Sie musterte unbefangen die alten einfachen Möbel , die nicht allzu zahlreichen Bücher und die vergilbten Stahlstiche an den Wänden , welche Heiligenbilder oder Scenen aus Legenden darstellten , bei den letzten Worten aber wurde sie plötzlich aufmerksam . „ Wo befinden wir uns denn eigentlich , Hochwürden ? “ fragte sie schnell , und der Pfarrer wunderte sich , weshalb das junge Mädchen bei der so einfachen Frage bis an die Schläfe erröthete . „ Ja wohl , wie heißt denn das Nest ? – ich bitte um Entschuldigung , ich meine Ihren Pfarrbezirk , “ fiel auch Franziska jetzt ein . „ Man hat uns nur nach dem nächsten Dorfe gewiesen , ohne uns den Namen zu nennen . “ „ Sie befinden sich in N. “ Es war gut , daß der Pfarrer sich dabei an Franziska wandte , und diese ihn wieder ansah , so entging Beiden die Purpurgluth , welche jetzt das Antlitz Luciens noch dunkler färbte . Sie gab auf einmal all ’ ihre kleinen Beobachtungen im Zimmer auf und flüchtete an ’ s Fenster , wo sie verharrte , den Blick fortwährend auf die Thür gerichtet , als erwarte sie jeden Augenblick dort etwas eintreten zu sehen , das ihr Angst mache . Fräulein Reich hatte sich indessen bequem im Lehnstuhl zurechtgesetzt und begann nun mit ihrem Wirthe eine Art von Verhör anzustellen , wie lange er schon hier wohne , welches Einkommen er habe , wie er mit seiner Gemeinde stehe und dergleichen . Der alte Pfarrer , völlig eingeschüchtert durch den inquisitorischen Ton der Dame , stand demüthig und ängstlich vor ihr , und bemühte sich , auf all ihre Fragen so genau und pünktlich zu antworten , als stehe er vor seinem Decan , von dessen Wohlwollen seine ganze Stellung abhinge . Das Resultat des Examens war endlich ein halb ärgerliches , halb mitleidiges Kopfschütteln von Seiten Franziska ’ s. „ Ich möchte nicht an Ihrer Stelle sein , Hochwürden ! “ erklärte sie sehr entschieden . „ Im Sommer mag das noch zu ertragen sein , aber wie halten Sie nur den ganzen langen Winter hier oben aus , so mutterseelenallein , ohne Weib und Kind ? “ Der alte Priester lächelte , aber diesmal war es ein trauriges Lächeln und es lag etwas wie schmerzliche Resignation in dem Blicke , der über die kräftige lebensvolle Gestalt der vor ihm Sitzenden hinglitt und dann auf dem lieblichen Antlitz des jungen Mädchens haften blieb , das in diesem Augenblick zu ihnen herüberschaute . „ Das bringt unser Stand so mit sich , “ entgegnete er sanft . „ Das ist aber , nehmen Sie mir ’ s nicht übel , eine höchst langweilige Einrichtung Ihrer Kirche , “ fuhr Franziska mit ihrer entsetzlichen Aufrichtigkeit ganz ungenirt fort . „ Bei uns daheim hat jeder rechtschaffene Pfarrer Frau und Kinder , ein halbes Dutzend von den letzteren gewöhnlich ! Wir haben es noch weiter gebracht : wir waren unser Zwölf im Pfarrhause , und wenn die heilige Apostelzahl meinem Vater auch oft genug Kopfzerbrechen machte – ein Landpfarrer hat bei uns gerade auch kein Ministereinkommen – , ich versichere Sie , es lebt und predigt sich so doch besser , wenn auch die ganze geistliche Nachkommenschaft neben dem Studirzimmer lärmt , als in solchem öden todtenstillen Hause , wo keine Maus sich regt . Mein Vater hätte kein einziges von uns missen mögen ; wir sind ja auch Gott sei Dank Alle gerathen und wie gerathen ! “ Bei den letzten Worten richtete sie sich zu ihrer ganzen stattlichen Höhe empor und blickte den vor ihr stehenden hochwürdigen Herrn so herausfordernd an , als wolle sie fragen , ob er nicht meine , sie ihrerseits sei außerordentlich gut gerathen , und ob er sich etwa erlaube , nach diesem Beispiele noch an dem exemplarischen Gedeihen der übrigen elf Pfarrerssprößlinge zu zweifeln . Zum Glück fiel dem guten Geistlichen Dergleichen nicht entfernt ein . Er machte eine tiefe höfliche Verbeugung , welche mehr als Worte seinen großen Respect vor der Dame und ihrer ganzen Familie auszudrücken bestimmt war , und dadurch zufriedengestellt , setzte sich diese wieder nieder . „ Ich begreife nicht , weshalb Bernhard noch immer nicht kommt ! “ mischte sich jetzt Lucie in ’ s Gespräch . „ Er müßte längst hier sein ; ich möchte ihm lieber entgegengehen . “ Die Erzieherin schüttelte mißbilligend den Kopf . „ Warum nicht gar ! Haben Sie etwa noch nicht genug an unserer Kletterpartie , Lucie ? Wollen Sie sich durchaus fortwehen lassen ? “ „ Ich gehe ja nicht weit , “ versicherte das junge Mädchen , „ und verfehlen kann ich ihn nicht , wenn ich dem Wege folge , den wir heraufgekommen sind . “ Franziska blieb bei ihrem Kopfschütteln . Der Pfarrer aber , dem die geheime Unruhe der Dame nicht entging und der sie natürlich der Sorge um den abwesenden Bruder zuschrieb , legte sich jetzt in ’ s Mittel . „ Lassen Sie das Fräulein immerhin gehen , “ sagte er freundlich . „ Es geschieht ihr nichts hier oben auf unseren Bergen , und Schluchten und Abgründe , in die sie stürzen könnte , giebt es auch nicht in unmittelbarer Nähe von N. , vorausgesetzt , daß die Dame den Fahrweg nicht verläßt . “ Franziska zuckte die Achseln . „ Da sehen Sie das sechszehnjährige Blut , Hochwürden ! Nicht eine Viertelstunde lang kann es im Zimmer aushalten , das muß durchaus wieder hinaus in Wind und Wetter ! Meinetwegen denn , aber gehen Sie ja nicht zu weit . Herr Günther wird Sie auslachen bei seiner Ankunft ; er ist auch gerade der Mann , um den man sich ängstigen müßte ! “ Lucie hörte die letzten Worte gar nicht mehr , sie war schon aus der Thür , auf der Schwelle hielt sie noch einmal zögernd inne ; aber ein Schritt , der die Treppe herunterkam und von dem sie