lang im Waisenhause für sich allein , ohne Bericht an die Direction , nie einen Fehler mit Züchtigungen zu bestrafen , sondern nur mit Worten ... Bonaventura hatte ihre Heftigkeit erkannt ... Sie verschwand eilends nach einer entgegengesetzten Seite hin , als die andern Nonnen ... Schwester Therese , die ehemalige Freiin von Seefelden , war klein und blaß und schien mehr von Ergebung , als von Seelenschmerz verzehrt ... Sie gehörte scheinbar jener seltsamen Stimmung ihrer Standes-und Stammgenossen an , die die Begriffe der Etikette , Conduite , Tournüre vom Leben auch ohne alles weitere Nachdenken auf das Verhältniß zum geoffenbarten Gott und zur Kirche übertragen ... Auch sie zeigte zunächst kein besonderes inneres Leben . Sie hatte nur Formfehler zu beichten und Nachlässigkeiten , die sie sich in ihrem Unterricht zu Schulden kommen ließ ... Bonaventura rieth nur auf sie aus der feinern Sprechweise und dachte sich : Das ist also die Nonne , von der eine ganze Landschaft spricht und der sich Paula als Freundin zu nähern hofft ! Welch ein Nimbus umgab sie aus der Ferne und nun - wie war auch sie schon abgestorben - schon so schattenhaft geworden - ... Am Schluß der Beichte , die ihn Zweifelhaft ließ , ob er wirklich mit der Verlobten des Pater Ivo , des Mariensängers , gesprochen , rührte ihn die Selbstanklage , daß sie sich freute über jeden Tag , wo im Waisenhause der Schulunterricht ausgesetzt wäre ... So auch auf morgen ... Widmen Sie sich dieser Thätigkeit nicht mit voller Befriedigung ? ... fragte Bonaventura ... Nein - lautete die zögernd gegebene , aber aufrichtige Antwort ... Bonaventura tadelte eine solche Geringachtung der Versüßung des Klosterlebens ... Hochwürdiger Vater , sprach Schwester Therese , das Kloster und das Leben gehen nicht Hand in Hand ... Wir sind Erzieherinnen , ja - aber die rechte Erziehung , die Erziehung zur Freiheit des Lebens kann nur von der Freiheit kommen ... Die Kinder wollen dem Leben erzogen sein und wir kommen nicht aus dem Leben ... Mein Kind , entgegnete Bonaventura nichtzustimmend , jeder Christ muß in seinem Innern eine Stelle haben , um die es nur allein wie der Friede eines Klosters weht ... Selbst im rauschendsten Gewühl des Lebens , selbst im höchsten Genuß der Kraft und der Freude soll die Christenheit etwas achten , was ungefähr dem Leben mit ewig bindenden Gelübden gleichkommt ... Für diese heilige Stelle im Gemüth erzieht man überhaupt und erziehen Sie ... Selbst die Mütter können so nicht erziehen , wie die Erzieherin ... Die Mutter steht zu sehr unter dem Eindruck des eigenen Lebens , um Kindern immer allein den Werth des Hohen und Göttlichen und der von allem Erdenwust befreiten Bildung zu vergegenwärtigen ... Wollen Sie nicht in diesem Geiste erziehen ? ... Schwester Therese blickte einen Moment mit leuchtenden Augen auf und ging , wie es schien , ermuthigt für ihr langsames Sterben im Kloster ... Bonaventura sah ihr voll Wehmuth nach ... Er hatte den Schmerz , sich sagen zu müssen : War denn dein Wort auch wol mehr , als nur eine Phrase ? ... Du fürchtetest zu hören , daß selbst das Lehren und Unterrichten der Jugend einer vom Leben getrennten Kaste nicht gebühre ; du fürchtetest , daß dir wol gar noch die letzte Glorie des Klosterlebens , die Krankenpflege , als Anhalt deines gläubigen Sinnes entzogen würde ? ... Zum Nachdenken über solche Zweifel blieb indessen keine Zeit ... Neue Stimmen murmelten schon ... Kleinigkeiten und Kleinigkeiten ... Rother gehörte zu denen , die da lehrten : Die Kirche will alles , auch das Kleinste wissen ! » Was ist kleiner « , predigte Beda Hunnius über die Beichte , » als Regentropfen ! Und dennoch entstehen daraus Ströme , die Häuser niederreißen ! Was ist kleiner , als ein Sandkorn ! Aber überladest du ein Schiff damit , so wird es in den Abgrund fahren ! « Und darauf hin verlangte er in der Beichte jeden Regentropfen und jedes Sandkorn aus dem Privatleben seiner Gemeinde zu wissen ... Wie sprach da wieder Eine mit der Geschwindigkeit einer Flattermühle , die im Korn die Spatzen verscheuchen soll ... Welche Fülle von Sünden gab es auch noch unter den Heiligen ... Die ganze Stufenfolge der » sieben Todsünden « , der » sechs Sünden in den Heiligen Geist « , der vier » himmelschreienden « Sünden und der neun » fremden Sünden « ... Und als kannte die Schwester Küchenmeisterin vollkommen die Unterscheidung dieser neun » fremden Sünden « , in welchen der Mensch erstens zur Sünde rathen , zweitens die Sünde befehlen , drittens in die Sünde einwilligen , viertens nur passiv zu ihr reizen , fünftens die Sünde loben , sechstens zu ihr stillschweigen , siebentens dieselbe übersehen , achtens selbst daran theilnehmen und neuntens sie bei etwaigem Anlaß blos vertheidigen kann - so blitzten alle diese Facettirungen der Jesuitendialektik auf in der Klage über die Verhältnisse des Marktes , der Speisekammer , des Backens , des dabei vorgekommenen Naschens und aller möglichen Sorglosigkeiten ... Hier tauchten jetzt auch zwei halb- und drei ganze Novizen auf und im sprudelnden Mittheilungsdrang zum ersten male mit Namennennung Treudchen Ley , die nach Bonaventura ' s Warnung , Niemand zu nennen , dann als die Kostgängerin bezeichnet wurde ... Manches Wort aus dem lebensklugen Jesus Sirach , dem Montaigne und Knigge der Bibel , war eigene wie für die Schwester Küchenmeisterin geschrieben ... In ihren Bekenntnissen liefen ganz harmlos auch die Schüsseln mit unter , die im Kloster für Cajetan Rother zubereitet und in seine Wohnung geschickt wurden ... Am Sprachgitter der Eingangspforte mußten Schachteln und Körbe immer unterwegs sein , denn selbst seine Wäsche ließ der Pfarrer im Kloster waschen - sodaß es Bonaventura nicht Wunder nehmen konnte , von der folgenden Nonne , die die Schwester Wäschmeisterin war unter den heißesten Thränen ein Bekenntniß zu erhalten wo plötzlich wieder Namen fielen wie Eva und Apollonia Schnuphase ... Die Wäschmeisterin beichtete :