sonnigen Aufgang verschob , desto glänzender , glaubt er , müßt ' er aufgehen , und sinnet auf eine Sonne dazu ; könnt ' er endlich mit einer Sonne einfallen , so fehlt ihm wieder der schickliche Osten zum Aufgang , und in Westen will er nicht gern zuerst empor . Auf diese Weise sagen nun die Menschen hienieden nichts . Walt legte sich indes auf Taten . Die beiden Töchter Neupeters hatten unter allen schönen Gesichtern , die er je gesehen , die häßlichsten . Nicht einmal der Notarius , der wie alle Dichter zu den weiblichen Schönheits-Mitteln gehörte und nur wenige Wochen und Empfindungen brauchte , um ein Wüsten-Gesicht mit Reizen anzusäen , hätte sich darauf einlassen können , eine und die andere Phantasie-Blume in Jahren auf beide Stengel fertig zu sticken . Es war zu schwer . Da er nun gegen nichts so viel Mitleiden trug als gegen eine weibliche Häßlichkeit , die er für einen lebenslangen Schmerz hielt : so sah er die Blonde ( Raphaela hieß sie ) , die ihm zum Glücke blickschuß-recht saß , in einem fort mit unbeschreiblicher Liebe an , um ihr dadurch zu verraten , hofft ' er , wie wenig er sich von ihren Gesichts-Ecken abstoßen lasse . Auch auf die Brünette , namens Engelberta , ließ er von Zeit zu Zeit einen sanften ruhenden Seitenblick anfallen , wiewohl er sie wegen ihrer Lustigkeit nur eines mattern Mitleids würdigte . Es stärkte und erquickte ihn ordentlich bei seinem Mitleiden , daß beide Mädchen mit Putz und Pracht jeden weiblichen Neid auf sich zogen ; - als vergoldete Wirtschaftsbirnen , geschminkte Blatternarben , in herrlichen Franz gebundene Leberreime mußte man sie anerkennen . Hoch mußt ' er bei dieser Denkungsart den sympathetischen Nachbar Flitte stellen , der mit ihm in Aufmerksamkeit und Achtung für dieselbe häßliche Raphaela wetteiferte ! Er drückte Flitten - der als armer Teufel nichts weiter von der verhaßten Schönheit wollte als die Hand mit dem Heiratsgut - unter der Serviette die seinige ; und sagte nach dem dritten Glas Wein : » Auch ich würde mit einer Häßlichen zuerst sprechen und tanzen unter vielen Schönen . « - » Sehr galant ! « sagte der Elsasser . » Sahen Sie aber je eine superbere Taille ? « - Diese nahm jetzt erst der Notar an beiden Töchtern auf Erinnern wahr ; wer sie köpfte , machte jede zur Venus , ja mit dem Kopfe sogar konnte jede sich für eine Grazie halten , aber in doppelten Spiegeln . Gelehrte kennen keine Schönheiten als physiognomische ; Walt war majorenn geworden , ohne zu wissen , daß er zwei Backenbärte habe , oder andere Leute Taillen , schöne Finger , häßliche Finger usw. - » Wahrhaftig « , antwortete der Notar dem Elsasser , » ich wollte wohl einer Häßlichen ohne allen Gewissensbiß die schöne Taille ins Gesicht sagen und loben , um die Arme damit bekannt und darauf stolz zu machen . « Wenn Flitte etwas gar nicht begriff , so fragte er nichts darnach , sondern sagte schnell ja . Walt heftete jetzt in einem fort recht sichtbar die Augen auf Raphaelens Taille , um sie damit bekannt zu machen . Die Blonde schielte von seinen Blicken zurück und suchte sich tugendhaft zu beunruhigen über die Frechheit des jungen Harnisch . » Wer mir lieber , Herr ? die Blonde oder Braune ? « sagte der Hofagent , vom Weine lustig . » Auf jeden Fall die Blonde , sag ' ich ; denn sie kostet vierteljährlich der Kassa 12 Groschen weniger . Für 3 Taler 12 Groschen gutes Geld verkauft der Mundkoch Goullon in Weimar seine Flasche roten Schminkessig ( vinaigre de rouge ) nota bene für Blonde ; für Braune hingegen jede um nette 4 Tlr . ; hat sie vollends schwarzes Haar , so muß ich gar die Flasche zu 4 Tlr 12 Gr . verschreiben . Raphel ! du sollst leben ! « - » Cher père « , versetzte sie , » nennen Sie mich doch nur Raphaela . « - » Er verdients ( dachte Walt , betroffen über Neupeters Ungeschicklichkeit ) , daß sie sagte : Scher-Bär ! « Denn so hatt ' er verstanden . » Heute gibt der arme blinde Baron sein Flöten-Konzert « , sagte schnell Raphaela ; » ach , ich weiß noch , wie ich über Dulon geweint . « - » Ich weiß des Menschen Namen nicht « , sagte die brillantierte Mutter , namens Pulcheria , aus Leipzig , wohin sie beide Töchter mehrmals abgeführt , als in eine hohe Schule bester Sitten , » der Habenichts ist aber ein grober Knoll und dabei ein Flausenmacher . « - Walt arbeitete in sich , weinglühend , an der schnellsten Verteidigung . - » Sobald ein poweres Edelmännchen « , sagte Engelberta spöttisch , » nur etwas lernt und versteht , so nehm ' ichs nicht so genau . « - » Wer weiß es denn « , sagte die Mutter , » was er auf der Flöte kann für Leute , die schon was gehört haben ? « - » Er ist « , fuhr Walt in größter Kürze los , » nicht grob , nicht dürftig , nicht ungeschickt , nicht manches andere , sondern wahrlich ein königlicher Mensch . « Hinterher merkt ' er selber die unabsichtliche Hitze in seiner Stimme und Kürze ; aber seinen sanften Geist hatte die absprechende Kauffrau überrumpelt , die zwar in den Zeiten hübsch gewesen , wo sie Gellerten reiten sehen , die aber jetzt - aus ihren eignen Relikten bestehend - als ihr eignes Gebeinhaus - als ihre eigne bunte Toilettenschachtel - ihren kostbaren Anzug zum bemalten metallischen , mit Samt ausgeschlagenen , mit vergoldeten Handheben beschlagenen Prunksarg ihrer gepuderten Leiche machte . Walt hatte gar nicht wild sein wollen , nur gerecht . Man hörte seine vorlaute Phrasis mit kurzem Erstaunen und Verachten an . Neupeter aber nahm sofort den Faden auf