seine Erfolge verhindert hätten . Bei großer Leichtigkeit war er von vorsichtiger Haltung ; er wußte Ernst und Sanftmut zu vereinen , um zu überreden und zu gewinnen . Im Friedenstiften , Vermitteln und Versöhnen besaß er ein einziges Talent . « Die Inschrift unter dem Bildnis der alten Frau von Burgsdorf hatte also völlig recht , von ihm als von dem » klugen Staatsminister von Canitz « zu sprechen ; aber er suchte , wie schon angedeutet , diese Klugheit nicht in jener Kunst der Täuschung , am wenigsten in jenem Intrigenspiel , das damals an den Höfen blühte . Er kannte dies Spiel und war ihm gewachsen , aber sein redlicher und reiner Sinn lehnte sich gegen diese Kampfesweise auf . Deshalb zog es ihn immer wieder in die Stille und Unabhängigkeit des Landlebens und in einfach natürliche Verhältnisse zurück . » Der Hof – so schrieb er bald nach dem Tode des Großen Kurfürsten – hat wenig Reiz für mich , und ich betrachte die Würden und Ämter , die andere so eifrig suchen , nur als ebenso viele Fesseln , die mich am Genusse meiner Freiheit hindern , der Freiheit , die über alle Schätze der Erde geht und deren echten Wert zu würdigen , den gemeinen Seelen versagt ist . « Er kannte diesen » echten Wert der Freiheit « wohl , aber die Verhältnisse gestatteten ihm nicht , sich dieser Freiheit so völlig zu freuen , wie es seinen Wünschen entsprochen hätte . Es geschah , was so oft geschieht , man suchte die Dienste desjenigen , der , im Gefühl seines Werts , diese Dienste anzubieten verschmähte , und wie oft er auch , um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen , die Erfahrung gemacht haben mochte , daß » andere die goldenen Äpfel auflasen , während er beim heißen Lauf sich abmühte « , so war doch Gehorsam und Nachgiebigkeit in allen jenen Fällen geboten , wo Weigerung den Vorwurf des Undanks oder doch der Gleichgültigkeit gegen die allgemeinen Interessen auf sich geladen hätte . Canitz drängte sich nicht zu Diensten , aber sooft er sie übernahm , zeigte er sich ihnen gewachsen . Leicht und gewissenhaft zugleich ging er an die Lösung empfangener Aufgaben und die graziöse Hand , mit der er die Fragen berührte , pflegte zugleich eine glückliche Hand zu sein . Fast an allen deutschen Höfen war er eine wohlgekannte und wohlgelittene Persönlichkeit und Kaiser Leopold bezeugte ihm vielfach seine Gnade und sein besonderes Wohlwollen . Canitzens letztes und vielleicht bedeutendstes diplomatisches Auftreten war im Haag , wo damals die Minen gelegt wurden , um den Ryswiker Friedensschluß , der so viele Interessen verletzte und so viele Gefahren heraufbeschwor , wieder zu sprengen . Canitz zeichnete sich auch hier durch jene Klugheit und feine Besonnenheit aus , die , weil sie geflissentlich leise die Fäden zu schürzen oder zu entwirren sucht , gemeinhin auf den Beifall zu verzichten hat , der so leicht in all jenen Fällen sich einstellt , wo ein Diplomat so undiplomatisch wie möglich den Knoten zerhaut . Das herausfordernde Wort eines Rücksichtslosen , dessen Punktum bereits ein erster Kanonenschuß ist , wird jubelnd aufbewahrt , während die kluge Haltung dessen , der eine heranziehende Gefahr beschwört , gemeinhin unbeachtet bleibt . Alles , was sich vor aller Welt Augen zu einem bestimmten Bilde abrundet , ist immer im Vorteil über das Unplastische , das sich in vertraulichem Rat oder gar in einer bloßen Aktenstückszeile vollzieht , und jener Erich Christoph von Plotho , der zu Regensburg mit jenem berühmt gewordenen : » was ! insinuieren ? ? « den kaiserlichen Notar , Dr. Aprill , die Treppe hinunterwarf , hat ein ganzes Dutzend Diplomaten in Schatten gestellt . 25 Überall da , wo das Wort Friedrichs des Großen gilt : » Mach ' Er nur , ich stehe mit zweihunderttausend Mann hinter Ihm ! « ist es nicht schwer , dem guten Rufe der Kraft auch den der Klugheit hinzuzufügen , und das Achselzucken , das unsere preußischen Diplomaten in vorbismarckschen Tagen oft hinnehmen mußten , hat in ganz anderen Dingen seinen Grund , als in Mangel an Einsicht und staatsmännischer Bildung . Canitz ' Verdienste als Diplomat sind unbestritten , seine Verdienste als Poet , so sagt ' ich schon , sind kaum geringer . Wer auf gut Glück hin und ohne den Vorsatz liebevolleren Eingehens , den Band seiner Dichtungen aufschlägt und in einem , übrigens an Schönheiten keineswegs armen Gedichte folgende Anfangsstrophe findet : Laß , mein beklemmtes Herz , der Regung nur den Zügel , Begeuß mit einer Flut von Tränen diesen Hügel , Weil ihn mein treuster Freund mit seinem Blut benetzt , Auf dieser Stelle sank der tapfre Dohna nieder , Hier war sein Kampf und Fall , hier starrten seine Glieder , Als ein verfluchtes Blei die teure Stirn verletzt , Das , eh ' der Sonne Rad den andern Morgen brachte , Ihn leider , ach zu bald zu einer Leiche machte 26 – wer , sag ' ich , solche und ähnliche Strophen findet , wird freilich zunächst den Kopf schütteln und seine Ungläubigkeit ausdrücken , daß es mit so zopfigen Alexandrinern irgend etwas auf sich habe . Und in gewissem Sinne mit Recht . Wir dürfen diese Dinge aber nicht mit einem Maßstabe messen , den wir dem gegenwärtigen Stande unserer Literatur entnehmen , sondern müssen uns vielmehr die Frage vorlegen : was waren diese Gedichte in und zu ihrer Zeit ? Und zu ihrer Zeit waren sie sehr viel . Wenn ihnen jetzt , wie das gelegentlich geschieht , mit herablassender Miene zugestanden wird , daß sie das Verdienst der gewählten Sprache , der Reinheit und Eleganz hätten , so genügt diese Anerkennung keineswegs ; denn es ist das ein Zugeständnis , das so ziemlich allen modernen Dichtern gemacht werden kann , während unter diesen doch nur wenige sind , die für ihre Zeit das Maß von Bedeutung beanspruchen dürfen , das Canitz für