Von dem nächtlichen Besuche Hoffmanns wußte die Wütende nichts , sie hatte nur Koszinsky und Stanislaus kommen sehen . - » Und alle möglichen Frauenzimmer dazu ! - Wer weiß , was da vorgeht , - man kennt das schon ! « » Hinaus ! « Olga wies , mit funkelnden Augen , auf die Tür und trat dicht vor die Frau , die plötzlich Angst bekam und hinausrannte . Gleich darauf hörte man ihr Gezeter im Nebenzimmer , wo es aber bald von einer brutalen Männerstimme übertönt wurde . Mit vor Ekel und Erregung zitternden Händen öffnete Olga ihre Post . Nein , das wäre so nicht weiter gegangen . Aber was lag ihr jetzt daran ! Die kleine Wohnung im Vorort war gemietet , und am nächsten Ersten zog sie in ihr Heim . Nachmittags - es war Sonntag - kamen bei den Wirtsleuten Verwandte zu Besuch . Eine jüngere Schwester der Frau , die » Lehrdame « bei einer Schneiderin war , und der Bruder des Mannes , der eine » Besohlanstalt « besaß ; ein anderer Bruder der Frau war » Kammerjäger « , das heißt , er besaß ein » Institut zur untrüglichen und radikalen Vertilgung von Schwaben ( Russen , Franzosen ) , Wanzen , Ratten , Motten « ... Die Gevatterschaft rückte mit Kind und Kegel zum Kaffee an , und den ganzen Nachmittag quietschte das Grammophon durch die dünnen Wände . Gemartert , mußte Olga zu Hause bleiben , bis Hoffmann sie abholte ; dann flohen sie die gastliche Stätte . Er tröstete sie ; was lag ihnen jetzt an diesen Widerwärtigkeiten . Wenige Wochen später stand sie , in ein Tuch gehüllt , auf dem kleinen Balkon ihrer Wohnung ; die lag voll nach Süden . Die Häuser gegenüber waren durch Gärten voneinander geschieden . Diese Villengärten hatten auch jetzt , zum Winter , noch grüne Rasendecken , von denen sich der ockergelbe Kies farbenfröhlich abhob . Gegen Westen war die Gegend noch unbebaut , und sie konnte weithin über freie Felder sehen . Immer hatte sich , wenn sie einem Stückchen freier Natur gegenüberstand , ein Glücksgefühl bei ihr eingestellt . Sie bedurfte auch nicht der großen Effekte . Sie hatte wohl die Berge , aber noch nicht das Meer gesehen . Schon wenn sie , in ihrer Heimat , aus dem schmutzigen Städtchen in die dürftige nähere Umgebung , mit ihrem heidenartigen Charakter , herausgeeilt war , hatte sie sich freier gefühlt . In ihrem Vaterhaus waren nur düstere Räume gewesen , und alle Fenster gingen nach dem Marktplatz mit seinem widerlich belebten Getriebe und seinen Schmutztümpeln zwischen dem schlechten Pflaster oder aber , noch schlimmer , - in einen erbärmlichen Hof , mit nassem , kotigem Grund , der von allen Seiten von rußigen Mauern umragt war . Heraus , heraus , - so hatte alles in ihr drängend gerufen , wenn ihr Blick auf diese Umgebung fiel . Und dieser Ruf in ihr hatte sie gedrängt , getrieben , - bis sie wirklich heraus war . Und nun stand sie hier , auf dem Balkon ihrer Wohnung und blickte in die gepflegten , zierlichen Bauten , die die Weltstadt bis hier heraus schob , - blickte in die freien Felder hinüber . Diese letzten Herbsttage waren feucht und für Berlin ungewöhnlich stürmisch . Manchen Augenblick , wenn der Wind um sie herum blies , glaubte sie , so ähnlich , nur noch kräftiger und deutlicher im Geruch , müsse die Luft sein , die über die See strich . Die See ! In vier Stunden konnte man sie von hier erreichen ! Diese Nähe beglückte sie . Durch die kahlen Zweige einer Allee , die drüben den Weg begrenzte , sah sie die braune Erde sich ins Weite strecken . Über die Landschaft spannte sich , flach , ein verdunkelter , regenschwerer , herbstlicher Himmel , der , nahe dem Horizont , mit einer Geraden abschnitt . Von da an schlossen sich zarte , hellgelbe Lichtstreifen an das dunkle Grau der Wolkenballen , die in eine breite , gelbleuchtende Fläche , die wie geschmolzenes Gold glühte , einmündeten . Stellenweise war diese leuchtende Masse zerrissen und , flimmernd umrahmt , schimmerten diese Stellen in zartestem Blau . Sie atmete die bewegte , feuchte Luft ein und blickte in den Glanz , bis der Himmel abendlich erlosch . Dann ging sie in ihre Wohnung , die aus zwei Zimmern und Nebenräumen bestand , und mit einfachen , hellen Möbeln , im modernen Geschmack eingerichtet war . Sie betrachtete alles noch einmal , und Dankbarkeit für dies bescheidene Eigentum war in ihrem Herzen . Draußen die blanke Emaillewanne , in die das heiße Wasser sprudelte , so oft man den Hahn aufdrehte , hatte sie ebenso entzückt , wie die Heizung , die ein Handgriff an den weißlackierten Rohren bediente und wie die elektrischen Flämmchen , die sie überall aufblitzen lassen mochte , wo es ihr gefiel ; beinahe zärtlich streichelten ihre Blicke das Telephon , den kleinen , zierlichen Tischapparat , - an dessen unsichtbaren Enden die Welt hing ... Aber nun zur Arbeit . Fräulein Wigolski sollte heute Abend kommen . Wichtige Briefe und ein paar kurze Artikel waren zu diktieren . Auch diese Arbeit , dachte sie , während sie ihre Mappe öffnete , danke ich dir , Weltstadt , du Strenge , du Inspiratorische , du dem Suchenden Gnädige ; ich glaube , ich verstehe dich , - Berlin . Zwischen Lore Wigolski und den Geschwistern war bald Freundschaft geschlossen worden . Mit dem ruhigen Freimut , der ihr eigen war , hatte sie ihnen beiden ihr Schicksal erzählt , - ihre Schicksalslosigkeit , wie sie es nannte . Denn sie sah in dem , was ihr begegnet war , keine Entscheidung . Was sie in vollem Bewußtsein gewagt , - es hatte sie aus der Linie der bürgerlichen Sphäre , der sie entstammte , herausgeschoben , aber es hatte ihrem Leben nicht Ziel und