Antlitz an meinem Haupte verbergend vernahm nur mein nahes Ohr die kaum hörbaren Worte : » Ich liebe dich unsäglich . « Da sprang ich auf , hob ihr Gesicht in die Höhe , küßte ihr die Tränen vom Auge und drückte die weiche nachgiebige Gestalt fest an mein Herz . Sie lächelte jetzt wie ein Engel , und wir küßten uns und freuten uns unserer Liebe . Aller frühere Übermut , dieser reizende vielfarbige Knabe , kam mit diesem Geständnisse wieder über sie . Blöde und bescheiden vorher , war sie nun toll und ausgelassen . Aber rührend klagte sie mir , was sie damals gelitten , als sie Alberta im Garten an meiner Brust gesehen habe ; mit neuen Tränen gestand sie , daß sie deshalb hinweggereist , und sie sah mich unsicher , schwankend , halb ungläubig von der Seite an , als ich ihr die Versicherung gab , sie sei im größten Irrtume gewesen , und es habe zwischen mir und Alberta nie etwas anderes als ein freundschaftliches Verhältnis bestanden . Endlich hielt sie mir den Mund zu und sagte : » Ich glaube dir , aber sei kein roher Mann und laß Alberta nie etwas von unserem Übereinkommen in Liebe und Zärtlichkeit wissen - hörst du ? « Ich versprach ' s mit Freuden . Durch die vielen Hindernisse unserer bürgerlichen Gesellschaft , durch die Polizei und die Strafgerichte , durch die Unsicherheit unseres ganzen Lebens , die Ungewißheit des nahen oder fernen Todes sind wir so furchtsame Wesen geworden , daß wir das Schönste , was wir besitzen , oft dann schon gefährdet glauben , sobald es nicht mehr unser Geheimnis ist . Die herzdurchdringende Liebe will keine andere Wohnung als das Herz , sie flieht und haßt die Märkte - so ist ihre Jugend . Sie gleicht dem jungen Bürger in der hoch-und dumpfgebauten Reichsstadt , er schleicht aus dem strahlendsten Sonnenschein , der vor den Toren üppig seine Arme um die Erde schlägt , aus der lebendigen Menschenmenge , die sich laut des Daseins freut , auf das düstere Stübchen seines Mädchens , und oben in der dunklen Einsamkeit sind beide froh , daß nicht Sonnenschein noch Menschenwoge zu ihnen dringt . Dies äußerlich aristokratische Absonderungswesen ist aller jungen Liebe eigen . Ich freute mich noch aus vielen andern Gründen über Kamillas Vorschlag . Ist doch meine öffentliche Liebe Sünde gegen Klara . Fragst Du mich , warum ich mein Klärchen nicht suche , da ich doch erfahren , sie sei noch frei und harre wahrscheinlich ihres alten Geliebten , so kann ich Dir nicht viel Tröstliches für die meisten Leute erwidern . Der Liebesharm ist eine süße Krankheit , die mit dem schönsten Schmerz beglückt und mit reiferer Gesundheit endet . Der deutsche Liebesharm ist ein chronisches Übel , das Jüngling und Mann entnervt . Man muß gegen ihn kämpfen . Ich will nicht treu sein , weil ich die Treue zumeist für eine Sünde gegen unsern fort und fort rückenden Planeten und das , was darauf und daran ist , halte . Treue ist ein Schutzmittel für schwache , nicht ausreichende Kräfte ; die Kräfte sollen aber am Ende stark werden . Solange man diese Krücken der Liebe nicht fortwirft , lernt man nicht selbständig lieben . Auch die Liebe verläßt sich in jener sogenannten Tugend auf das Herkommen und ruht aus auf einem hergebrachten Privilegium , statt auf eigener , unversiegbarer Kraft zu bestehen . Es ist ein Traditionsgut , wie jedes andere auch , die Länge der Zeit ist das Verdienst , nicht die Größe oder Schönheit der Sache . Alle die tausend gebrochenen Herzen , alle die langweiligen verdrossenen Ehen sind die Kinder der Treue . Jedes schwindsüchtige Mädchen , jeder jämmerliche Jüngling verläßt sich auf ihren Schutz , wenn es ihr oder ihm gelungen , in einer schwachen Stunde eine Eroberung zu machen . Die Treue ist das große Gängelband der menschlichen Faulheit und Schwäche , sie ist auch die Poesie der Kraftlosigkeit und ein » getreuer Eckard , « unserer Tage , wie Du ihn einst vorhattest , ist eine Sünde wider den Geist der Zeit , und der Geist der Zeit ist der Zeit heiliger Geist . Wenn der König von Gottes Gnaden sich auf Herkommen und angestammte Treue beruft , und darin matt in der Vortrefflichkeit seiner Regierung die Notwendigkeit derselben finden läßt , so ist dies die steife Lehre von der Treue . Nur was Blut hat , soll leben , nicht was nach Leben aussieht ; ist Deines Lebens Blut in Deiner alten Liebe zu finden , dann sei treu , dann ist Deine Liebe jung . Dies ist die schöne Lehre von der Beständigkeit , die dann eine Tugend ist , wenn die äußeren Verhältnisse mit den inneren harmonieren . So ist die Ehe nur ein Damm gegen den Strom der Geselligkeit ; wißt Ihr auf freiere Weise den Strom zu leiten , so braucht Ihr keine Dämme . Wenn erst Tausende nichts mehr dem Herkommen zuliebe tun , so ist das Lebenselement des Herkommens , seine Unzweifelhaftigkeit , vernichtet , und eine neue Welt nähert sich im Sturmschritt . Es geht alles Hand in Hand , die Gesetze sind eine große Kette : trennt ein Glied , und die andern klirren ebenfalls auseinander . Die neuen Staaten machen nach eben diesen Grundsätzen die Ämter beweglich , nur die Kraft behält sie , dem Herkommen zahlt man keinen Deut - alles gilt nur durch das , was es ist , nicht was es war oder heißt . Soll es mit den Ämtern der Liebe nicht ebenso werden ? Dasselbe Geschrei , das sich gegen Aushebung von Ehe und Treue jetzt erheben wird , erhob sich gegen den wechselnden Staatsdienst in den neukonstruierten Staaten . - Fülle vom Leben bringt allerdings auch oft schnellen Tod ; man wird neue Gesetze für jenes gesellschaftliche Verhältnis erfinden , wie man sie für diese gefunden , denn auch die Freiheit hat ihre Gesetze .