immer besser . Da trat Lene ein , an der einen Hand Gretchen und in der andern eine spiegelblanke hellbrennende Lampe , die sie auf den Tisch stellte . „ Ach , welch reizendes Kind ! “ rief die Staatsrätin mit aufrichtiger Überraschung . In Leutholds Gesicht ging wieder die Sonne auf , was die scharf beobachtende Frau mit Wohl ­ gefallen bemerkte . „ Nicht wahr , meine Gnädigste — es ist ein liebes Ding ? “ sagte er , förmlich triefend von geschmeichelter Eitelkeit . „ Sie tun einem Vaterherzen , welches eben erst die eigene Mutter das Kind verlassen sah — gar zu wohl ! Ja — es ist ein wah ­ res Gnadengeschenk für mich . Es hat die äußere Schönheit , welche mich einst an seiner Mutter so be ­ stach , aber ich hoffe , ihm auch die Schönheit der Seele anerziehen zu können , welche mich jene vermissen ließ . So wird sie mir in der Zukunft alles ersetzen , was ich verlor ; so lange ich diese Tochter habe , for ­ dere ich nichts weiter vom Leben ! “ Das edle große Herz der Staatsrätin ward durch diese Kundgebung eines schönen Gefühls voll ­ ständig gewonnen . „ Wer so an seinem Kinde hängt , ist kein schlechter Mensch ! “ dachte sie . — Leuthold winkte Lenen , sich mit Gretchen wieder zu entfernen , und als dies geschehen war , warf die Staatsrätin wie zufällig hin : „ Neben der Liebe für solch einen Engel wird aber wohl wenig Raum für die arme blasse Ernestine in Ihrem Herzen geblieben sein ? “ — Leuthold sah sie fest an . „ Gnädige Frau , das kann mich eine Dame wie Sie , deren liebreiches Gemüt sich an so Vielen betätigt , nicht im Ernste fragen . “ „ Sie , haben Recht , “ sagte die Staatsrätin , „ ich sollte es von mir wissen , wie viele Wesen man zu ­ gleich im Herzen tragen kann , ohne einem um des andern willen etwas zu entziehen . Aber ich bin eine Frau , deren Beruf es ist , zu lieben ; ein Mann , und noch dazu ein Denker , als welcher Sie mir geschildert wurden , beschränkt seine Neigungen auf das , was ihm zunächst steht . “ „ Es ist natürlich und ich leugne es nicht , daß meine Tochter mir teurer ist , als meine Nichte , — dennoch glaube ich so viel Neigung für die letztere zu haben , als solch ein junges Wesen bedarf und als notwendig ist , um meine Pflichten als Vormund nach allen Richtungen zu erfüllen . Sie ahnen nicht , gnädige Frau , welch ’ sorgsame Pflege der merkwürdige , frühreife Geist dieses Kindes braucht und welch ’ schwere Verantwortung es mit sich bringt , solch ein ungewöhn ­ liches Naturell zu erziehen . “ „ Ich glaube das und bin überzeugt , daß sie nir ­ gend besser aufgehoben wäre , als bei Ihnen . Aber die körperliche Pflege Ernestinens muß doch gerade jetzt , wo Sie weibliche Hilfe entbehren , eine rechte Last für Sie sein . Ich möchte Ihnen deshalb an ­ bieten . Ihnen späterhin Ihr Amt ein wenig zu er ­ leichtern . Sie wollen morgen nach dem Süden reisen und ich kann diesen Vorsatz um Ernestinchens Ge ­ sundheit willen nur loben . Wie ich höre , beabsichtigen Sie , in einem halben Jahre wieder zurückzukehren , um eine Anstellung hier zu suchen . Für diesen Fall wollte ich Sie bitten , mir Ihren Pflegling alljährlich auf meh ­ rere Wochen oder Monate zum Besuch zu überlassen , denn Sie werden auch mitunter der Ruhe bedürfen , und wünschen , einige Zeit ganz sich selbst und Ihrem Töchterchen leben zu können . Würden Sie mir diesen Anteil an Ihrem und Ernestinchens Geschick wohl gestatten ? “ Leuthold verneigte sich . „ Eine Frau , wie Sie , bringt jeder Zeit Segen und Freude , wohin sie kommt . Ich , meine Gnädigste , fühle mich Ihrer Teilnahme zu unwürdig , um sie auf mich zu beziehen . Deshalb darf ich Ihnen nicht in meinem Namen , sondern nur in dem meiner Nichte danken . Ich danke Ihnen aber noch in einem andern Namen , in dem der unglück ­ lichen , früh verblichenen Mutter des Kindes . Könnte sie aus jener Welt herübersehen und sich uns mitteilen , sie würde Ihnen besser lohnen , als meine schwachen Worte es vermögen . “ Der Staatsrätin traten die Tränen in die Augen , sie dachte an ihre kleine Angelika , wie es wäre , wenn sie die Mutter entbehren müßte , und in dieser weichen Stimmung versöhnte sie sich immer mehr und mehr mit dem rätselhaften Manne , dessen Benehmen und Erscheinung dem so sehr widersprach , was sie von ihm gehört . „ Also Sie billigen meinen Plan ? “ fragte sie . „ Mein Wort darauf , gnädige Frau , sowie ich mit Ernestinen zurückkehre , soll sie die Ihrige sein , so lange Sie es wollen ! “ „ Ich danke Ihnen ! “ sagte die Staatsrätin , fast erstaunt über diese schnelle Nachgiebigkeit . Es stand ihr nun fest , Heim habe , dem sonderbaren Mann Un ­ recht getan . „ Nachdem wir über diese Sache so schnell einig wurden , “ begann die Staatsrätin wieder , „ darf ich hoffen , daß wir es auch über eine andere Angelegen ­ heit werden , die mich zu Ihnen führt . — Ich komme nämlich zu Ihnen , um die Hartwich ’ schen Besitzungen von Ihnen zu kaufen . “ Über Leutholds Gesicht flog eine leichte Röte . „ In der Tat , gnädige Frau , Sie sehen mich höchst erstaunt ! “ „ Sie wissen , daß mein Bruder Neuenstein schon lange wünschte , die Fabrik an sich zu bringen , aber schwere Verluste in einein andern Unternehmen mach ­ ten