. … Käthe trat auf die Brücke , und die Hände auf das leicht erzitternde , schwanke Holzgeländer stützend , sah sie hinab . Die Wasser stürzten und rauschten unter ihren Füßen hin ; mit jedem Steinblock , der seinen Platz im Flußbette behauptete , mit jeder starken Baumwurzel , die sich aus der Ufererde zwängte , rangen und stritten sie , daß der Gischt hochauf spritzte , und doch schwebte dort , fern , die bleiche Mondsichel inmitten der spiegelnden Flut , und es war , als stehe sie unverrückbar still für alle Zeiten . Stand so die Liebe im Menschenherzen ? Umstürmten sie vergebens die wildesten Kämpfe , und erblich sie nicht , wo sie verachten mußte , wo ihr Ideal in Trümmer ging ? Nein , sie hatte das eben mit angesehen . Wunderbare Leidenschaft ! Schon einmal hatte sie unter dem Dache dort eine Menschenseele durch alle Stadien des Jammers , der Verzweiflung gehetzt . Wie die Tante dem jungen Mädchen neulich auf dem Heimgange erzählte , hatte in dem Hause am Flusse die schöne , junge Witwe eines Herrn von Baumgarten gelebt . Der Nachfolger ihres Gemahls , der Sproß einer Seitenlinie und ein wunderschöner Kavalier , war täglich vom alten Herrenhause herübergekommen , um in das liebliche Frauenantlitz zu sehen , das sich , von Witwenschleier und Schneppenhaube umrahmt , aus dem Fenster bog . In das Haus durfte er nicht , denn sie war sehr sittsam . Er war auch oft hoch auf seinem schwarzen Roß über die schmale Holzbrücke geritten und hatte das schnaubende , ungeberdige Thier dicht an die Hauswand gedrängt , um den Athem des schönen Frauenmundes zu spüren und ihre weiße Hand mit heißer Inbrunst zu küssen , und die das mit angesehen , hatten geschworen , daß er nach Ablauf der Trauerzeit die junge Witwe wiederum als Herrin in das Schloß Baumgarten zurückführen werde . Aber da war er einmal auf längere Zeit fortgewesen , an einem fremden Hofe , und die Leute hatten der Edelfrau im Hause am Flusse hinterbracht , daß er sich ein junges Ehegemahl aus hochgräflichem Geschlechte mit heimbringen werde . Die schöne Witwe hatte nur gelächelt und desto emsiger an ihrem Fenster mach ihm ausgeschaut – sie hat an so viel Falschheit nicht geglaubt , bis das Zinken- und Trompetengeschmetter vom Schlosse herüber verkündigt hat , daß der eben zurückgekehrte Herr den Einzug seines jungen , stolzen Weibes mit einem üppigen Banket feiere . Und Tags darauf war er mit der neuen Schloßherrin über die Holzbrücke geschritten , um sie im Hause am Flusse vorzustellen – die bunten Tulipanen auf ihrem schweren Brokatrock , den sie über den Boden hinschleppte , hatten weithin geleuchtet , und auf dem breiten Fächer in ihrer Hand hatte das hochgräfliche Wappen in Edelsteinen gefunkelt , und das rehfarbene Windspiel , das früher immer vor dem Rosse hergelaufen , war auch mitgekommen , aber diesmal lief es nicht nach dem Fenster , von wo ihm einst die weißen Hände Zucker und Kuchenbrocken herabgeworfen ; es rannte ein Stückchen am Flußufer hin und deckte und winselte kläglich – und da schwamm ein schneeweißes Gewand , an dem die Wellen rissen und zerrten , um es mitzunehmen , aber die langen , blonden Flechten an dem blassen Frauenkopfe hatten sich im Wurzelgeflechte der Uferbäume verschlungen und hielten die Tote fest , für ihn , auf daß er noch einmal in die starren , weitoffenen Augen blicken sollte . Das Fenster , an welchem sie mit der ganzen Zuversicht treuer Liebe gehofft , daß er wieder zu Roß über die Brücke kommen werde , war wohl das dort gewesen , wo Abends die Lampe des Doktors brannte . Dort hatte sie wohl auch gestanden und in bitterer Verzweiflung die Wellen vorbeirauschen sehen , die von dem lustigen Hochzeitshause daher kamen , und das heiße Verlangen hatte sie überwältigt , den schönen Leib in das brausende Gewässer zu stürzen , daß es ihn forttrage weit , weit weg von der Stätte ihres ehemaligen Glückes . Und nun , nach langen , langen Jahren wurde an derselben Stelle der gleiche Herzenskampf durchlitten – nein , nicht der gleiche ! War er nicht ein Mann mit starkem Geiste ? Ein Mann , den schon sein hoher Beruf auf Erden festhalten und allmählich über das nagende Leid hinwegheben mußte ? Und wenn auch das unglückliche Weib , das sich durch einen raschen Sprung aus all dem Jammer in die Grabestiefe rettete , die weißen Arme aus dem Wasser hob , um ihn zu locken – er folgte ihr nicht . … Ein Schrecken durchfuhr sie . Hatte Henriette nicht gesagt : „ Wer Flora einmal Liebe gebend gesehen , der begreift , daß ein Mann eher den Tod sucht , als daß er sie aufgiebt “ ? Und mußte er sie nicht aufgeben , nachdem sie ihm erklärt , daß sie ihn hasse ? Käthe lief angstvoll in den Garten zurück , als tauche dort am dunkelnden Ufer die ertrunkene Edelfrau mit den blonden Flechten empor und greife mit den Händen auch nach ihr . Es dunkelte . Der Wald , der heute Zeuge eines beispiellos rohen Auftrittes gewesen , breitete sich einförmig schwarz wie ein Sargtuch über den niedrig gewölbten Hügelrücken , und das durchfurchte Ackerland lag glatt und verschlossen da und ließ nicht ahnen , daß Milliarden lebendiger Keime mit kleinen kräftigen Armen unter der Kruste wühlten und drängten , um eine wogende Halmenwelt an das goldene Licht der Sonne zu heben . Droben auf dem Dache knarrten die Wetterfahnen in dem fauchenden Abendwinde , der sich allmählich aufblies , um in der Nacht als brausender Frühlingssturm über die Erde hinzufahren . Das Gezweig der Silberpappeln am Staket schwankte , und die noch losen Fichtenäste der halbfertigen Laube knisterten unter seinem wilden Odem . Durchsichtig wie ein Schemen stieg ihr Astgeflecht empor – wenn einst das schattige Grün voll und dicht über dem Holzgerippe hing , wie stand es dann wohl um Alles