G. Stockholm , 11. August 1874 Seit meinem letzten Briefe vieles erlebt , so daß ich nicht zum Schreiben kam , Lehr- und Genußreiches , auch manches Langweilige . Soeben komme ich von Upsala zurück . Eine Meile über Upsala hinaus , auf dem Odinshügel , werde ich wohl den nördlichsten Punkt auf meiner Erdenlaufbahn erreicht haben . Die Partie war wunderbar . Die Regierung stellte dem Kongreß einen großen Extra-Eisenbahnzug zur unentgeltlichen Verfügung ; morgens sieben Uhr ging ' s fort und um neuneinhalb Uhr hatten wir den Odinshügel erreicht , den man für uns hatte aufgraben lassen . Drei fast gleiche Hügel , pyramidenartig , liegen nebeneinander , von denen der größte dazu bestimmt war , durchsucht zu werden . Eine wahre Völkerwanderung zeigte sich ; meilenweit mußten die Leute herbeigekommen sein , um die Fremden zu sehen . Zur Erquickung reichten uns die Studenten , nach altnordischer Sitte , Met in großen Büffelhörnern . In Upsala selbst empfing uns das Musikchor des Militärs auf der einen Seite , auf der anderen Seite die Musikkapelle der sechzehnhundert Studenten umfassenden Studentenschaft ; alles in großer Gala , mit rotseidenen Schärpen , weißen Mützen und vielen Fahnen . Ganz Upsala war in Festkleidern auf den Beinen und bildete eine unabsehbare Chaine . Dazwischen Gesangchöre . Die Fahnen voran , ging ' s , in langem Pilgerzuge , nach der Carolina rediviva , in Zug , an dem Deutsche , Oesterreicher , Ungarn , Belgier , Brasilianer , Dänen , Finnen , Franzosen , Engländer , Italiener , Norweger , Portugiesen , Niederländer , Russen , Schweizer und Nordamerikaner teilnahmen . Im Park des Botanischen Gartens wurde halt gemacht , und uns , unter aufgepflanzten Fahnen , ein prachtvolles Mahl von der Stadt geboten . Die mit den schönsten Speisen reich besetzten Tische standen , in fast unabsehbarer Reihe , mit den seltensten Blumen geziert , die weiten Alleen des Parks hinauf . Doch ehe man sich zur Tafel niedersetzte , trat jeder zu der hier in der Nähe befindlichen Statue Linnés heran , die für heute mit einem grünen Lorbeerkranze geschmückt war ( der Kopf hat einen sehr einnehmenden Ausdruck ) , um den Hut davor abzunehmen . Studenten bedienten die Tafeln . Der hungrigste und durstigste Magen konnte hier seine Rechnung finden . Dann wurden die Sammlungen und dann der Dom usw. besehen . Bei der Abfahrt wieder Gesang und Musik und nicht endenwollende Hurras . Auf der Hinfahrt saß ich mit Virchow , von Quast , Prof. Massenbach usw. zusammen , auf der Rückfahrt mit dem dänischen Kultusminister Worsaae , einem ausgezeichneten Archäologen . Er erzählte mir , daß er dem Kronprinzen im vorigen Jahre die Kopenhagener Sammlungen gezeigt habe . Mit im Coupé befand sich auch Prof. Hartmann mit seiner Braut und deren Mutter . Überhaupt , es waren wohl hundert Damen mit dabei ; im Kongreß selbst sitzen ihrer dreißig , einige sehr gelehrte darunter . Das Fest , das uns die Stadt Stockholm in Hasselboken , einem schönen Ort im Tiergarten , gegeben , war auch sehr brillant und endete mit Feuerwerk und bengalischer Beleuchtung . Dort war ich mit Dr. Mannhardt , der die besten nordischen Mythologien geschrieben hat , außerdem mit dem Grafen Sierakowsky , der eben aus Indien und Tibet kam , und vielen andern zusammen . Dieses Fest in Hasselboken fand nach Schluß der Eröffnungsitzung des Kongresses statt , während welcher Sitzung es stürmte und regnete . Bei Beginn des Festes aber zeigte der Himmel wieder eine heitere Miene . Gestern war eine interessante Kongreßsitzung , der der König beiwohnte . Der König – ein Gelehrter und Dichter ; sein Vorgänger , Karl XV. , war ein ganz tüchtiger Maler – kam gerade zu einer heftigen Diskussion , in die sich Virchow und de Quatrefages , der größte französische Anthropologe , verwickelt hatten , eine Diskussion , aus der Virchow als Sieger hervorging , obgleich der andere ( es darf im Kongresse nur französisch gesprochen werden ) die Sprache für sich hatte . Ich saß übrigens ganz nahe beim König , ein Herr von großer , stattlicher Erscheinung . Auch die Rednertribüne hatte ich ganz in der Nähe , so daß ich alles verstehen konnte . Die Sitzungen finden im alten Rittersaale statt , der mit den Wappen der ganzen schwedischen Aristokratie geschmückt ist . In dem Kunst-Museum hat mich der Direktor Bocklund herumgeführt ; die andern Museen habe ich mir von Fachgelehrten erklären lassen . Für die Kongreßmitglieder sind alle Kustoden angewiesen , die Schränke zu öffnen , zu erklären usw. Geheimrath von Quast war sehr liebenswürdig . Er sagte mir , daß er meine Briefe aus Jerusalem mit großem Interesse gelesen hätte ; sein Sohn ( der spätere Abgeordnete und Landrat des Ruppiner Kreises ) war vorigen Winter mit seiner Frau in Cairo der Kur wegen . Stockholm kenne ich nun schon fast auswendig . Ich habe auch Herrn Hammer , der eine der größten Privatsammlungen in jeglicher Art besitzt , besucht ; er hat mich selbst eine Stunde herumgeführt . Sein Haus hat dem berühmten schwedischen Bildhauer Byström gehört ; es ist sehr originell gebaut ; der Besitzer führte mich in fast alle Winkel . Er scheint der reichste Mann hier zu sein ... Ich würde abreisen , wenn nicht noch diverse Festeinladungen bevorständen . Zum Baden gibt es hier leider keine Gelegenheit . Professor Petermann , früher Konsul in Jerusalem , will auch auf acht Tage nach Swinemünde gehen . Der Strand ist dort jedenfalls sehr gut , besser als ich ihn bis jetzt irgendwo gesehen . Wie immer Dein W. G. Stockholm , 12. August 1874 Da ich kein Papier mehr zum Schreiben habe , so nimm mit der Rückseite dieses Programms fürlieb ... Nachdem wir im Kongreß , durch die Steinzeit hindurch , bei der Bronzezeit angelangt sind , will ich nun auch die Eisenzeit mit durchmachen . Eigentlich wollte ich übermorgen abreisen . Morgen holt der König uns auf vielen kleinen Dampfschiffen ab ,