flieht mein Antlitz wie das einer Toten ! – Und sie vergaß , daß sie selbst ihn drohend beschworen , die Schwelle ihres Hauses nimmermehr zu überschreiten . – » Heilige Mutter Gottes , was ist das für ein Lärm ! « fuhr jetzt Schwester Perpetua auf , denn im Schloßzwinger erscholl ein rasendes Gebell der Hofhunde . Man hörte das Schelten der sie beschwichtigenden Knechte , dazwischen wiederholte Schläge gegen das Tor und , als Lucretia das Fenster öffnete , eine mit langsamer Bedenklichkeit geführte Unterhandlung zwischen Lucas und der gebieterischen Stimme eines Einlaß Begehrenden . Nun erschien der Alte selber mit der bestürztesten Miene , deren seine felsenharten Züge fähig waren . » Es verlangt einer allein mit Euch zu reden , Fräulein « ... sagte er , » der Oberst Jenatsch , den Gott strafe ! « – setzte er leiser und mit innerer Empörung hinzu . Lucretia stand groß und bleich . Sie hatte die Stimme vor dem Hoftore am ersten Laute erkannt . » Laß ihn nicht warten ! Führe ihn hieher ! « befahl sie dem Alten , der sie fragend ansah und nur zögernd gehorchte . Die Nonne hatte sich erhoben und eine still beobachtende Stellung in der tiefen Fensternische eingenommen . Dort lag auf der Bank ihr Nachtmantel ; sie strich ihn zurecht , aber legte ihn nicht um . Rasche Schritte näherten sich und Georg Jenatsch stand vor Lucretia mit entschlossenem freudigen Antlitze und grüßte sie als Bekannte , doch mit großer Ehrerbietung . Schwester Perpetua betrachtete mit einem Ausdrucke frommer Einfalt , aber den schärfsten Blicken ihrer halbgeschlossenen Augen die beiden großen Gestalten – und sie wunderte sich . Kein Kainszeichen war auf der hohen offenen Stirn des Obersten zu entdecken , und – merkwürdig – die Planta stand neben ihm mit strahlenden Augen , kühn und trotzig , wie einst Herr Pompejus geblickt , und schien zur Höhe ihres gewaltigen Feindes emporzuwachsen . Das von Perpetua sehnlich erwartete Gespräch jedoch begann nicht . Die Schloßherrin richtete das Wort an Lucas , der mit drohender Miene an der Türe stehen geblieben war : » Die fromme Schwester begehrt nach Haus . Die Nacht ist dunkel und der Weg weit . Begleite sie mindestens bis jenseits der baufälligen Rheinbrücke . « Und damit nahm das Fräulein von Perpetua herzlichen Abschied . So stand die Schwester , ehe sie sich dessen versah , am Hoftore , Lucas aber entzündete eine Pechfackel und schritt mit der rauchenden Leuchte vor ihr her in die Nacht hinaus . » Jetzt schickt sie mich weg « , murrte er hörbar , als wollte er es der frommen Schwester klagen , » und es wäre gerade der rechte Ort und Augenblick ! « Als Jenatsch mit dem Fräulein allein war und ihm gegenüber am Feuer saß , begann er mit kurzen klaren Worten : » Ihr seid gerechtermaßen erstaunt , Lucretia , daß ich das Haus Eures Vaters betrete . Doch ich weiß , Ihr traut mir zu , daß ich nicht gekommen bin , Euch zu verwirren mit Wünschen , die ich in meinem geheimsten Herzen gefangenhalte – sonst hättet Ihr mich nicht in den wiederhergestellten Burgfrieden von Riedberg eingelassen . – Und doch komme ich , etwas von Euch zu verlangen – einen großen Dienst , den Ihr mir leisten werdet , wenn Ihr unser Land so liebhabt , wie ich von Euch glaube und wie ich selbst es liebe ; denn an meiner Statt müßt Ihr handeln . – Ich schließe ein Bündnis mit Spanien . Dies ist unsere einzige Rettung . Richelieu verrät uns und der gute Herzog ist sein Spielzeug – ein schönes Scheinbild , womit der Gewissenlose uns täuscht und blendet . Aber wer knüpft das rettende Tau ? – Ich selbst kann hier nicht fort , weil ich unser Volk zum Bewußtsein der über ihm schwebenden Gefahr aufwecken und den Herzog , den ich als Pfand behalte , mit Beweisen meiner Ergebenheit einschläfern muß ... Ihr staunt , daß ich , Spaniens Feind , zu diesem Gifte greife ! . . . Wundert Euch nicht . Wenn ich nicht meine Vergangenheit zerstöre und mein altes Ich von mir werfe , so kann ich nicht meines Landes Erlöser sein und Bünden ist verloren . Serbelloni erwartet mich selbst , oder einen , dem ich traue , wie mir selber – wenn ich , sagt er , einen solchen kenne . – Ich traue nur Euch . « Lucretia richtete den Blick mit zweifelnder Frage auf das von der Flamme beleuchtete , altbekannte Antlitz und las darin die höchste Spannung der Tatkraft und einen tödlichen Ernst . » Ihr wißt , Jenatsch « , sagte sie , » welcher Partei mein Vater angehörte , wie und warum er starb . Ihr wißt , wie ich ihm glaubte und ihn liebte . Ich konnte mich nie mit Gedanken befreunden die nicht die seinigen waren . So ist das französische Wesen – trotz der väterlichen Güte des Herzogs gegen mich Heimatlose – mir immer fern und fremd geblieben . Ich habe mich nie darin zurechtgefunden . Ihr aber seid von Spanien durch viele Blutschuld von alters her getrennt . Ihr , Jürg , verdankt dem guten Herzog das Leben und Euern Ruhm ! Er hat Euch mit Vertrauen überschüttet und Ihr kennt seinen herzlichen Willen gegen unsre Heimat – habt Ihr ihn denn nicht lieb ? . . . Könnet Ihr – ich will glauben der Heimat zum Besten – immer nach Neuem greifen und ohne daß Ihr daran untergehet das alte Wesen wie eine Schlangenhaut abstreifen ? « » Was ist dir der Herzog , Lucretia ! « rief er . » Wie magst du um einen Fremdling sorgen ! Bist du noch so weichlichen Herzens nach allem , was du gelitten , nach allem , was ich selbst an dir und deinem Hause gefrevelt habe ? . . . Schau um dich ... in allen unsern Tälern Trümmer und Brandstätten ! Soll