jeweiligen Ta-jen , der chinesischen Regierung zum Kauf aufgedrungen hatten , die richteten nun ihre ganze , von diesen Herren einst so warm angepriesene und garantierte Zerstörungskraft auf die Gesandtschaften selbst und zugleich auch auf die Petang-Mission . Es lag ein gewisser grimmer Humor in dieser Einweihungsarbeit der fremdländischen Mordinstrumente ! - Und Tschun erinnerte sich , wie er früher den Ta-jen hatte ungeduldig klagen hören , daß die Minister im Tsungli-Yamen gar so halsstarrig und für solche Waffengeschäfte schwer zu gewinnen seien . Die mochten jetzt schmunzeln , wenn sie , sicher und geborgen , dem Schießen lauschten und solcher einstmaliger Verhandlungen dabei gedachten ! Sicher auch kicherte Tzü Hsi höhnisch , wenn sie vom Kohlenhügel der verbotenen Stadt aus die weißen Wölkchen der Geschosse erblickte , die so hübsch einschlugen , dort , wo ihre einstmaligen Besucherinnen , die leicht zu umgarnenden , leicht zu blendenden Barbarenfrauen wohnten ! Aber es blieb Tschun , wie allen Belagerten , wenig Zeit zu solch rückblickenden Vergleichen . Denn der Petang wurde immer heftiger und mit allen Mitteln angegriffen . Außer den Geschossen sausten auch Brandraketen durch die Luft und fielen zündend auf die Dächer nieder . Tief unten aber in der Erde hörte man unheimliche Geräusche . Dort wühlte und bohrte der Feind , bereitete , selbst unsichtbar , heimtückischste Verheerung . Da galt es bald zu Löscharbeiten zu eilen , bald Quergräben aufzuwerfen gegen die vordringenden Minenarbeiten . Oft signalisierten die Wachthabenden vom Kirchdach herab , daß von den verschiedensten Seiten zugleich Gefahr nahe . Gegen die zahlreichen Angreifer aber standen die wenigen geschulten Verteidiger nur in kleinen Häuflein . So verlernten sie das Schlafen , mußten auch immer mehr das Essen verlernen . Denn kleiner und kleiner wurden die Rationen . Niemand hatte ja je an die Möglichkeit einer so langen Belagerung gedacht , und der Proviant schwand schnell , täglich an mehr wie dreitausend verteilt . Trotz alledem ließ es die Besatzung des Petang aber nicht bei der bloßen Abwehr bewenden . So klein sie war , wagte sie doch gelegentlich Ausfälle . An einem Tag war ihr Feuer so wirksam gewesen , daß die angreifenden chinesischen Soldaten sich einen Augenblick zurückziehen mußten . Dabei ließen sie eine ihrer Kanonen unweit des Haupttores stehen . Diesen Augenblick benutzte rasch entschlossen der fremde Offizier und drang mit ein paar seiner Soldaten aus dem Petang in die Straße . Von einem Pater geführt und immer wieder angeeifert , folgte eine Schar Konvertiten , unter denen sich Tschun , als einer der ersten , befand . Sie sollten die verlassene Kanone nehmen und hereinziehen , gedeckt vom Feuer der fremden Soldaten . - Sobald jedoch die Belagerer diese Absicht bemerkten , kehrten sie mit Wutgeheul zurück und eröffneten nun ihrerseits ein wildes Feuer . Aber es gelang den europäischen Schützen , sie aufzuhalten , bis die Kanone in Sicherheit gebracht worden war . Bei dem nur wenige Minuten währenden Ausfall hatte Tschun bloß den einen Gedanken gehabt , sein Bestes zu leisten , um bei der Erbeutung des Geschützes zu helfen , und er hatte sich auch wirklich hervorgetan . - Aber später , als seine erste triumphierende Aufregung verflogen , kamen ihm andere Gedanken . Er sah , wie sich die ausländischen Soldaten über den glücklichen Ausgang des tollkühnen Wagnisses ausgelassen freuten ; er hörte , wie sie sich untereinander gratulierten . Das waren nun zwar Gefühle , die sämtliche Belagerte , ob Europäer oder Chinesen , teilten , und Tschun mit ihnen . Aber trotzdem war da irgendein bitterer Nachgeschmack . Etwas wie Hohn , daß solch ein Handstreich überhaupt möglich gewesen , hatte er doch aus den Worten der Soldaten herausgehört . Gegen keinen anderen Feind hätten sie das wagen können . Im bloßen Versuch lag die ganze Geringschätzung , die sie für ihn empfanden . - Und dieser Feind , so sehr er im Augenblick auch Tschuns Feind sein mochte , blieb eben doch sein Landsmann . Er fühlte sich in seinem Land , seinem Volk gedemütigt . - Der junge Offizier hatte ja auch nachher zu seinen Soldaten gesagt : » Könnte ich heute nur über fünfzig , wie Ihr seid , frei verfügen - ich marschierte sofort auf den Kaiserpalast los ! « - - Ja , so schätzte der China ein ! - Und wieder empfand Tschun das Grollen gegen die Fremden , die Entrüstung gegen die eigenen Machthaber . Aber die Augenblicke , wo triumphierende Siegesfreude ausbrechen konnte , waren ja überhaupt selten genug . Ernste Sorgen erfüllten den Petang mehr und mehr , oft auch bitterer Kummer . Bei den zunehmenden Entbehrungen und der steigenden Hitze , die in schwerem Dunste auf der Stadt lagerte , zeigten sich allerhand Krankheiten , besonders unter den vielen Kindern der Flüchtlinge . Es gab aber keinen Arzt im Petang ! - Da hatten die Nönnchen viel zu tun . Sie pflegten die Kranken und verbanden die Verwundeten . Aber trotz all ihrem Mühen verlängerten sich täglich die Reihen der Gräber , die , oft während Kugeln pfiffen , rasch ausgeschaufelt , rasch zugeschüttet werden mußten . Im Klostergarten , durch dessen geheimnisvollen Kräuterduft und blütenreiche Stille Tschun schon als kleines Kind so manchesmal neben der Mutter geschritten war , erstreckte sich heute der Friedhof . Und die schnell entstandenen schmucklosen Gräber lagen zu Füßen jener Madonnenstatue , die damals von Beeten roter Rosen umgeben gewesen , und für die kämpfen und sterben zu dürfen sich Tschun einst am Tage seiner Konfirmation so sehr gewünscht hatte . Das war in der Wirklichkeit doch viel grausiger , als man damals so gedacht ! Außer für Kranke hatten die Nonnen aber auch für Gesunde zu sorgen . Die vielen verängstigten chinesischen Frauen und Kinder zu beruhigen , ihnen immer wieder Mut zuzusprechen , war vielleicht die schwerste Aufgabe . Von allem , was sie da leisteten , erfuhr Tschun besonders viel , denn die Mutter war ja unter den Pflegebefohlenen der Nonnen . Oftmals , wenn die