , und weil doch meist hinter der Stärke eine Gutmütigkeit verborgen liegt , so ist im Notfall auch mit ihnen auszukommen . Niemand ist lästiger als ein täppischer Mensch vom Zivilstande . Von ihm könnte man die Feinheit fordern , da er sich mit nichts Rohem zu beschäftigen hat . Wenn wir mit Menschen leben , die ein zartes Gefühl für das Schickliche haben , so wird es uns angst um ihretwillen , wenn etwas Ungeschicktes begegnet . So fühle ich immer für und mit Charlotten , wenn jemand mit dem Stuhle schaukelt , weil sie das in den Tod nicht leiden kann . Es käme niemand mit der Brille auf der Nase in ein vertrauliches Gemach , wenn er wüßte , daß uns Frauen sogleich die Lust vergeht , ihn anzusehen und uns mit ihm zu unterhalten . Zutraulichkeit an der Stelle der Ehrfurcht ist immer lächerlich . Es würde niemand den Hut ablegen , nachdem er kaum das Kompliment gemacht hat , wenn er wüßte , wie komisch das aussieht . Es gibt kein äußeres Zeichen der Höflichkeit , das nicht einen tiefen sittlichen Grund hätte . Die rechte Erziehung wäre , welche dieses Zeichen und den Grund zugleich überlieferte . Das Betragen ist ein Spiegel , in welchem jeder sein Bild zeigt . Es gibt eine Höflichkeit des Herzens ; sie ist der Liebe verwandt . Aus ihr entspringt die bequemste Höflichkeit des äußern Betragens . Freiwillige Abhängigkeit ist der schönste Zustand , und wie wäre der möglich ohne Liebe . Wir sind nie entfernter von unsern Wünschen , als wenn wir uns einbilden , das Gewünschte zu besitzen . Niemand ist mehr Sklave , als der sich für frei hält , ohne es zu sein . Es darf sich einer nur für frei erklären , so fühlt er sich den Augenblick als bedingt . Wagt er es , sich für bedingt zu erklären , so fühlt er sich frei . Gegen große Vorzüge eines andern gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe . Es ist was Schreckliches um einen vorzüglichen Mann , auf den sich die Dummen was zugute tun . Es gibt , sagt man , für den Kammerdiener keinen Helden . Das kommt aber bloß daher , weil der Held nur vom Helden anerkannt werden kann . Der Kammerdiener wird aber wahrscheinlich seinesgleichen zu schätzen wissen . Es gibt keinen größern Trost für die Mittelmäßigkeit , als daß das Genie nicht unsterblich sei . Die größten Menschen hängen immer mit ihrem Jahrhundert durch eine Schwachheit zusammen . Man hält die Menschen gewöhnlich für gefährlicher , als sie sind . Toren und gescheite Leute sind gleich unschädlich . Nur die Halbnarren und Halbweisen , das sind die Gefährlichsten . Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst , und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst . Selbst im Augenblick des höchsten Glücks und der höchsten Not bedürfen wir des Künstlers . Die Kunst beschäftigt sich mit dem Schweren und Guten . Das Schwierige leicht behandelt zu sehen , gibt uns das Anschauen des Unmöglichen . Die Schwierigkeiten wachsen , je näher man dem Ziele kommt . Säen ist nicht so beschwerlich als ernten . Sechstes Kapitel Die große Unruhe , welche Charlotten durch diesen Besuch erwuchs , ward ihr dadurch vergütet , daß sie ihre Tochter völlig begreifen lernte , worin ihr die Bekanntschaft mit der Welt sehr zu Hülfe kam . Es war nicht zum erstenmal , daß ihr ein so seltsamer Charakter begegnete , ob er ihr gleich noch niemals auf dieser Höhe erschien . Und doch hatte sie aus der Erfahrung , daß solche Personen , durchs Leben , durch mancherlei Ereignisse , durch elterliche Verhältnisse gebildet , eine sehr angenehme und liebenswürdige Reife erlangen können , indem die Selbstigkeit gemildert wird und die schwärmende Tätigkeit eine entschiedene Richtung erhält . Charlotte ließ als Mutter sich um desto eher eine für andere vielleicht unangenehme Erscheinung gefallen , als es Eltern wohl geziemt , da zu hoffen , wo Fremde nur zu genießen wünschen oder wenigstens nicht belästigt sein wollen . Auf eine eigne und unerwartete Weise jedoch sollte Charlotte nach ihrer Tochter Abreise getroffen werden , indem diese nicht sowohl durch das Tadelnswerte in ihrem Betragen als durch das , was man daran lobenswürdig hätte finden können , eine üble Nachrede hinter sich gelassen hatte . Luciane schien sichs zum Gesetz gemacht zu haben , nicht allein mit den Fröhlichen fröhlich , sondern auch mit den Traurigen traurig zu sein und , um den Geist des Widerspruchs recht zu üben , manchmal die Fröhlichen verdrießlich und die Traurigen heiter zu machen . In allen Familien , wo sie hinkam , erkundigte sie sich nach den Kranken und Schwachen , die nicht in Gesellschaft erscheinen konnten . Sie besuchte sie auf ihren Zimmern , machte den Arzt und drang einem jeden aus ihrer Reiseapotheke , die sie beständig im Wagen mit sich führte , energische Mittel auf ; da denn eine solche Kur , wie sich vermuten läßt , gelang oder mißlang , wie es der Zufall herbeiführte . In dieser Art von Wohltätigkeit war sie ganz grausam und ließ sich gar nicht einreden , weil sie fest überzeugt war , daß sie vortrefflich handle . Allein es mißriet