in die gehörige Fassung zu setzen , und trat dann , als mein Vater mich rief , ganz gelassen hinein . Ach , es war wieder nichts mit dieser Künstelei ! Dieses düstere trübe Auge , aus dem die tiefste Schwermuth sprach , die wehmüthige Herzlichkeit , mit der er auf mich zuging , und meine Hand faßte , die weiche Stimme , mit der er mich in seinem Vaterlande willkommen hieß , und dann der Gedanke , um wessentwillen diese traurige Veränderung mit ihm vorgegangen war , das Alles bewegte mich so seltsam , daß ich wohl fühlte , wie meine Fassung mich verließ . Er hatte so viel gelitten ; wie hätte ich ihn durch abgemessene Kälte kränken können ! Und doch war mein Stolz durch eben diese Schwermuth , die ich zu zerstreuen wünschte , beleidigt . Die Feinheit seines Betragens brachte indeß bald wieder einige Ruhe in unsere Haltung . Mein Vater bemächtigte sich seiner mit einem politischen Gespräche , in das Agathokles sogleich mit voller Seele einging ; und jetzt im Feuer der Unterhaltung , als er auf Augenblicke seiner Lage vergaß , schien er wieder derselbe zu seyn , der er in Rom war . Dies Bild trat vor meine Seele ; ich rief , während die Männer angelegentlich sprachen , die frohen Stunden zurück , die ich damals genossen hatte , und auf einmal war es mir , als müßten zwei Agathokles seyn ; als könnte jener anziehende Schwärmer , dessen Ernst vor meinem Lächeln so oft gewichen war , dessen Blick hundertmal mit Entzücken an mir hing - und dies finstere Bild des Kummers , das mir so fremd geworden war , der eine Andre so heiß geliebt hatte , daß ihr Tod ihn an den Rand des Grabes brachte , unmöglich Eine und dieselbe Person seyn . Ich schauderte , die Vorstellung war mir höchst peinlich , ich strebte aus allen Kräften , die wunderbare Täuschung zu zernichten . Es gelang nicht . Auf einmal fühlte ich , daß meine Thränen im Begriff waren , hervorzubrechen . Ich stand schnell auf und verließ das Zimmer . Sie strömten heftig , warum ? wußte ich selbst nicht , aber ich fand eine Erleichterung darin , sie fließen zu lassen . Es kam mir vor , jener Agathokles sey todt , und der , den ich jetzt gesehen hatte , nur ein Bild , ein Schatten von ihm . Mir ward so weich um ' s Herz , wie wenn man nach dem Verlust einer geliebten Person an einem Orte , wo man sie sonst oft gesehen hatte , nun ihre kalte Bildsäule fände . Diese Aehnlichkeit im Aeussern , und diese Verschiedenheit von Innen , jener warme Antheil und diese Kälte ! Es ergriff mich schmerzlich . Ich fühlte , daß ich mich in dieser Stimmung nicht vor ihm sehen lassen konnte . Als ich nach einer Weile wieder hinein ging , war er bereits fort , und hatte versprochen , bald wieder zu kommen . So hatte ihn also mein Weggehen nicht gekränkt , wie ich im ersten Augenblick fürchtete , als ich meinen Vater allein fand ! So hatte er gar nichts an mir bemerkt , nichts zu deuten gefunden ? Natürlich , ich bin ihm nichts mehr , als eine alte Bekannte , und einer solchen nimmt man es ja nicht übel , wenn sie sich entfernt , und den guten Freund in einer Gesellschaft zurückläßt , die ihm wenigstens eben so lieb ist , als die ihrige ! Seit dem Augenblick ist ein wunderbarer , aber wahrlich nicht angenehmer Kampf in meinem Innern . Mitleid mit Agathokles Unglück , Wunsch , seinen Kummer zu erleichtern , und ein bitteres Gefühl des gewaltigen Abstandes zwischen jener Zeit in Rom , und diesem kalten Wiedersehen wechselt unaufhörlich in mir . Was wird hieraus entstehen ? Welche Haltung wird mir das gegen ihn geben ? Du , meine theure Freundin ! könntest hierin mir den wesentlichsten Dienst leisten . Du siehst Agathokles so oft , er vertraut dir , das weiß ich , du wirst ungefähr wissen , wie er von mir denkt . Schreibe mir doch , was er von mir spricht , und besonders in welchem Ton . Daraus läßt sich viel schließen , und ein sein fühlendes Weib ist im Stande , aus der Art , wie ein Mann von einer Andern spricht , zu errathen , was er für diese empfindet . Hierauf verlasse ich mich vollkommen , und erwarte deine Nachricht mit Ungeduld . Leb ' wohl ! 39. Sulpicia an Calpurnien . Synthium , im März 302 . Warum kann ich nicht zu dir fliegen , an deine Brust sinken , und dich mit Thränen der Freude willkommen heißen ? Ach Entbehren und Entsagen war von jeher der Wahlspruch meines Lebens , und seine Macht bewährt sich fort und fort . Ich bin krank , meine Geliebte ! nicht so krank , daß ich nicht allenfalls im Hause , und an einem warmen Frühlingstage in dem reizenden Garten unseres Freundes herumschleichen , und ohne zu große Anstrengung meines Kopfes , dir , meine Theure ! schreiben könnte ; aber viel , viel zu schwach , um eine Reise von sechs Stunden zu dir in die Stadt zu unternehmen . Ich habe viel von der Ruhe meiner gegenwärtigen Lage , von Asiens mildem Himmel und am allermeisten von der Erfüllung meines höchsten Wunsches gehofft . Es will sich nicht ändern , ich kränkle immerfort , und so soll ich denn vielleicht im Hafen Schiffbruch leiden , und die Welt zu einer Zeit verlassen , wo mein Leben erst eigentlich beginnen , und ich nach so vielen Stürmen an ' s Ziel gelangen soll . Es war eine Zeit , wo ich den Tod wünschte , wo er mir als das Ende meiner Qualen erschienen wäre - aber jetzt ? - Jetzt ist der Gedanke , aus Tiridates Armen , aus dem Sonnenschimmer seiner beglückenden Liebe hinabzusteigen