wir Mythe nennen , ist nur der ferne vielmal gebrochne Widerhall einer ehemaligen Wahrheit , nicht die Menschen erfanden es , sondern es war , und ich hoffe , dies wird einst bewiesen werden ; diese Wahrheit , welche die fromme Vorwelt glaubte , und die Mitwelt vergißt , wird einst das sichre , klare Resultat der Nachforschung , der Wissenschaft , der Weisheit sein ! - Erstaunt werden die Menschen dann mit Ueberzeugung anerkennen müssen , daß das Morgenland die Wiege der Menschen , der Aufenthalt der Götter war , welche die Menschen einst ihre unmittelbaren Offenbarungen würdigten , und daß alle Religionen dieses Ursprungs des einzig Wahren , sind ! Und warum sollten Offenbarungen nicht möglich , nicht wirklich sein ? - Ich selbst habe die Stimme Gottes , öfters laut in meiner Seele vernommen , ein unwiderstehlicher , seeliger Drang , hat mich hinaufgezogen in den blauen , endlosen Aether , wo eine Stimme mir zurief : » Hier bin ich ! hier ist Wahrheit ! « - Ich weiß es gewiß , daß ich ein Theil seines Wesens bin . So wie der Aether durch die Feinheit seiner Theile überall eindringt , ohne verletzt zu werden ; so bleibt der allenthalben gegenwärtige Geist in Allen , ohne verändert zu werden ; und wie eine einzige Sonne die ganze Welt erleuchtet , so erhellt der Weltgeist alle Körper . Diejenigen , welche mit den Augen ruhiger Weisheit wahrnehmen , daß Körper und Geist also unterschieden sind , und daß es für den Menschen eine endliche Trennung von der animalischen Natur giebt , die gehen in das höchste Wesen über . Auch die werden mit ihm vereinigt , deren Werke nur ihn zum Gegenstand haben , die ihn als das höchste Wesen betrachten , ihm einzig dienen , allem persönlichen Vor-theil entsagen , und ohne Haß unter den Menschen leben . Doch soll der Mensch nicht unthätig , ohne Antheil , und als wäre er ohne Sinne , seine Tage auf der Erde verleben . Der Mensch soll handeln ; er darf seinen natürlichen Neigungen folgen , seine Wünsche zu erfüllen streben , und die Freuden der Erde unschuldig genießen . Und nur dann wird er schuldig , wann er sein Gemüth ganz dem Irrdischen und Vergänglichen hingiebt , das ihn immer mehr mit Unruhe und niedrigen , dunkeln Leidenschaften erfüllt , und ihn , des in ihm wohnenden Gottes , und seiner eigentlichen Heimath ganz vergessen läßt . Der Mensch hingegen , welcher bei Erfüllung seiner Lebenspflichten , fern von eigennützigen Bewegungsgründen , ohne ängstliche Unruhe wegen des Erfolgs seiner Handlungen , nur das höchste Wesen vor Augen hat , der bleibt , mitten im Geräusch der Welt , rein , wie die Alpenrose von Klippen und Verheerung umgeben , unberührt ihre reinen und süßen Düfte aushauchet . Ein solcher praktischer Mensch , welcher die Pflichten seines Lebens , blos durch seinen Verstand , sein Gemüth und seine Sinne vollzieht , ohne daß dadurch die Ruhe seiner Seele gestöhrt wird , der , um seiner innern Reinheit willen , allen persönlichen Vortheil entsagt , und den Erfolg der Handlung nicht achtet , der gelangt zu einer unendlichen Glückseeligkeit , während der Unbeschäftigte , welcher dabei irdische Wünsche in seinem Herzen trägt , in den Banden der Sklaverei bleibt . O ! es wird eine Zeit kommen , wo alle Menschen wiederum niederfallen , vor dem ewigen Wesen , das alle Religionen versteht ! und ich ahnde , hoffend , daß sie nicht fern ist ! Genieße die kurze Zeit , die dir noch vergönnt ist , sagte er , - indem er mir mit einem wunderbaren Ausdruck von Rührung und Mitleid ins Auge sah , - der Erde und der Gegenwart . Folge deinen Neigungen , wenn sie wahr und natürlich sind , aber verehre in deiner Seele , unermüdet , das Göttliche , was du in dir fühlst , und laß dein Gemüth , nicht von den irrdischen Sorgen und Freuden mit Unruh erfüllt , und herniedergezogen werden . Es war spät geworden , als ich den heiligen Bewohner der Einsiedelei verließ . Die Sonne gieng mit namenloser Herrlichkeit unter , und strahlte einen überirdischen , goldnen Schimmer an die Häupter der fernen Schneegebürge ! » Sonne ! - sagte der fromme Bruder , mit sanft erhöhter Stimme , aber immer gleicher , ruhiger Miene , - Du bist mir das Bild der Gottheit ! und du reiner Aether , der , allgegenwärtig Alles durchdringt ! und wie der Liebende das Bild seiner Geliebten verehrt , also ich euch ! « Ich bat meine Begleiter unter dem Vorwand einer kleinen Unpäßlichkeit - und wirklich fühlte ich mich körperlich nicht ganz wohl - mir meinen Beitrag zur Unterhaltung für heute zu erlassen , und kam schweigend , aber voll ernster , wunderbarer Eindrücke nach Hause . Zwanzigster Brief Amanda an Julien Ich bin nun in Lausanne am Ziel meiner Reise angelangt , wo ich mehrere Monate zubringen werde . Der Himmel ist mir so freundlich , daß er die schönsten Herbsttage herabsendet , die nur je die Erde mit ihren blühenden Kindern , für den nahen Abschied der geliebten Sonnenwärme , schadlos gehalten haben . - Ich fühle mich unbeschreiblich wohl , ob gleich ich es , der Behauptung meiner Begleiterin nach , nicht sein soll . - Gestern fuhr ich auf dem Spiegel des Sees , und genoß eines wunderbar schönen Abends . Das leuchtende Auge des Tages blickte , nach einem , für diese Jahrszeit ganz ungewöhnlich heißen Tage , noch einmal durch dunkle Wolken über die glühende Erde , und verbarg sich hinter die Gebirge ; nur an den hohen Berghäuptern schimmerte der feurige Schein . Drohende Gewitterwolken zogen wie ein furchtbares Kriegsheer vorüber , und schauten übermüthig herab , auf die reifen , schwellenden Früchte , und die bunten , lächelnden Blumen , die sie in einem Augenblick zertrümmern konnten . Schwer athmeten die Geister der Lüfte , die Vögel waren verstummt .