das beginnende Bäuchlein — den Wert , den er aufs Essen legte — an alles dies gewöhnte Agathe sich mit sanfter Freude . Jede Unvollkommenheit kam ihr fast wie eine neue Garantie für ihre Zukunft vor . Die Mädchen müssen nehmen , was ihnen geboten wird . Ihr Los wird ähnlich sein , wie das ihrer Mutter , ihrer Freundinnen . Sie wird eben in ihrem Kreise bleiben . Eine Beamtenfrau — sie kennt das ganz genau . Sie kennt eine Menge von Beamtenfrauen , und alle denken und thun und reden und erleben so ziemlich dasselbe . Was sie in der Seele trug von Keimen zu köstlichen seltenen Blüten , das würde da wohl verborgen bleiben . — Aber wer sagt ihr denn , daß die edlen Kräfte , das Streben nach freier Größe nicht eine vermessene , thörichte Selbsttäuschung gewesen ? War sie ihrer ersten unglückseligen Liebe treu geblieben ? — Nein . War sie ihrem Heiland eine treue Magd geworden ? — Nein . Schließlich war sie doch nichts Besseres , als all die anderen Mädchen auch . Nur nicht mehr ausgeschlossen daneben stehen , neben den tiefen , heiligen , reifenden Erfahrungen des Lebens . Im Wilhelmsgarten , beim Gartenkonzert wollten sie sich treffen . Der Landrat hatte versprochen , von Evershagen hereinzukommen . Mama wurde von ihrer Migräne befallen . Und weil Papa bei der Sonnenglut auch lieber zu Haus blieb , schickte Frau Heidling zu Eugenie . Aber Eugenie schlug die Bitte , Agathe zu begleiten , übellaunig ab . Warum hatte man sie nicht zu dem Ausflug nach Evershagen aufgefordert ? Als ob sie sich den ganzen Tag zu ihrer Schneiderin stellte ! Es schien , daß Agathe es auf den Landrat abgesehen hatte — Mama Heidling entschuldigte sich so wunderlich konfuse wegen der Evershagener Geschichte . Wenn sie sich da nur nicht wieder Dummheiten in den Kopf setzte ! Solche Leute , wie der Landrat Raikendorf , die Carrière machen wollen , nehmen eine Siebzehnjährige — wenn ' s geht , adlig — mit Vermögen — oder eine junge Witwe . Lieber Gott , die arme Agathe war doch eigentlich über das Heiratsalter hinaus . Gelegentlich mußte sie dem Landrat mal auf den Zahn fühlen , damit das gute Kind sich nicht blamierte . Vielleicht konnte man ihm vorschlagen , auch nach Heringsdorf zu kommen . Das wäre eigentlich ziemlich amüsant . . Aber heute ? — Bildet Euch doch nur nicht ein , daß der Landrat bei der Hitze kommt ! Gebt die Idee auf ! Agathe gab die Idee nicht auf . Sie war seelensfroh , daß Eugenie sie nicht begleiten wollte . Tapfer versuchte sie ihr Heil bei Wendhagens — die waren auch bei zwanzig Grad zu jedem Vergnügen bereit . Mit Lisbeth fühlte sie sich viel sicherer und munterer als unter Eugeniens scharfen Beobachteraugen . Und einmal der liebevollen Fürsorge ihrer Mutter entflohen zu sein — ja — schrecklich ! — aber es war ihr jedesmal ein kleines Fest . Raikendorf würde sie nach Haus bringen , denn Wendhagens wohnten in der Vorstadt . Da hatten sie noch einen weiten Weg allein miteinander . Ob er ihr wieder den Arm bieten würde ? Er that es und nahm den ihren , ohne zu fragen , mit einer heiteren Besitzermiene . Sie wußte , daß er nun sprechen würde . Sie hatte ihn doch sehr , sehr gern . Es kam ganz natürlich und war nicht so aufregend , wie sie sich vorgestellt hatte . Er sagte ihr einfach , daß er sie zu seiner kleinen Frau haben möchte , er brauchte gar keine romantischen Worte . Wie zwei gute Kameraden redeten sie davon . Die Hausthür war schon verschlossen . Er half ihr beim Öffnen , und als sie ihm entschlüpfen wollte , heilt er sie im Schatten des Eingangs fest und zog sie an sich . “ Agathe . . . . ! ” bat er leise . Ein Kuß — der erste Kuß auf ihre Lippen . . . Bebende Freude flog durch ihre Sinne . . . Doch ein Licht erhellte plötzlich den Flur , aus der Parterrewohnung drangen Stimmen und Tritte ihnen entgegen — Agathe fuhr zurück . Raikendorf gab sie frei und zuckte ungeduldig die Achseln . Er preßte ihre Hand . “ Auf morgen , Agathe ! ” “ Auf morgen ! Gute Nacht ! ” Agathe lief die Treppen hinauf . Wie lieb sie den Mann jetzt hatte ! Morgen — Morgen wird er sie wieder so weich und fest in den Arm nehmen , und sie wird die Augen schließen . . . . “ Mama — meine liebe , liebe Mama ! Er kommt — morgen früh — zu Papa . . . . Ach — mein Herzensmütterchen . . . . Ich bin ja so froh ! So froh ! — Ich dachte ja gar nicht . . . Ach freust Du Dich auch ? — Er ist lieb — nicht wahr ? Weißt Du — er . . . Ich kann ' s Dir nicht sagen . . . . wie er zu mir ist — so gut ! — — Mama — er sprach von seinem Einkommen — ob es reichen würde für uns beide . Ich habe ihm gesagt Du hättest Vermögen . . . Das dürfte ich doch ? Du giebst mir doch davon , nicht wahr ? ” “ Mein Herzchen — was mein ist , ist doch auch Dein ! ” “ Ich will ja auch sparsam sein ! Aber so sparsam ! Ach Mama — glaubst Du . . . ” “ Was denn , mein Kind ? ” Agathe lachte leise . “ Nichts ! Ich dachte nur . . . Nein — so weit will ich gar nicht denken , sonst werd ' ich noch närrisch vor Freude . Sag ' Du ' s Papa . Er wird nichts dagegen haben ? Nein — nicht wahr ? ” “